Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Akademiebibliothek Biografie von Gottfried Wilhelm Leibniz

Persönliche Kontakte


Ausgewählte Mitglieder der Berliner Akademie der Wissenschaften, mit denen Goethe persönlichen Kontakt hatte:

1. Giovane, Juliane Herzogin, geb. Freiin v. Mudersbach

2. Lucchesini, Marquese Girolamo (1 Brief an G.)

3. Moritz, Karl Philipp (mehrere Briefe an G.)

1. Giovane, Juliane Herzogin, geb. Freiin v. Mudersbach

Geb. 1766 in Mudersbach bei Würzburg, gest. im August 1805 in Ofen (heute Budapest)

AM 16.1.1794

ohne Fachgebiet

In kurzer Ehe verheiratet mit dem Herzog Giovane di Girasole in Neapel, wo sie von 1785 bis 1791 lebte und Hofdame der Königin Maria Carolina war. Nach ihrer Scheidung zog sie 1791 nach Wien, wo sie Oberhofmeisterin der Erzherzogin Marie Luise von Habsburg wurde, der späteren Gattin Napoleons und Kaiserin von Frankreich. Später lebte sie in Ofen und betätigte sich als Dichterin und Schriftstellerin.

Giovane war mit Carl Theodor von Dalberg und Sophie von La Roche befreundet. Berühmt wurde sie durch Goethes Schilderung in der Italienischen Reise (*).

(*) Italienische Reise, 2.6.1787:

Kontext: Goethes bevorstehender Abschied aus Neapel

Goethe hätte den Vesuvausbruch und v.a. die herabströmende Lava gern aus der Nähe beobachtet, sah sich aber zu ungeliebten gesellschaftlichen Dank- und Abschiedsbesuchen verpflichtet.

"Neapel, Sonnabend, den 2. Juni 1787.

Und so hätte ich auch diesen schönen Tag zwar mit vorzüglichen Personen vergnüglich und nützlich, aber doch ganz gegen meine Absichten und mit schwerem Herzen zugebracht. Sehnsuchtsvoll blickte ich nach dem Dampfe, der, den Berg herab langsam nach dem Meer ziehend, den Weg bezeichnete, welchen die Lava stündlich nahm. Auch der Abend sollte nicht frei sein. Ich hatte versprochen, die Herzogin von Giovane zu besuchen, die auf dem Schlosse wohnte, wo man mich denn viele Stufen hinauf durch manche Gänge wandern ließ, deren oberste verengt waren durch Kisten, Schränke und alles Mißfällige eines Hofgarderobewesens. Ich fand in einem großen und hohen Zimmer, das keine sonderliche Aussicht hatte, eine wohlgestaltete junge Dame von sehr zarter und sittlicher Unterhaltung. Als einer gebornen Deutschen war ihr nicht unbekannt, wie sich unsere Literatur zu einer freieren, weit umherblickenden Humanität gebildet; Herders Bemühungen und was ihnen ähnelte, schätzte sie vorzüglich, auch Garvens reiner Verstand hatte ihr aufs innigste zugesagt. Mit den deutschen Schriftstellerinnen suchte sie gleichen Schritt zu halten, und es ließ sich wohl bemerken, daß es ihr Wunsch sei, eine geübte und belobte Feder zu führen. Dahin bezogen sich ihre Gespräche und verrieten zugleich die Absicht, auf die Töchter des höchsten Standes zu wirken; ein solches Gespräch kennt keine Grenzen. Die Dämmerung war schon eingebrochen, und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im Zimmer auf und ab, und sie, einer durch Läden verschlossenen Fensterseite sich nähernd, stieß einen Laden auf, und ich erblickte, was man in seinem Leben nur einmal sieht. Tat sie es absichtlich, mich zu überraschen, so erreichte sie ihren Zweck vollkommen. Wir standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor uns; die herabfließende Lava, deren Flamme bei längst niedergegangener Sonne schon deutlich glühte und ihren begleitenden Rauch schon zu vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, über ihm eine ungeheure feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf blitzartig gesondert und körperhaft erleuchtet. Von da herab bis gegen das Meer ein Streif von Gluten und glühenden Dünsten; übrigens Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddämmerung, klar, friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu übersehen und den hinter dem Bergrücken hervortretenden Vollmond als die Erfüllung des wunderbarsten Bildes zu schauen, mußte wohl Erstaunen erregen.

Dies alles konnte von diesem Standpunkt das Auge mit einmal fassen, und wenn es auch die einzelnen Gegenstände zu mustern nicht imstande war, so verlor es doch niemals den Eindruck des großen Ganzen. War unser Gespräch durch dieses Schauspiel unterbrochen, so nahm es eine desto gemütlichere Wendung. Wir hatten nun einen Text vor uns, welchen Jahrtausende zu kommentieren nicht hinreichen. Je mehr die Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen; der Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Säulen des Rauchs, dessen Streifen und Massen durchleuchtet bis ins einzelne deutlich, ja, man glaubte mit halbweg bewaffnetem Auge die glühend ausgeworfenen Felsklumpen auf der Nacht des Kegelberges zu unterscheiden. Meine Wirtin, so will ich sie nennen, weil mir nicht leicht ein köstlichers [sic] Abendmahl zubereitet war, ließ die Kerzen an die Gegenseite des Zimmers stellen, und die schöne Frau, vom Monde beleuchtet, als Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schöner zu werden, ja ihre Lieblichkeit vermehrte sich besonders dadurch, daß ich in diesem südlichen Paradiese eine sehr angenehme deutsche Mundart vernahm. Ich vergaß, wie spät es war, so daß sie mich zuletzt aufmerksam machte, sie müsse mich, wiewohl ungerne, entlassen, die Stunde nahe schon, wo ihre Galerien klostermäßig verschlossen würden. Und so schied ich zaudernd von der Ferne und von der Nähe, mein Geschick segnend, das mich für die widerwillige Artigkeit des Tages noch schön am Abend belohnt hatte. Unter den freien Himmel gelangt, sagte ich mir vor, daß ich in der Nähe dieser größern Lava doch nur die Wiederholung jener kleinern würde gesehen haben, und daß mir ein solcher Überblick, ein solcher Abschied aus Neapel nicht anders als auf diese Weise hätte werden können."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 345-347.

nach oben

2. Lucchesini, Marquese Girolamo (1 Brief an G.)

Geb. 7.5.1751 in Lucca, gest. 20.10.1825 in Florenz

EM 24.8.1786

ohne Fachgebiet

Lucchesini gehörte zur Tischgesellschaft Friedrichs II. und vermittelte dessen literarischen Verkehr mit italienischen Gelehrten. Von 1786 bis 1802 stand er im preußischen diplomatischen Dienst. Dabei wurde er u.a. mit einer Mission zum Papst betraut, während der er Goethe kennenlernte und dessen Gesprächspartner und zeitweiliger Reisegefährte war (vgl. Italienische Reise*). Ein weiteres Treffen fand 1792 in Trier statt (vgl. Campagne in Frankreich 1792*).

Der einzig erhaltene (nicht veröffentlichte) Brief Lucchesinis an Goethe vom 4.10.1806 drückt das Bedauern darüber aus, den in Jena weilenden Dichter auf einer Durchreise durch Weimar nicht begrüßen zu können.

(*) Italienische Reise, 1.6.1787:

"Neapel, den 1. Juni 1787

Die Ankunft des Marquis Lucchesini hat meine Abreise auf einige Tage weiter geschoben; ich habe viel Freude gehabt, ihn kennen zu lernen. Er scheint mir einer von denen Menschen zu sein, die einen guten moralischen Magen haben, um an dem großen Welttische immer mitgenießen zu können; anstatt daß unsereiner wie ein wiederkäuendes Tier sich zuzeiten überfüllt und dann nichts weiter zu sich nehmen kann, bis er eine wiederholte Kauung und Verdauung geendigt hat. Sie gefällt mir auch recht wohl, sie ist ein wackres deutsches Wesen."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 343.

Italienische Reise, 5.7.1787:

"Lucchesini ist wieder hier, der alle Welt sieht und den man sieht wie alle Welt. Ein Mann, der sein Metier recht macht, wenn ich mich nicht sehr irre."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 365 f.

(*) Campagne in Frankreich 1792, Oktober:

"Mein Fürst hatte mir aufgetragen, dem Marquis Lucchesini aufzuwarten, eine Abschiedsempfehlung auszusprechen und mich nach einigem zu erkundigen. Bei später Abendzeit, nicht ohne einige Schwierigkeiten, ward ich bei diesem mir früher nicht ungewogenen bedeutenden Manne eingelassen. Die Anmut und Freundlichkeit, mit der er mich empfing, war wohltätig; nicht so die Beantwortung meiner Fragen und Erfüllung meiner Wünsche. Er entließ mich, wie er mich aufgenommen hatte, ohne mich im mindesten zu fordern, und man wird mir zutrauen, daß ich darauf vorbereitet gewesen."

Quelle: Goethe: Campagne in Frankreich 1792, HA Bd. 10, S. 297.

nach oben

3. Moritz, Karl Philipp (mehrere Briefe an G.)

Geb. 15.9.1757 in Hameln, gest. 26.6.1793 in Berlin

OM 6.10.1791

Kunst- und Altertumswissenschaft

Moritz war ein enger Freund Goethes während und nach der Italienischen Reise. Goethe lernte den aus den ärmsten Verhältnissen stammenden Moritz gleich zu Beginn seines ersten römischen Aufenthalts kennen (*1). Die beiden Schriftsteller verspürten sofort eine enge geistige Verwandtschaft (*2). Goethe, der ein großes Interesse für Moritzens sozial 'beschädigte', zugleich aber äußerst wißbegierige Persönlichkeit zeigte (*3), diskutierte mit dem jüngeren Freund in Rom über die verschiedensten Bereiche der Kunst und Gelehrsamkeit, etwa über Fragen der Prosodie (*4), über antike Mythologie (*5) oder über die Metamorphose der Pflanzen (*6). Von zentraler Bedeutung für beide war die gemeinsame Erarbeitung der klassischen Autonomieästhetik (*7).

Moritzens Ernennung zum Ordentlichen Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften erfolgte auf Vermittlung des Weimarer Herzogs Carl August, die von Goethe veranlaßt worden war.

(*1) Zu Goethes römischer Bekanntschaft mit Moritz:

Italienische Reise, 1.12.1786:

"Moritz ist hier, der uns durch 'Anton Reiser' und die 'Wanderungen nach England' merkwürdig geworden. Es ist ein reiner, trefflicher Mann, an dem wir viel Freude haben."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 144.

(*2) Zur geistigen Verwandtschaft zwischen Goethe und Moritz:

Brief an Charlotte v. Stein, 13.-16.12.1786:

"Moritz der an seinem Armbruch noch im Bette liegt, erzählte mir wenn ich bey ihm war Stücke aus Seinem Leben und ich erstaunte über die Ähnlichkeit mit dem Meinigen. Er ist wie ein jüngerer Bruder von mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich begünstigt und vorgezogen bin. Das machte mir einen sonderbaren Rückblick in mich selbst. Besonders da er mir zuletzt gestand, daß er durch seine Entfernung von Berlin eine Herzensfreundinn betrübt."

Quelle: WA IV, Bd. 8, S. 94.

(*3) Zu Moritzens Persönlichkeit:

Italienische Reise, 17.2.1787:

"Es ist ein sonderbar guter Mensch, er wäre viel weiter, wenn er von Zeit zu Zeit Personen gefunden hätte, fähig und liebevoll genug, ihn über seinen Zustand aufzuklären. Gegenwärtig kann er kein gesegneteres Verhältnis anknüpfen, als wenn ihm Herder erlaubt, manchmal zu schreiben. Er beschäftigt sich mit einem lobenswürdigen antiquarischen Unternehmen, das wohl verdient, gefördert zu werden. Freund Herder wird nicht leicht eine Mühe besser angewendet und gute Lehre kaum in einen fruchtbarern Boden gelegt haben."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 174.

(*4) Zur deutschen Prosodie:

Italienische Reise, 10.1.1787:

"'Iphigenia' in Jamben zu übersetzen, hätte ich nie gewagt, wäre mir in Moritzens 'Prosodie' nicht ein Leitstern erschienen. Der Umgang mit dem Verfasser, besonders während seines Krankenlagers, hat mich noch mehr darüber aufgeklärt, und ich ersuche die Freunde, darüber mit Wohlwollen nachzudenken.

Es ist auffallend, daß wir in unserer Sprache nur wenige Silben finden, die entschieden kurz oder lang sind. Mit den andern verfährt man nach Geschmack oder Willkür. Nun hat Moritz ausgeklügelt, daß es eine gewisse Rangordnung der Silben gebe, und daß die dem Sinne nach bedeutendere gegen eine weniger bedeutende lang sei und jene kurz mache, dagegen aber auch wieder kurz werden könne, wenn sie in die Nähe von einer andern gerät, welche mehr Geistesgewicht hat. Hier ist denn doch ein Anhalten, und wenn auch damit nicht alles getan wäre, so hat man doch indessen einen Leitfaden, an dem man sich hinschlingen kann. Ich habe diese Maxime öfters zu Rate gezogen und sie mit meiner Empfindung übereinstimmend getroffen."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 157.

(*5) Zur antiken Mythologie:

Italienische Reise, 18.8.1787:

"Moritz studiert jetzt die Antiquitäten und wird sie zum Gebrauch der Jugend und zum Gebrauch eines jeden Denkenden vermenschlichen und von allem Büchermoder und Schulstaub reinigen. Er hat eine gar glückliche richtige Art, die Sachen anzusehn, ich hoffe, daß er sich auch Zeit nehmen wird, gründlich zu sein. Wir gehen des Abends spazieren, und er erzählt mir, welchen Teil er des Tags durchgedacht, was er in den Autoren gelesen, und so füllt sich auch diese Lücke aus, die ich bei meinen übrigen Beschäftigungen lassen müßte und nur spät und mit Mühe nachholen könnte."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 384.

(*6) Zur Metamorphose der Pflanzen:

Italienische Reise, 28.9.1787:

"Mit Moritz hab' ich recht gute Stunden, und habe angefangen, ihm mein Pflanzensystem zu erklären, und jedesmal in seiner Gegenwart aufzuschreiben, wie weit wir gekommen sind. Auf diese Art konnt' ich allein etwas von meinen Gedanken zu Papier bringen. Wie faßlich aber das Abstrakteste von dieser Vorstellungsart wird, wenn es mit der rechten Methode vorgetragen wird und eine vorbereitete Seele findet, seh' ich an meinem neuen Schüler. Er hat eine große Freude daran und ruckt immer selbst mit Schlüssen vorwärts."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 400.

(*7) Zur gemeinsamen Ausbildung der klassischen Kunstautonomie:

Italienische Reise, Bericht März 1788:

"'Über die bildende Nachahmung des Schönen', von Karl Philipp Moritz. Braunschweig 1788. Unter diesem Titel ward ein Heft von kaum vier Bogen gedruckt, wozu Moritz das Manuskript nach Deutschland geschickt hatte, um seinen Verleger über den Vorschuß einer Reisebeschreibung nach Italien einigermaßen zu beschwichtigen. [...] Gedachtes Heft [...] war aus unsern Unterhaltungen hervorgegangen, welche Moritz nach seiner Art benutzt und ausgebildet."

Quelle: Goethe: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 534.
nach oben


URL dieser Seite: http://bibliothek.bbaw.de/goethe/ausstellung/netzwerke/persoenlich

Datenschutzhinweise | Impressum | Kontakt | Letzte Änderung: 23.08.2006