Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Akademiebibliothek Biografie von Gottfried Wilhelm Leibniz

Goethes Briefe

Goethes Briefe an Mitglieder der Berliner Akademie der Wissenschaften

1.   Bitaubé, Paul Jeremias (1 Brief G.s u. 1 Brief an G.)

2.   Buch, Christian Leopold Frh. v. (1 Brief G.s)

3.   Diez, Heinrich Friedrich v. (4 Briefe G.s)

4.   Ehrenberg, Christian Gottfried (1 Brief G.s)

5.   Hagen, Friedrich Heinrich v. d. (4 Briefe G.s u. 3 Briefe an G.)

6.   Hirt, Aloys Ludwig (8 Briefe G.s u. 13 Briefe an G.)

7.   Hufeland, Christoph Wilhelm (2 Briefe G.s u. 3 Briefe an G.)

8.   Humboldt, Alexander v. (8 Briefe G.s u. 15 Briefe an G.)

9.   Humboldt, Wilhelm v. (35 Briefe G.s u. 83 Briefe an G.)

10. Karsten, Dietrich Ludwig Gustav (1 Briefe G.s u. 1 Brief an G.)

11. Lichtenstein, Martin Heinrich Carl (1 Briefe G.s u. 1 Brief an G.)

12. Müller, Johannes v. (8 Briefe G.s u. 8 Briefe an G.)

13. Niebuhr, Barthold Georg (4 Briefe Goethes + 2 Konzepte eines nicht abgesandten Briefes)

14. Parthey, Gustav Friedrich Constantin (1 Brief G.s)

15. Radowitz, Joseph Maria Ernst Christian Wilhelm v. (1 Brief G.s)

16. Rühle v. Lilienstern, Johann Jacob Otto August (2 Briefe G.s u. 2 Briefe an G.)

17. Savigny, Friedrich Carl v. (1 Brief G.s)

18. Schleiermacher, Friedrich (1 Brief G.s)

19. Sprengel, Kurt Polycarp Joachim (4 Briefe G.s u. 2 Briefe an G.)

20. Stein, Heinrich Friedrich Carl Reichsfrh. vom und zum (4 Briefe G.s)

21. Stein zum Altenstein, Carl Frh. v. (5 Briefe G.s)

22. Süvern, Johann Wilhelm (2 Briefe G.s u. 1 Brief an G.)

23. Uhden, Johann Daniel Wilhelm Otto (1 Brief G.s)

24. Walter, Friedrich August (1 Brief G.s)

Den einzelnen, nach Adressaten bzw. intern chronologisch geordneten Briefen wird jeweils ein Gesamtüberblick vorangestellt, der auch die bis 1810 verfaßten Gegenbriefe anzeigt. Die einzige Ausnahme stellen hier die erhaltenen Briefe der Brüder Humboldt dar, die aufgrund der besseren Quellenlage vollständig (d.h. bis 1832) erfaßt werden konnten. Generell wurden die Gegenbriefe nicht in die Textwiedergabe aufgenommen. Hier bilden wiederum einige ausgewählte Briefe der Brüder Humboldt ein Ausnahme.

1. Bitaubé, Paul Jeremias:

Überblick:

Goethe an Bitaubé:

19.11.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 148 f., Nr. 4317)

Bitaubé an Goethe:

6.9.1800 (RA Bd. 3, S. 244 f., Nr. 866)

* An Paul Jeremias Bitaubé, 19.11.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 148 f., Nr. 4317):

[Concept.]

Wenn es rühmlich für einen Schriftsteller ist von fremden Nationen gekannt zu seyn, so ist es, dünkt mich, noch ehrenvoller, von Männern geschätzt zu werden, welche die Muster kennen nach denen er sich zu bilden gesucht hat.

Sie haben, würdiger Mann, mein Gedicht der Übersetzung nicht unwerth geachtet, nachdem Sie, in früherer Zeit, Ihr Gefühl für unsere Lehrer, die Griechen, und für den Reiz patriarchalischer Sitten, durch Übersetzung und eigne Arbeit an den Tag gelegt hatten.

Sie lassen, durch diesen Antheil an meinem Gedicht, dem Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren, das in mir immer lebendig war, mich von den Formen der Alten so viel als möglich zu durchdringen.

Ich wünsche Ihrer Arbeit in Frankreich um so mehr Beyfall, als schon der Inhalt für den Leser nicht ohne Nutzen bleiben kann. In jedem Staat, besonders aber in einer Republik, ist es höchst wichtig daß der Mittelstand geachtet werde und sich selbst achte; welches bey Ihren Landsleuten nicht immer der Fall zu seyn scheint.

Wäre ich jünger, so würde ich den Plan machen Sie zu besuchen, die Sitten und Localitäten Frankreichs, die Eigenheiten seiner Bewohner, so wie die sittlichen und geistigen Bedürfnisse derselben nach einer so großen Crise näher kennen zu lernen. Vielleicht gelänge es mir alsdann ein Gedicht zu schreiben, das, als Nebenstück zu Herrmann und Dorothea, von Ihrer Hand übersetzt, nicht ohne Wirkung bleiben sollte; die, wenn sie auch nur beschränkt wäre, doch dem Übersetzer wie dem Verfasser genug thun könnte.

Doch ein solches Unternehmen erfordert Kräfte, die ich mir nicht mehr zutraue. Ich werde wohl auf die Hoffnung Paris und Sie zu sehen Verzicht thun müssen; dagegen ich mich, mit wiederholtem Dank, Ihrem geneigten Andenken empfehle.

Weimar am 19. Nov. 1800.

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2. Buch, Christian Leopold Freiherr von:

Überblick:

Goethe an Buch:

22.8.1825 (WA IV, Bd. 40, S. 26, Nr. 40017)

* An Christian Leopold von Buch, 22.8.1825 (WA IV, Bd. 40, S. 26, Nr. 40017):

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

höchst bedeutende Sendung, werde mit dem größten Antheil beachten und studiren und um so eifriger als man bey Ihren Nachrichten und Darstellungen die Natur selbst vor Augen zu haben glaubt. Nehmen Sie daher meinen verpflichtetsten Dank und erhalten mir ein wohlwollendes Andenken.

Weimar den [22.] August 1825.

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3. Diez, Heinrich Friedrich von:

Überblick:

Goethe an Diez:

20.5.1815 (WA IV, Bd. 25, S. 339 f., Nr. 7116)

15.11.1815 (WA IV, Bd. 26, S. 152 f., Nr. 7218)

1.2.1816 (WA IV, Bd. 26, S. 246, Nr. 7287)

23.10.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 205 ff., Nr. 7526)

* An Heinrich Friedrich von Diez, 20.5.1815 (WA IV, Bd. 25, S. 339 f., Nr. 7116):

Hochwohlgeborner

Insonders Hochverehrter Herr!

Ew. Hochwohlgeboren werden ein geringes Zeugniß meiner Dankbarkeit für so viele und schätzbare Belehrungen freundlich aufnehmen. Das Buch Kabus vereinigt mich und meine Freunde schon geraume [sic] Zeit in der angenehmsten Unterhaltung, indem darin die verschiedensten Schicksale, Beschäftigungen und Liebhabereyen auf die vernünftigste Weise geregelt werden, es sey nun von Zuständen die Rede, die uns nur historisch und analog interessiren, oder sich bis auf unsere Zeit wirklich fortsetzen. Und so will ich so vieles andere nicht berühren, auch für das angenehme Tulpengeschenk nur mit wenigen Worten aufrichtig danken.

Erlauben Hochdieselben mir zugleich einige Anfragen, und zwar zuerst, was die auf dem beygefügten Deckel befindliche Schrift für ein Buch anzeige?

Sodann wünschte einige Kenntniß von dem türkischen Roman Vamek und Ada zu erhalten, besonders auch zu erfahren, worin etwa das Charakteristische ihrer Personen und Schicksale besteht, wodurch sie sich vor andern Liebenden auszeichnen. Herbelot hat sich gar zu kurz gefaßt.

Wobey ich mir zunächst die Erlaubniß ausbitte, in einem Reiche, worin ich nur als Fremdling wandle, indessen Sie es unumschränkt beherrschen, manchmal Ihren Schutz und Ihre Gunst anrufen zu dürfen.

Ew Hochwohlgeb.

gehorsamster Diener

Weimar d. 20. May 1815. J. W. v. Goethe.

* An Heinrich Friedrich von Diez, 15.11.1815 (WA IV, Bd. 26, S. 152 f., Nr. 7218):

[Concept.]

Wenn auf Ew. Hochwohlgeb. verehrliches und lehrreiches Schreiben in geraumer Zeit nichts erwidert, so wird mir zu einiger Entschuldigung dienen eine viermonatliche Abwesenheit vom Hause. Daß ich sogleich bey meiner Rückkunft wegen der Catalogs der orientalischen Sammlung nach Gotha geschrieben, bezeugt beyliegendes Schreiben des Herrn Hofrath und Oberbibliothekar Jacobs, von welchem begleitet ich ein Exemplar vor einigen Tagen erhalten. Es geht mit der fahrenden Post an Ew. Hochwohlgeb. ab und steht ganz zu Diensten. Wie erfreut es mich, daß ich für so viele Belehrung und Aufklärung hiedurch etwas Freundliches erzeigen kann. Sobald ich Herrn Lorsbach gesprochen, vermelde wie weit derselbe mit der Revision gekommen. Durch Seezens Tod geht denn nun leider noch so manches Bemerkte und Angeschaffte verloren.

Das weite Feld des orientalischen Studiums giebt mir sehr frohe Ansichten, leider fehlt mir die Kenntniß der Sprachen, an welche seit meiner Jugend kaum mehr denken können. Wie höchst schätzbar daher jene Vermittlung sey, die wir Ew. Hochwohlgeb. verdanken, darf ich nicht erst betheuern. Das Studium Ihrer Einleitungen in das Buch Kabus, sodann des Werkes selbst, vergegenwärtigt uns Sinn und Geist jener merkwürdigen Völker. Die Schrift Achmet Effendi setzt die neuere Denkweise und den gleichzeitigen Zustand in's hellste Licht. Wie ich denn auch den 2. Theil der Denkwürdigkeiten, nach Ihrer gefälligen Zusage, zum voraus dankbar, erwarte.

Höchst wichtig ist es für den Kunstfreund die alten Mythen, Fabeln und Legenden kennen zu lernen, aus welchen die Griechen ihre Gedichte, ja selbst ihre plastischen und mahlerischen Arbeiten, kunstreich gleichsam epitomisirt haben. Man wird dadurch in den Stand gesetzt, Stoff und Behandlung zu vergleichen, welches mir bey ästhetischer Beurtheilung immer das Fruchtbarste zu seyn scheint. Nach dem Polyphem trage daher ein großes Verlangen.

* An Heinrich Friedrich von Diez, 1.2.1816 (WA IV, Bd. 26, S. 246, Nr. 7287):

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeb.

haben durch Ihr treffliches Werk mir und meinen Freunden die Winterabende sehr verkürzt. Wir lasen es von Anfang bis zu Ende durch und sind jetzt daran, es theilweise zu wiederholen. Die daraus gewonnene Belehrung ist uns unschätzbar und so konnt ich auch früher Ew. Hochwohlgeb. Arbeiten als die Basis ansehen, worauf sich meine Kenntnisse des Orients gründeten, indem Genauigkeit und Sicherheit die köstlichen Eigenschaften Ihrer Werke sind. Vom Einzelnen darf ich dießmal nicht reden, jedoch mit wenig Worten mein Bedauern ausdrücken, hier abermals ein Beyspiel gesehen zu haben, wie die Gildemeister, anstatt der guten Sache förderlich zu seyn, das Verdienst zu hindern und zu verdrängen suchen.

Doch will es zu unserer Zeit nicht recht mehr gelingen, indem das Echte und Tüchtige doch zuletzt seinen Platz behauptet.

Mich zu geneigtem Andenken auf das angelegentlichste empfehlend.

Weimar d. 1. Febr. 1816.

* An Heinrich Friedrich von Diez, 23.10.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 205 ff., Nr. 7526):

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeb.

haben mir abermals einen großen Beweis Ihres Wohlwollens gegeben, indem Sie Ihre wichtigen Geschäfte aus Handen legend, meinen Wünschen auf die freundlichste Weise entgegen kommen.

Diesen Sommer bin ich mit mehrern Personen zusammen getroffen, welche das Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft genießen und alle von gleicher Verehrung und Hochschätzung erfüllt sind. Leider erfuhr ich aber auch durch diese, daß Ihre Thätigkeit nicht nach Verdienst durch Gesundheit begünstigt wird. Freylich müssen wir in einem gewissen Alter schon zufrieden seyn, wenn unser Wirken noch einigermaßen fortdauert, und uns vergönnt ist leidlicher Tage zu eigner Zufriedenheit und zum Nutzen anderer zu genießen. Möge das große Werk an dem Sie arbeiten unter Ihren Händen vollendet werden.

Wie sehr wünscht ich in Ew. Hochwohlgeb. Nähe zu verweilen, mündliche Belehrung würde mich sehr glücklich machen, denn da ich in einem für mich beinahe ganz neuem Feld nicht blos nach Namen und allgemeinen Begriffen strebe, sondern das Eigenthümlichste zu erfahren wünsche; so kann freylich nur derjenige, der die Gegenstände gründlich durchsieht, rathen und helfen.

Daher bin auf's dankbarlichste verpflichtet, daß Ew. Hochwohlgeb. mir das Eigenthümliche des orientalischen Spaßmachers in einigen Geschichten darlegen wollen. Die Stellung solcher Lustigmacher an Höfen bleibt immer dieselbe, nur das Jahrhundert und die Landschaft machen Abstufungen und Schattirungen und so ist denn dieser sehr merkwürdig, weil er den ungeheuern Mann begleitet der in der Welt so viel Unheil angerichtet hat und den man hier in seinem engsten und vertrautsten Zirkel sieht.

Von Petersburg hab ich in diesen Tagen ein Blatt Handschrift des persischen Gesandten Mirza Eboul Hassan Chan erhalten. Die Übersetzung folgt hiebey. Hätt ich nicht durch das Buch des Kabus und durch manche Stellen der Werke Ew. Hochwohlgeb. einen Begriff von den orientalischen Canzleyverwandten, so würden mir diese Wendungen und sonderbaren Andeutungen wohl schwerlich ihrem wahren Sinne nach klar geworden seyn. Nun scheint mir aber diese Poesie und Prosa gar wohl diplomatisch und einem Gesandten der aus so fernen Landen kommt wohl angemessen. Möchte ich doch gelegentlich Ew. Hochwohlgeb. Gedanken darüber vernehmen, und zugleich erfahren daß Ihr Befinden die Arbeit nicht unterbricht, die Ew. Hochwohlgeb. zu einem so ausgebreiteten frommen Zweck unternehmen.

Weimar d. 23. October 1816.

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4. Ehrenberg, Christian Gottfried:

Überblick:

Goethe an Ehrenberg:

6.11.1830 (WA IV, Bd. 48, S. 5 ff., Nr. 48005)

* An Christian Gottfried Ehrenberg, 6.11.1830 (WA IV, Bd. 48, S. 5 ff., Nr. 48005):

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

haben sich durch die reichhaltige Sendung ein großes Verdienst um mich erworben; es sind vierzig Jahre verflossen, seit ich mich auch um jene geheimnißvollen Tiefen bemühte, als ein treffliches Mikroskop auf einer Reise mir dergestalt beschädigt wurde, daß eine verspätete und nicht einmal glückliche Wiederherstellung mich von ganz andern Beschäftigungen und Neigungen befangen antraf, und ich bisher alle einzelnen Versuche mich wieder dorthin zu begeben vereitelt sah.

Nun aber kann ich mit größter Bequemlichkeit und Klarheit mich wieder ungescheut in solche Abgründe wagen, deren Schätze Sie uns zugänglich an das Tageslicht hervorheben.

Sehr schön und tröstlich für denjenigen, der im Allgemeinen einen ewigen Zusammenhang zu finden glaubt, ist die Bemerkung, daß in dem Wasser unter allen Himmelsstrichen sich gleiche einfache Gestalten hervorthun, die sich denn hernach durch Entwicklung und Assimilation, als den Haupt-Wirksamkeiten des Lebendigen, auf das wunderbarste vermannichfaltigen mögen. Haben Sie Dank für die Facilität, wie wir uns diese Geschöpfe näher gebracht sehen.

Eben so war es mir und meinen Freunden höchst erfreulich, wie Sie uns die Phänomene der Wüste, von allem Imaginativen und Apprehensiven entkleidet, in näherer Wirklichkeit heranführen, daß wir sie als dem gemeinen Leben verwandt gleichfalls betrachten können. Wie vieles wäre zu sagen, weshalb ich denn wohl mich in die Gegenwart eines solchen Forschers wünschte, um an jenen Entdeckungen, deren eine aus der andern sich nothwendig entwickeln muß, gleich bey dem ersten Gewahrwerden theilnehmen zu können. Denn obgleich die Mittheilung durch den Druck zu unsrer Zeit große Bequemlichkeit bietet, so begreif ich doch gar oft, wie ältere und neuere Forscher sehr wohl handelten, wenn sie sich selbst auf den Weg machten, um diejenigen in ihren Werkstätten zu besuchen, welche mit ihnen gleiche Zwecke zu erreichen strebten.

Wie manche Betrachtungen muß ich ablehnen und darf meine Dankbarkeit gegen Herrn Professor v. Froriep wegen gefälliger Vermittelung nur mit dem Wenigsten aussprechen, um recht bald mich hochachtungsvoll zu unterzeichnen.

Weimar den 6. November 1830.

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5. Hagen, Friedrich Heinrich von der:

Überblick:

Goethe an Hagen:

18.10.1807 (WA IV, Bd. 19, S. 437 f., Nr.5437)

11.9.1811 (WA IV, Bd. 22, S. 161 f., Nr. 6190)

28.4.1827 (WA IV, Bd. 42, S. 158 f., Nr. 42137)

3.6.1827 (WA IV, Bd. 42, S. 209, Nr. 42181)

Hagen an Goethe:

1.10.1807 (RA Bd. 5, S. 264, Nr. 742)

10.1.1808 (RA Bd. 5, S. 283 f., Nr. 799)

19.4.1809 (RA Bd. 5, S. 399, Nr. 1145)

* An Friedrich Heinrich von der Hagen, 18.10.1807 (WA IV, Bd. 19, S. 437 f., Nr.5437):

Ew. Hochwohlgeb.

für das übersendete Exemplar der Nibelungen zu danken, eile ich um so mehr, als ich noch Ihnen und Ihrem Freunde wegen der Lieder ein Schuldner bin. Wie sehr ich dergleichen Arbeiten unserer Vorfahren schätze, brauche ich nicht erst auszusprechen, da ich diese Neigung schon mehrmals durch Nachbildung gezeigt habe. Ja es wäre mir unangenehm, daß ich nicht mehr in diesem Fache gethan, wenn ich nicht eben erlebte, daß jüngere Freunde hier so wacker eingreifen.

Das Lied der Nibelungen kann sich, nach meiner Einsicht, dem Stoff und Gehalte nach, neben alles hinstellen, was wir poetisch vorzügliches besitzen; wohin ich es der Form und dem Gehalt nach einrangiren soll, bin ich bis jetzt mit mir selbst noch nicht einig. Man hatte bisher zu sehr mit den alterthümlichen Eigenheiten zu kämpfen, welche das Gedicht für einen Jeden umhüllen, der es nicht ganz eigen studirt und sich hiezu aller Hülfsmittel bemächtigt. Beydes haben Sie gethan, und uns ist nun die Betrachtung um so viel bequemer gemacht. Indem ich mich nun aufs neue mit dem Gedicht beschäftigte und Ihren Anhang studire, so erwarte ich mit Verlangen die versprochene Einleitung, weil man erst über verschiedene Bedingungen, unter denen das Gedicht entstanden, aufgeklärt werden muß, ehe man darüber noch weiter zu urtheilen wagt.

Alles Übrige, was Sie uns zusagen, und was sich nach der großen Vorarbeit bald hoffen läßt, wird mir sehr erfreulich seyn; so wie die Frage allerdings bedeutend ist, ob aus dieser so reichen epischen Dichtung sich Stoff zur Tragödie heraus heben lasse.

Sollte ich gegen so viel Gutes und Schönes durch Mittheilung irgend etwas wünschenswerthes erwiedern [sic] können, so würde es mir sehr angenehm seyn, meine Dankbarkeit auf eine thätige Weise ausdrücken.

Der ich recht wohl zu leben wünsche und mich geneigtem Andenken empfehle.

Weimar, den 18. October 1807.

Goethe.

* An Friedrich Heinrich von der Hagen, 11.9.1811 (WA IV, Bd. 22, S. 161 f., Nr. 6190):

Hochwohlgebohrner,

Insonders hochgeehrtester Herr,

Ew. Hochwohlgebornen lassen mir Gerechtigkeit widerfahren, wenn Sie überzeugt sind, daß ich nicht aufhöre Theil an den Arbeiten zu nehmen, denen Sie sich mit so viel Einsicht und Fleiß gewidmet haben; und ich finde mich besonders geehrt durch die öffentliche Versicherung dieser Ihrer Überzeugung, so wie ich die mir geschenkte Neigung dankbar erwiedre [sic].

Ich gehöre gewiß zu denjenigen, welche das Verdienst Ihrer Bemühungen erkennen. Denn diese schätzbaren Reste des Alterthums hätten viel früher auf mancherley Weise einen günstigen Einfluß auf mich ausgeübt, hätten sie mich nicht durch ihre rauhe Schale abgeschreckt, welche zu durchbrechen weder mein Naturell noch meine Lebensweise geeignet war. Es muß mir daher höchst erwünscht seyn, jene bedeutenden Werke sowohl in einer Reihe als ihrem innern Verdienst nach kennen zu lernen, da sie mir früher nur einzeln und zerstreut und gewissermaßen blos nach ihrem allgemeinen Inhalt bekannt waren. Daher ich denn, was mich betrifft, der Behandlungsweise, wodurch Sie uns diese Gedichte näher bringen, meinen völligen Beyfall gebe, um so mehr, als das Rohe und Ungeschlachte, was sich an ihnen findet, zwar dem Character iener Zeit angemessen, auch bey der historischen Würdigung wohl nothwendig zu beachten, keinesweges aber zur wahren Schätzung nöthig und dem Genuß durchaus hinderlich ist.

Ich wünsche daher nichts mehr, als zu vernehmen, daß Ew. Hochwohlgebornen [sic] und diejenigen, welche sich diesen und ähnlichen Studien ergeben haben, sowohl aus eigener Neigung, als aufgemuntert durch die Theilnahme des Publicums, fröhlich darin fortfahren. Der ich die Ehre habe mit besonderer Hochachtung mich unterzeichnen

Weimar Ew. Hochwohlgeb.

den 11. September ganz gehorsamster Diener

1811 J. W. v. Goethe.

* An Friedrich Heinrich von der Hagen, 28.4.1827 (WA IV, Bd. 42, S. 158 f., Nr. 42137):

Ew. Hochwohlgeboren

Wunsch, den jenaischen Codex der Minnesänger in Berlin zu benutzen habe mit höchster Erlaubniß seiner Zeit sehr gern erfüllt und Sie haben dessen längeres Außenbleiben auf meine deshalb gethane Erinerung [sic] mit verspäteter Mittheilung erklärt, dabey auch zugesagt, daß in den Osterferien das genannte Manuscript studirt und alsobald zurück gesendet werden sollte.

Wie ich nun, nach verflossenem diesem Termin, die Angelegenheit abermals in Erinnerung zu bringen verpflichtet bin und mich ein längeres Außenbleiben in nicht geringe Verlegenheit setzen würde, so ersuche Dieselben dringend, gefällige Sorge zu tragen, daß gedachtes kostbare Manuscript wohl eingepackt in einer emballirten Kiste, wie solches hingesendet worden, durch den Postwagen anher unter meiner Adresse gesandt werde, wodurch ich mich denn beruhigt sehen werde.

Für die Mittheilung von Tausend und Einem Tag, erster Band, bekenne mich schönstens dankbar. Schon in den späteren Theilen der von Ihnen gegebenen Tausend und Eine Nacht fand sich ein merklicher Unterschied des Sinnes und Tons, angenehm zu beobachten. Diese neuesten Mährchen haben abermals etwas anders, wie es der Zeitgeschmack und das Bedürfniß der Hörer scheint verlangt zu haben.

Den Werth dieser und anderer literarischen Arbeiten die wir Ihnen schuldig sind dankbar anerkennend, empfehle die obige Angelegenheit nochmals dringend, indem ich die Ehre habe mich zu unterzeichnen

Ew. Wohlgeboren

ergebenster Diener

Weimar d. 28. Apr. 1827. J. W. v. Goethe.

* An Friedrich Heinrich von der Hagen, 3.6.1827 (WA IV, Bd. 42, S. 209, Nr. 42181):

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

ermangele nicht anzuzeigen, daß mit der fahrenden Post ein Kästchen abgeht, enthaltend die auf hiesiger großherzoglicher Bibliothek befindlichen zwey Bände älterer deutscher Gedichte, wie solche nachstehend näher bezeichnet sind, adressirt an des Herrn Minister v. Altenstein Excellenz, in Gefolg Ihres anher gelangten Ansuchens.

Wir dürfen allerdings wünschen, über diese beiden Manuscripte, so wie über das größere jenaische durch Ew. Hochwohlgeboren Studium und Benutzung näher belehrt zu werden; wie wir denn auch hoffen, vor Michael die letztern zurückgesendet zu sehen.

Bleiben Ew. Hochwohlgeboren überzeugt, daß ich an Ihrer schönen literarischen Thätigkeit durchaus Antheil zu nehmen fortfahre, und daß ich das Wohlwollen zu schätzen weiß, das Sie meinen früheren und späteren Bemühungen zuwenden mögen.

Mit den aufrichtigsten Gesinnungen mich unterzeichnend.

Weimar den 3. Juni 1827.

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6. Hirt, Aloys Ludwig:

Überblick:

Goethe an Hirt:

30.1.1798 (WA IV, Bd. 13, S. 44 ff., Nr. 3725)

1.2.1798 (WA IV, Bd. 18, S. 78 f., Nr. 3729a)

4.11.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 214 f., Nr. 4134)

29.11.1801 (WA IV, Bd. 15, S. 292 ff., Nr. 4450)

3.11.1806 (WA IV, Bd. 19, S. 226 ff., Nr. 5278)

9.6.1809 (WA IV, Bd. 20, S. 359 ff., Nr. 5744)

12.8.1827 (WA IV, Bd. 43, S. 6 f., Nr. 43004)

24.5.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 71 f., Nr. 47064)

Hirt an Goethe:

23.8.1788 (RA Bd. 1, S. 130, Nr. 286)

4.4.1789 (RA Bd. 1, S. 152, Nr. 352)

28.6.1794 (RA Bd. 1, S. 313, Nr. 981)

12.4.1796 (RA Bd. 2, S. 63, Nr. 167)

2.12.1797 (RA Bd. 2, S. 293, Nr. 1033)

31.1.1798 (RA Bd. 2, S. 316 f., Nr. 1119)

22.8.1799 (RA Bd. 3, S. 107 f., Nr. 306)

7.8.1801 (RA Bd. 3, S. 361, Nr. 1313)

6.5.1805 (RA Bd. 5, S. 55 f., Nr. 97)

4.10.1806 (RA Bd. 5, S. 169 f., Nr. 465)

13.4.1806 (RA Bd. 5, S. 310, Nr. 876)

23.5.1809 (RA Bd. 5, S. 408, Nr. 1174)

4.7.1809 (RA Bd. 5, S. 419, Nr. 1207)

* An Aloys Hirt, 30.1.1798 (WA IV, Bd. 13, S. 44 ff., Nr. 3725):

[Concept.]

Beyliegenden Brief bitte Herrn Legationsrath Weiland zu übergeben welcher meine Schuld mit Dank abtragen wird. Das Gemählde macht mir je länger ichs besitze und sehe immer mehr Vergnügen.

Zugleich übersende ich einen Grund- und Aufriß zu einem Zimmer nebst einigen wenigen Anmerkungen. Herr Genz hat ja wohl die Gefälligkeit eine Decoration desselben zu zeichnen und sein Honorar dafür zu bestimmen. Wir lernen seine Arbeiten näher kennen und es wird doch ein Anfang gemacht. Hätte ich allein zu thun, so würde ich ohne weiteres Bedenken das Ganze hinschicken und auch wegen des Preises nicht weiter in Sorge seyn; allein die Schloßbau Commission besteht aus vier Personen, und da man schon verschiedene Mal unangenehme Fälle gehabt hat, wenn man sich ohne vorläufige Bedingungen in ähnliche Relationen setzte, so würde man nicht leicht von der einmal angenommenen Maxime abgehen, um so mehr, da sie beyde Theile gleich begünstigt.

Ist durch diesen vorläufigen Versuch einigermaßen ein Maßstab feste gesetzt, so kann man ja alsdenn für das übrige leicht eine Proportion finden.

Die Zeichnungen zu dem Monumente Friedrichs des Großen haben mir viel Freude gemacht, es ist alles mit viel Überlegung angegeben. Wenn ich etwas zu erinnern hätte, so wäre es daß das innere zu dem äußern uralten und ernsten mir zu heiter und neuartig scheint; es läßt sich aber auch denken daß in der Wirklichkeit sich dieser Eindruck verloren haben würde.

In Ihrem Aufsatze über den Kunstschatz des Königlichen Hauses haben Sie uns ein wahres Verlangen zu dem Ganzen erregt. Sollten Sie nicht einen Katalogus ausarbeiten, der so gefaßt wäre als wenn die Sachen schon beysammen stünden? In einem Nachtrage könnte ja bemerkt werden wie sie gegenwärtig stehen, wodurch Einheimische und Fremde sehr gefördert werden und Ihre gute Absicht, diese trefflichen Kunstgegenstände zusammen zu bringen, wenigstens einstweilen virtualiter erreicht werden würde.

Ich danke für den mitgetheilten Aufsatz des Herrn Genz recht sehr, er erhält wie ich von allen Seiten her vernehme den allgemeinen Beyfall den er verdient.

Wenn Herrmann und Dorothea in Berlin eine gute Sensation machen, ist es mir sehr erfreulich. Berlin ist vielleicht der einzige Ort von dem man sagen kann daß ein Publikum beysammen sey, und um so mehr muß es einen Autor interessiren wenn er daselbst gut aufgenommen wird.

Ihre letzten Aufsätze über Laokoon habe ich noch nicht gesehen. Verzeihen Sie wenn ich über diese schwierige Materie mich sobald nicht äußern kann, ich bin für den Moment himmelweit von solchen reinen und edlen Gegenständen entfernt, indem ich meinen Faust zu endigen, mich aber auch zugleich von aller nordischen Barbarey loszusagen wünsche.

Leben Sie recht wohl und erfreuen Sie uns von Zeit zu Zeit mit Nachrichten von Ihren Geschäften und Unternehmungen.

* An Aloys Hirt, 1.2.1798 (WA IV, Bd. 18, S. 78 f., Nr. 3729a):

1. Februar 1798.

In Ihrem zweyten Aufsatz über Laokoon haben Sie das, was jeder in diesen Fällen thun sollte, nach meinem Urtheil geleistet; Sie haben Ihre Gedanken und Gesinnungen über die Sache auf das klärste ins Licht gesetzt. Ich will, sobald ich Zeit gewinne, das Gleiche von meiner Seite thun und meine Deduction allenfalls auch drucken lassen. Wir sind zu sehr gewohnt, daß ein paar Vorstellungsarten mit Fug und Recht gegen einander stehen können und jede ihre Freunde und Anhänger finden kann; warum sollte es mit unsern Meynungen nicht auch der Fall seyn können? Es kommt mir überhaupt vor, daß es in solchen Fällen nicht sowohl darum zu thun sey, andere von der Gültigkeit unserer Gedanken zu überzeugen, als vielmehr ihre eigene Denkkraft in Thätigkeit zu setzen.

* An Aloys Hirt, 4.11.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 214 f., Nr. 4134):

[Concept.]

Ew. Wohlgeb.

haben mir durch die Übersendung Ihrer schätzbaren Abhandlungen eine wahre Freude gemacht. Sie werden nicht geringen Nutzen stiften wenn Sie das nach und nach dem Publikum mittheilen was Sie mit so vielem Nachdenken und Fleiß ausgearbeitet haben.

Mich verlangt sehr Ihr Werk über die Construction, als Grundlage dessen, was in der Baukunst zuletzt blos Zierrath geworden ist, vollendet zu sehen. Wie sich die organische Natur zur bildenden Kunst verhält, so verhält sich der Begriff der Construction zur Architektur, und es ist nothwendig und löblich beyde Fundamente recht fest zu gründen, wenn das darauf gebaute nicht schwanken soll.

Ich wünsche daß Sie immer ein günstiger Leser unserer Propyläen bleiben mögen, in welchen wir nicht aufhören werden auf solide Kunst zu dringen. Es giebt wirklich unter unsern Zeitgenossen sehr schöne Talente, denen nichts fehlt als daß sie in ihrer frühern Zeit nicht sind veranlaßt worden die Sache ernsthafter zu tractiren.

Was das theoretische betrifft, so möchte wohl jedem die Art, wie er die Dinge ansieht, angeboren seyn, und wir können uns meistens nur von dem, wie andere die Sache nehmen, historisch unterrichten, wir können andere auf ihrem Felde besuchen; aber wir kehren geschwind auf unsern eignen Standpunct zurück. Doch giebt es auch, wie Sie ganz richtig bemerken, Mißverständnisse zwischen denen, welche sehr nahe beysammen stehen, und die muß man so viel als möglich zu heben bemüht seyn.

Fast möchte ich Sie um Ihre Reise nach Niederdeutschland beneiden. Schon lange habe ich mir gewünscht die daselbst aufbewahrten Kunstwerke auch einmal zu sehen.

Herr Büry ist gegenwärtig bey uns und erinnert mich an die guten, leider in mehr als Einem Sinne, verschwundenen römischen Zeiten.

Der ich recht wohl zu leben wünsche und mich geneigtem Andencken empfehle.

W. d. 4. Nov. 99.

* An Aloys Hirt, 29.11.1801 (WA IV, Bd. 15, S. 292 ff., Nr. 4450):

[Concept.]

Schon geraume Zeit liegt ein Blatt bey mir, an Sie gerichtet, das Herr Tieck, der länger als er dachte bey uns verweilte, überbringen sollte. Nun blieb es liegen, als er wegging, und ich gebe Herrn Kriegsrath Gentz, der uns einige Zeit das Vergnügen seiner Gegenwart schenkte, statt des veralteten Briefs den gegenwärtigen mit.

Für das Vergnügen, das Sie mir durch die kleine Bronze verschafft, bin ich Ihnen noch meinen lebhaften Dank schuldig. Diese Brosamen, von dem großen Gastmahl der Vorwelt, sind demjenigen, der sie zu schmecken versteht, ein köstlicher Genuß. Gedenken Sie meiner manchmal wenn Ihnen was gutes vorkommt.

Von geschnittenen Steinen ist auch einiges schätzbare diese Zeit her an mich gelangt.

Leben Sie recht wohl, in der großen Königsstadt, wo die Eröffnung des Theaters und manche andere Feyerlichkeit diesen Winter viel Unterhaltung gewähren wird.

Von unserer kleinen, doch in manchem Betracht interessanten Kunstausstellung hier einstweilen nur vorläufig das trockne Register, bis eine ausführlichere Recension nachfolgen kann.

Weimar am 29. Nov. 1801.

* An Aloys Hirt, 3.11.1806 (WA IV, Bd. 19, S. 226 ff., Nr. 5278):

Weimar, den 3. November 1806.

Ihren lieben und gehaltvollen Brief empfang' ich mitten unter den Kriegsunruhen. Was ist nicht seit dem 6. October, von dem er datirt ist, alles vorgegangen, und schon hat sich der Strom, der bey uns durchbrach, auch bis über Sie weggewälzt. Gerade in einem solchen Augenblick ist es ein schöner Trost, wenn man aufs neue überzeugt wird, daß nichts in der Welt beständiger ist, als frühe, auf Wissenschaft und Kunst und gründliche Thätigkeit gegründete Verhältnisse, und daß nichts erfreulicher bleibt, als mit seinem redlichen Streben dem aufrichten Streben anderer

von Zeit zu Zeit wieder zu begegnen. Nehmen Sie meinen lebhaften Dank, daß Sie meiner in den akademischen Versammlungen gedenken wollen und sagen Sie mir mit einem Worte, ob es nöthig und schicklich ist, daß ich unmittelbar danke, und an wen ich mein Schreiben zu richten hätte, oder ob Sie sich zum Dollmetscher meiner Empfindungen, besonders in den gegenwärtigen verworrenen Zeiten, wohl machen möchten. Ihre Aufsätze zu studiren ist mir immer eine sehr angenehme Unterhaltung, so wie ich Ihr Bilderbuch mit sehr Antheil aufgenommen, mich daran gern alter Zeiten erinnert und mich daraus über manches belehrt habe. Lassen Sie uns in diesen kritischen Momenten treu, wie immer, zusammenhalten, und wo möglich noch eifriger wirken. Was ächt ist, muß sich eben in einem solchen Läuter-Feuer bewähren. Erhalten Sie mir ferner Ihr Andenken und das Andenken der Trefflichen Männer, mit denen Sie in Verhältniß stehen.

G.

Noch an der Seite meinen Dank für das übersendete Werk, dessen wir in unserm Neujahrsprogramm mit Vergnügen gedenken werden.

* An Aloys Hirt, 9.6.1809 (WA IV, Bd. 20, S. 359 ff., Nr. 5744):

[Concept.]

Es geht mir oft so, daß ich meinen Briefen und Antworten einigen Gehalt geben und für ein bedeutendes Mitgetheilte nicht blos einen allgemeinen Dank erwiedern [sic] möchte. Darüber vergeht die Zeit und ich bleibe mit dem besten Willen gegen auswärtige Freunde und Wohlwollende im Rückstande; wobey ich denn Niemand verargen mag, wenn er einige Unzufriedenheit gegen mich empfindet. Ich eile deswegen, Ihnen, mein Werthester, für das Übersendete recht aufrichtig und lebhaft zu danken. Es war mir ein höchst erfreulicher Anblick, das Werk abgeschlossen und gebunden vor mir zu sehen, dessen frühste Anfänge mir schon so bedeutend und belehrend waren. Sie haben sich Ihren treuen Fleiß auf diese Weise selbst belohnt und gewiß wird dieses schöne Resultat Ihres Lebens auch von andern anerkannt werden. Durchlaufen habe ich es schon und mich an der methodischen Zusammenstellung so vieler, in aller Welt zerstreuten einzelnen Documente vorläufig ergötzt.

Die beyden kleineren Schriften waren mir nicht weniger willkommen, ja sie stillten mir eine frühere und oft gewaltsam wiederkehrende Sehnsucht, mich nur einigermaßen zum geistigen Anschauen jener großen Monumente des Alterthums zu erheben, die uns der Lauf der Zeiten misgönnt hat. Ihre Art das von Schriftstellern uns gewiß Überlieferte erst zum Grunde zu legen, dann einer durch andre bekannte Data belebten Analogie Platz zu geben, und die letzten Lücken mit noch gegenwärtigen und dorthin verwandten Beyspielen auszufüllen, ist so gewissenhaft als geistreich, sie überzeugt und überredet.

Welch ein Vorschritt ist nicht hierin seit Caylus geschehen! dem an seiner Stelle sein Verdienst wohl bleiben mag, über den wir uns aber doch zu beschweren haben, daß er unserer Einbildungskraft der Hoheit des Alterthums so wenig gemäße Formen aufbindet, und indem er unsre Erkenntniß erweitern will, unsern Geschmack verschlechtert.

Haben Sie, mein Werthester, nicht auch etwas für das Carische Mausoleum gethan? für den beweglichen Tempel, in welchem Alexanders Leiche nach Ägypten gebracht worden, für den Rogus des Hephaestion, wobey ich zugleich eine plausiblere Hypothese wünschte, warum Alexander, um zu dieser Bestattung Platz zu gewinnen, einen Theil der Mauern von Babylon abtragen lassen? Willkür und Grille ist es gewiß nicht gewesen. Sollte man nicht bey der ungeheurn Dicke der Mauern eine Art von amphitheatralischem Stufensitz auf beyden Seiten für die Zuschauer erhalten, oder vielleicht gar durch die abgetragenen Ziegeln und gewonnene Erde ein wirkliches Amphitheater hergestellt haben?

Wie die Griechen nicht gerade einen Stolz darein setzen alles von Grund aus zu bauen, sondern gar gerne Berge, Hügel und Gründe benutzten, um dem durch die Natur halbvorbereiteten eine architectonische Form zu ihren Zwecken zu geben, wie uns die Theater von Syrakus und Tauromina belehren; sollte man hier nicht auch, um etwas Ungeheures mit Bequemlichkeit und Lichtigkeit zu erlangen, die Mauernberge [sic] einer überwundenen Stadt, als Stoff zu einem solchen Wundergebäude benutzt haben, das ein ganzes Volk und eine ganze Armee fassen sollte. Über andre dergleichen Dinge habe ich noch manchen Einfall, den ich wohl gerne mittheile, und weshalb ich mich gelegentlich anzuregen bitte.

Herrn Bury grüßen Sie zum allerschönsten. Ich habe seinen Brief erhalten. Er verzeihe mir, daß ich nicht antwortete: ich bin ohnehin ein fauler Correspondent, und man entwöhnt sich jetzt mehr als sonst des Briefschreibens. Deswegen gedenke ich doch treulich an meine abwesenden Freunde und lasse mir von Reisenden gern umständlich erzählen, die mir denn auch sehr viel Gutes von Burys letzten Arbeiten gesagt haben. Theilen Sie ihm beykommendes Gedicht mit, zu dem ich von wohldenkenden Freunden aus jener Gegend veranlaßt worden.

Leben Sie recht wohl, gedenken Sie mein und lassen mich von Zeit zu Zeit theilnehmen an dem, was Sie vorhaben und wirken. Möchten Sie den Verleger veranlassen, mir die perspectivische Herstellung des Tempels zu Ephesus, sobald sie fertig ist, zuzusenden; ich werde die Gebühr mit Dank abtragen. Herrn Geheimerath Wolf haben wir leider dießmal nicht gesehen; er hat sich auf seinem Zuge westlich gehalten. Kehrt er nach Berlin zurück, so empfehlen Sie mich ihm bestens.

Wird es Ihnen möglich sich vom Platze zu bewegen, so richten Sie Ihren Weg gerade auf uns zu, doch nicht unangemeldet, damit wir nicht etwa entfernt oder so versagt und verwickelt sind, um den Freund nicht gehörig empfangen zu können. Gegenwärtig bin ich in Jena. Über meine Badereise konnte ich noch nichts beschließen.

Jena den 9. Juni 1809.

* An Aloys Hirt, 12.8.1827 (WA IV, Bd. 43, S. 6 f., Nr. 43004):

Wenn man Freude an einem eigenen verlängerten, folgerechten Leben haben darf, so wird sie erst vollständig durch die Erfahrung, daß andern Zeitgenossen das Gleiche zu Gute gekommen. Und zwar liegt hierin der beste Beweis, daß man sich nicht unwürdig und umsonst bestrebt; deshalb wird man sich am liebsten des wechselseitig Gelungenen erfreuen.

Nun erinnert mich das übersendete Werk auf's angenehmste an gemeinsamen Eintritt in das Kunstgebiet; es gibt Zeugniß von fortwährendem parallelen Handeln und Bemühn, von convergirendem und begleitendem Thun und Wirken.

Auch gibt Ihre werthe Sendung für den Augenblick architektonischer Betrachtung des Alterthums einen neuen Schwung, indem ich manchen Abend mit unserm Ober-Baudirector Herrn Coudray Tafeln und Erklärungen durchgehe und wir ein lebendiges Anschauen in der Erinnerung wieder aufzufrischen geschäftig sind.

Läugnen will ich jedoch nicht, daß bey dem abzustattenden lebhaften Dank ein Bedauern sich anfügt, daß man nicht wenigstens von Zeit zu Zeit, durch persönlichen Umgang und einiges Zusammenleben, im fortschreitenden Gange theilnehmend sich ermuntern könne, da man es jetzt schon als höchstes Glück schätzen muß, wenn man sich an den Resultaten erbaut und noch spät daraus einen bedeutenden Nutzen zieht.

Danckbar, treu verbunden

Weimar d. 12. August 1827. J. W. v. Goethe.

* An Aloys Ludwig Hirt, 24.5.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 71 f., Nr. 47064):

Sie haben, verehrter Freund, durch Ihre reichhaltige Sendung mich in ganz eigens Angenehme Zustände versetzt. Ich erinnerte mich deutlichst der ersten Augenblicke, da ich, ein frischer Ankömmling in Rom, Sie dort schon als Eingeweihten fand, durch Sie geführt, der unschätzbaren Herrlichkeit zuerst gewahr wurde.

Sie haben Ihr ganzes Leben solchen Betrachtungen gewidmet, ich war wenigstens in dem Falle meine Neigung zur bildenden Kunst durch eine wachsende Kenntniß belebt zu erhalten; und hiernach fügt sich's denn, daß wir in späteren Jahren, vertraulich wieder zusammentretend, eines abermaligen freyen Umgangs durch solche Regionen in heiterer Übereinstimmung genießen können.

Die Dresdner Gallerie, welche ich oft besucht, und der ich im Allgemeinen und Einzelnen gern gedenke, vergegenwärtigen Sie mir auf's neue und, indem ich jene Schätze durch Ihr Kennerauge beleuchtet sehe, scheinen sie sich mir ganz erneut entgegenzustellen. Auch habe zugleich das Augusteum wieder vorgenommen und kann dadurch Ihr bestimmtes Urtheil mir desto besser zueignen. Lassen Sie mir auch künftig wie bisher, Ihre ernste treue Forschung zu Gute kommen und bleiben versichert, daß ich mit aufrichtigster Hochachtung und Anhänglichkeit mich immer angeeignet fühlen werde.

treulichst

Weimar den 24. May 1830. J. W. v. Goethe.

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7. Hufeland, Christoph Wilhelm:

Überblick:

Goethe an Hufeland:

5.9.1817 (WA IV, Bd. 28, S. 242 ff., Nr. 7863)

15.10.1823 (WA IV, Bd. 37, S. 239 ff., Nr. 37149)

Hufeland an Goethe:

22.9.1794 (RA Bd. 1, S. 333, Nr. 1063)

10.8.1795 (RA Bd. 1, S. 411, Nr. 1379)

1.7.1805 (RA Bd. 5, S. 72, Nr. 149)

* An Christoph Wilhelm Hufeland, 5.9.1817 (WA IV, Bd. 28, S. 242 ff., Nr. 7863):

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeb.

gewogene Sendung findet mich eben in dem Augenblick, da ich durch manche Zufälligkeiten über die wichtige Materie die Sie behandeln nachzudenken veranlaßt bin. Ich habe Ihnen daher vielen Dank zu sagen für die kurzgefaßte Darstellung dessen, was man als frühere und spätere Erfahrung anerkennen und als Factum zugestehen kann und muß.

Sobald etwas in den Complex der Wirklichkeit hineintritt, in welchem wir leben und wirken, ohne alles genau zu kennen, wo wir gar manches auf Treu und Glauben gelten lassen, so hört für mich das Wunderbare sogleich auf. Während dem Laufe unseres Lebens fielen Steine häufig vom Himmel, mehrere Personen stiegen dagegen in die Lüfte, und der thierische Magnetismus bethätigte sich durch unzählige Phänomene. Nichts von allem diesem beunruhigt mich, sie stehen in dem Kreise der Erfahrung und ob ich gleich bey keinem Falle persönlich zugegen war, so freue ich mich doch daß solche Kräfte entdeckt und benutzt werden.

Nun bin ich bey der Anwendung dieser, dem Menschen inwohnenden, auf den Menschen wirkenden, in ihm zu erregenden Kraft gleichfalls der Meinung, daß jedem Individuum welches sich damit hervorthun will gesetzliche Einwilligung ertheilt werden müsse. Soll Magnetismus als Heilmittel gelten; so habe blos der geprüfte, angestellte Arzt das Recht hiezu.

Was jedoch die Aufsicht darüber betrifft, so scheint mir daß es nicht wohlgethan sey einer Ober-Medizinalbehörde die einzelnen Curen zur Beurtheilung zu unterwerfen. Ist eine solche Behörde der Sache ungünstig, so kann sie hindern, ist sie ihr günstig, mehr als billig fördern. Meo voto würde der privilegirte Arzt sich zu melden haben, daß er den Magnetismus als Heilmittel anzuwenden beabsichtige. Hierauf erhielte derselbige Erlaubniß mit der Auflage: die genausten Tagebücher zu führen, die er jedoch nicht eher vorzulegen brauche als in dem Fall einer gegen ihn angebrachten Beschwerde; er würde sich alsdann in dem Fall eines Handelsmanns befinden, von dessen Büchern niemand als im streitigen Falle Kenntniß erlangt. Was mich zu diesem Vorschlage besonders bestimmt, ist die Überzeugung daß jede magnetische Cur für den Practicirenden selbst etwas Geheimnißvolles behalten wird, so daß er weder sich noch andern Schrittweise vollkommen Rechenschaft ablegen kann. Sollte er dieß gegen Vorgesetzte zu leisten verpflichtet seyn, so würde er Gefahr laufen an der Wahrheit zu rücken und zu beugen. Wie ich denn überhaupt nicht billigen kann, daß die Sache aus dem heilsamen Esoterischen in das allzubreite Exoterische geführt worden, woran jedoch alle Wissenschaften in unserm communicativen Jahrhundert zu leiden haben. Ich erbitte diesen Äußerungen Nachsicht und Prüfung, so wie der Beylage geneigte Aufnahme.

Weimar d. July 1817. [zum Datum vgl. den Kommentar WA IV, 28, 406]

* An Christoph Wilhelm Hufeland, 15.10.1823 (WA IV, Bd. 37, S. 239 ff., Nr. 37149):

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

geneigtes Schreiben versetzt mich in jene angenehmsten Augenblicke, wo ich zugleich persönlich

die Versicherung eines gewogenen Andenkens und das ärztliche Zeugniß meines erneuten Wohlbefindens in Carlsbad empfing. Gegenwärtig habe vorläufig mit wenigem zu versichern: daß die beiden mitgetheilten Aufsätze zur allergelegensten Zeit erwünscht eintreffen, indem ich eben die atmosphärischen Beobachtungen des vergangenen Sommers zu redigiren und nach meiner Weise zu behandeln im Begriff bin.

Nun gereicht es mir zum großen Vortheile, die mannichfaltigen Forderungen in der Kürze kennen zu lernen, die man an einen Meteorologen zu machen berechtigt ist, und die ich mir nun als Ziel und Zweck aufzustellen habe.

Was meinen eingeschlagenen Weg betrifft, sage soviel: daß ich die Barometer- Veränderungen nicht außerhalb des Erdballs aufsuche und der Erde eine veränderliche Anziehungskraft zuschreibe, welche sie verhältnißmäßig auf den Dunstkreis ausübt, der nun nach verschiedenen Ansichten für schwer, drückend, elastisch und zuletzt in einem höhern Sinne belebt zu achten ist. Alle übrige Phänomene bezieh ich hieraus, behandle sie als untergeordnet, wogegen die eigentlich tellurische Wirkung immer selbstständig und zugleich begränzt und abgemessen erscheint.

Von diesem Standpunct ausgehend muß ich freylich alle übrigen nach und nach berühren, da mir denn auch endlich, wenn ich das reine Physisch-Physiologe durchgearbeitet habe, die pathologischen Erscheinungen, welche Sie so gründlich und ausführlich andeuten, höchst wichtig begegnen müssen. Aus beyliegendem Hefte, besonders von Seite 59 an, und einer dazu gehörigen graphischen Darstellung läßt sich das Weitere meiner Absicht ersehen, und ich wünsche die mir so wichtige Angelegenheit bis dahin durchzuführen, wo mein Unternehmen nicht allzu frevelhaft erscheinen möchte.

Ew. Hochwohlgeboren fernere Theilnahme mir angelegentlichst erbittend, der besten Folgen einer frohen Sommerbewegung noch immer genießend,

Hochachtungsvoll.

Weimar den 15. October 1823.

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8. Humboldt, Alexander von:

Überblick:

Goethe an A. v. Humboldt:

18.6.1795 (WA IV, Bd. 10, S. 270 ff., Nr. 3169)

Mitte April 1797 (WA IV, Bd. 12, S. 88 f., Nr. 3524)

3.4.1807 (WA IV, Bd. 19, S. 296 ff., Nr. 5340)

Juli 1809 (WA IV, Bd. 21, S. 15 ff., Nr. 5765)

5.10.1809 (WA IV, Bd. 21, S. 110 f., Nr. 5838)

16.-17.5.1821 (WA IV, Bd. 34, S. 237 ff., Nr. 34237)

27.1.1824 (WA IV, Bd. 38, S. 31, Nr. 38022)

26.1.1831 (WA IV, Bd. 48, S. 98, Nr. 48090)

A. v. Humboldt an Goethe:

21.5.1795 (RA Bd. 1, S. 394, Nr. 1313; GHu S. 289 ff., Nr. 1)

16.7.1795 (RA Bd. 1, S. 409, Nr. 1369; GHu S. 292 f., Nr. 3)

2.4.1797 (RA Bd. 2, S. 204, Nr. 707; GHu S. 294, Nr. 4)

3.4.1797 (RA Bd. 2, S. 204, Nr. 709; GHu S. 30 f., Nr. 20)

14.4.1797 (RA Bd. 2, S. 207, Nr. 721; GHu S. 294 f., Nr. 5)

4.5.1797 (RA Bd. 2, S. 215, Nr. 754; GHu S. 296 f., Nr. 7)

6.2.1806 (RA Bd. 5, S. 122, Nr. 315; GHu S. 297 ff., Nr. 8)

3.1.1810 (RA Bd. 5, S. 462 f., Nr. 1342; GHu S. 304 ff., Nr. 12)

13.4.1810 (RA Bd. 5, S. 496, Nr. 1440; GHu S. 306, Nr. 13)

12.1.1812 (GHu S. 307, Nr. 14)

16.4.1821 (GHu S. 307 f., Nr. 15)

30.7.1825 (GHu S. 310 f., Nr. 18)

Dezember 1826 (GHu S. 311, Nr. 19)

2.2.1827 (GHu S. 311 f., Nr. 20)

26.3.1827 (GHu S. 312 ff., Nr. 21)

* An Alexander von Humboldt, 18.6.1795 (WA IV, Bd. 10, S. 270 ff., Nr. 3169):

Ein Übel, das ich mir wahrscheinlich durch Verkältung zugezogen habe, und das mich seit einiger Zeit an meinen Kinnladen plagt, konnte mich nur über Ihr Außenbleiben trösten, denn wenn Sie wirklich gekommen wären, und ich hätte die Reise nach Ilmenau nicht mit Ihnen machen können, so würde ich äußerst verdrießlich geworden sein.

Für die überschickten Schriften danke ich aufs beste. Ich habe sie gleich gelesen, studirt und mir manches daraus zugeeignet, wie Sie in der Folge bemerken werden. Ihre neuern Versuche über das galvanische Fluidum, die mir Ihr Herr Bruder mitgetheilt hat, sind sehr interessant. Wie merkwürdig ist, was ein bloßer Hauch und Druck, eine Bewegung thun kann! So kennen Sie das Phänomen, da durch den Druck zweier Glasplatten die schönen Farben entstehen. Nun fange ich an, mich zu überzeugen, daß der Druck der atmosphärischen Luft und das Reiben derselben Ursache der Farben der Seifenblasen ist. Geben Sie uns ja Ihre Versuche sobald als möglich gedruckt und im Zusammenhange. In wissenschaftlichen Dingen kann man sich nie übereilen. Was man richtig beobachtet hat, wirkt tausendfältig auf andere und von ihnen wieder auf uns zurück. Wenn man etwas übersieht oder aus gewissen Datis zu geschwinde folgert, das braucht man sich nicht reuen zu lassen.

Sagen Sie mir ja von Zeit zu Zeit etwas von Ihren Erfahrungen und seien Sie meiner lebhaften Theilnahme gewiß. Da Ihre Beobachtungen vom Element, die meinigen von der Gestalt ausgehen, so können wir nicht genug eilen, uns in der Mitte zu begegnen. Dankbar erkenne ich den Antheil, den Sie mir auch öffentlich an Ihren Arbeiten geben wollen, dieser Beweis Ihrer freundschaftlichen Gesinnung ist mir sehr schmeichelhaft.

Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, Ilmenau einmal mit Ihnen zu besuchen. Da Ihre Thätigkeit, Ihre Liebhaberei und Bestimmung Sie in Bewegung erhalten, so habe ich Hoffnung, Sie von Zeit zu Zeit in unsern Gegenden zu sehen, und mit dem, was Sie denken und thun, immer bekannter zu werden. Ich nehme gewiß an Ihren Fortschritten lebhaften Antheil, und daß Sie mir ein öffentliches freundschaftliches Zeugniß unserer wissenschaftlichen Verbindung geben wollen, erkenne ich mit aufrichtigem Danke und erwarte Ihre Schrift mit vielem Verlangen. Leben Sie recht wohl, damit Ihre Thätigkeit ungestört fortwirke; gedenken Sie mein und lassen Sie mich von Zeit zu Zeit etwas von sich hören.

* An Alexander von Humboldt, Mitte April 1797 (WA IV, Bd. 12, S. 88 f., Nr. 3524):

[Concept.]

In dieser Osterzeit konnte mir nichts angenehmeres begegnen als daß Ihre Gesundheit Ihnen erlaubt uns zu besuchen und besonders mich mit Ihrem nähern Umgang zu erfreuen. Hätte nur nicht Ihr guter Bruder sogleich Ihre Stelle einnehmen müssen! ich wünsche daß er recht bald wieder von seinem Übel befreyt seyn möge.

Wegen der Zeit Ihrer Ankunft hierher thue ich den Vorschlag daß Sie solche auf Mittwoch Nachmittag festsetzen mögen, wir blieben alsdenn Abends allein und warteten ab was die folgenden Tage bringen.

Könnten Sie sich einrichten länger hier zu bleiben als nur 3 oder 4 Tage so würde es recht gut seyn; denn es ist noch alles beysammen was Sie interssiren kann. Lieutenant Vent ist auch hier und würde mit Vergnügen Ihnen den Sextanten expliciren. Anfangs [sic] Mai geht der Herzog fort und vielleicht bin ich um jene Zeit auch nicht zu Hause. Lassen Sie uns also das Ende des Aprils so gut als möglich nutzen.

Doctor Scherern ließen wir später kommen, wenn wir finden, daß für seine Erscheinung die beste Zeit ist.

Ich habe Sie so manches zu fragen und hoffe mich recht lange Ihres Einflusses und Ihrer Theilnahme zu erfreuen.

* An Alexander von Humboldt, 3.4.1807 (WA IV, Bd. 19, S. 296 ff., Nr. 5340):

Seit einigen Tagen zaudre ich, an Sie, verehrter Freund, zu schreiben. Nun will ich aber nicht länger aufschieben, Ihnen für den ersten Band Ihrer Reise auf das beste zu danken. Zu dem großen Geschenk des innern Gehalts kommt noch die freundliche Gabe Ihrer Zuschrift, die nicht angenehmer und ehrenvoller seyn könnte. Ich weiß gewiß den Werth eines solchen Andenkens zu schätzen und danke Ihnen recht herzlich, daß Sie zu dem großen Antheil, den ich an Ihnen, Ihren Werken und Thaten nehme, noch auf eine so zarte Weise meinem Individuum eine persönliche Theilnahme an den Schätzen gönnen, mit denen sie uns erfreuen.

Ich habe den Band schon mehrmals mit großer Aufmerksamkeit durchgelesen, und sogleich, in Ermanglung des versprochenen großen Durchschnittes, selbst eine Landschaft phantasirt, wo nach einer an der Seite aufgetragenen Scala von 4000 Toisen die Höhen der europäischen und americanischen Berge gegen einander gestellt sind, so wie auch die Schneelinien und Vegetationshöhen bezeichnet sind. Ich sende eine Copie dieses halb im Scherz, halb im Ernst versuchen Entwurfs und bitte Sie, mit der Feder und mit Deckfarben nach Belieben hinein zu corrigiren, auch an der Seite etwa Bemerkungen zu machen und mir das Blatt bald möglichst zurückzusenden. Denn die durch den Krieg unterbrochnen Unterhaltungen am Mittwoch, bey welchen ich unsrer verehrten Herzogin, der Prinzeßin und einigen Damen bedeutende Gegenstände der Natur und Kunst vorzulegen pflege, haben wieder ihren Anfang genommen, und ich finde nichts interessanteres und bequemeres, als Ihre Arbeiten dabey zum Grunde zu legen und das Allgemeinere, wie Sie es ja schon selbst thun, anzuknüpfen.

Können Sie mir freylich dazu einen Probedruck Ihres Durchschnittes vielleicht senden, so würde mir auf einmal geholfen seyn. Ferner könnten Sie mir einen außerordentlichen Gefallen erzeigen, wenn Sie mir nur ganz kurz, nach den Jahren, eine kleine Skizze Ihres Lebens, Ihrer Bildung, Ihrer Schriften, Ihrer Thätigkeit und Ihrer Reise senden möchten. Einzeln ist mir manches, ja ich könne sagen, alles bekannt; aber ich kann es nur nicht chronologisch zusammenbringen und an Zeit fehlt es mir auch, um in den Büchern und Journalen nachzuforschen. Sollten Sie wieder einmal zu uns kommen, so finden Sie die Geister und Gemüther schon vorbereitet, dasjenige aus der Quelle selbst aufzunehmen, was ihnen bisher aus der Quelle selbst aufzunehmen, was ihnen bisher durch die zweyte Hand überliefert worden. Was Sie mir sonst noch zu diesem löblichen Zwecke mittheilen wollen, soll gewiß auf das beste benutzt werden.

Mich beschäftigt noch immer das Farbenwesen und der Druck des Werkes geht sachte fort. Der didactische Theil ist zurückgelegt, freylich zum größten Theil mehr Skizze als Ausführung. Jetzt bin ich auf den dornenvollen polemischen Pfaden. Es ist ein unfreundliches und auch undankbares Geschäft, Schnitt vor Schritt, Wort vor Wort zu zeigen, daß die Welt sich seit Hundert Jahren geirrt hat. Indessen muß ich dahindurch und freue mich zum Voraus auf das breitere historische Feld, in welchem ich lebhaft vorwärts zu schreiten hoffe, wenn ich mich aus dem theoretischen stachelichten Labyrinth herausgewunden habe.

In Ihren und Bonpland's Arbeiten finden sich mehrere Fälle, die sehr bedeutend sind und die ich mir notirt habe, um sie in der Revision meines Buches, womit ich das Ganze schließen will, nachzubringen, wenn ich nur erst schon die Freude hätte, das Werk in Ihren Händen zu wissen und auf Ihre Beurtheilung des Ganzen, so wie auf Ihre Bemerkungen zu den einzelnen Theilen bald hoffen zu können. Doch darüber geht wohl noch ein Jahr hin, welches denn freylich zuletzt auch vergangen seyn wird.

Von Ihrem Herrn Bruder habe ich lange nichts gehört, wohl auch durch meine Schuld, denn ich habe lange nicht geschrieben. Sagen Sie mir doch von ihm.

Unser trefflicher Hackert in Florenz hat vom Schlagflusse gelitten. Er hofft sich wieder für die Kunst zu erholen. Seines gleichen hätte ich wohl in Ihrer Gesellschaft den tropischen Ländern gewünscht.

Sagen Sie mir doch auch ein Wort, wie es Hirt geht, Zeltern und Bury. Es ist mir jetzt fast lieb, daß ich mich in Berlin nach wenig Menschen zu erkundigen habe.

Durchlaucht der Herzog hat uns viel von Ihnen erzählt, von Ihrem magnetischen Garten und sonstigen Untersuchungen. Er ist recht eingeweiht in das, was Sie leisten und vorhaben.

Mit den herzlichsten Grüßen und Wünschen!

Weimar den 3. April 1807.

Goethe.

* An Alexander von Humboldt, Juli 1809 (WA IV, Bd. 21, S. 15 ff., Nr. 5765):

[Concept.]

Den Professor Voigt kann ich von Jena nicht nach Paris reisen lassen, ohne ihm an Sie, mein theurer und verehrter Freund, einem Brief mitzugeben. Durch seine schönen Kenntnisse und die geistreiche Art, wie er Naturgegenstände betrachtet und verknüpft, wird er sich Ihnen sehr bald empfehlen. Wie sehr beneide ich ihm Ihre lehrreiche Gegenwart.

Seine Abreise von Jena erinnert mich an die Zeit, in der Sie sich hier zu Ihrem großen Unternehmen vorbereiteten, das Sie durch ein fast anhaltendes Wunder so glücklich vollbracht haben. Sie sind überzeugt, daß ich unter die Dankbaren gehöre, die zu schätzen wissen, was wir Ihnen schuldig sind, und unter die Verlangenden und Erwartenden, die mit Sehnsucht allem demjenigen entgegensehen, womit Sie uns nach und nach beschenken.

Mögen Sie Professor Voigt von sich von Ihren näheren und ferneren Arbeiten und Vorsätzen etwas vertrauen; so wird er mir bey seiner Rückkehr doppelt werth seyn, indem er mich Ihnen und Ihrer Thätigkeit näher bringt.

Was mich betrifft, so bin ich meinen Arbeiten aller Art auf mancherley Weise retardirt worden, und es bleibt mir nichts übrig als durch eine gewisse Consequenz dasjenige was mich interessirt festzuhalten, und wenn ich auch nicht viel erwerbe, wenigstens nichts zu verlieren.

Der Druck meiner chromatischen Arbeiten ist ziemlich vorgerückt und doch brauche ich vielleicht noch ein Jahr um alles zusammen zu bringen. Wie sehr wünschte ich alsdann Ihr Urtheil zu vernehmen und zu weiteren Fortschritten ihre Theilnahme zu finden.

Ihr Herr Bruder hat uns bey seiner Durchreise und einigem Verweilen sehr glücklich gemacht. Wir konnten nach einer so langen Pause endlich doch einmal mit Behagen das Vergangene recapituliren und uns im Gegenwärtigen wiederfinden. Seine Thätigkeit scheint ihn in Königsberg heiter und froh zu erhalten, und ich bin überzeugt, er wird bey seinen Einsichten und Gesinnungen unendlich viel Gutes stiften. Schon bin ich ihm persönlich großen Dank schuldig, daß er sich Zelters angekommen und die Musik an die übrigen Künste angeschossen hat.

Von dem wie wir leben und was wir treiben wird Professor Voigt nähere Auskunft geben. Wir befinden uns freylich jetzt im Zustande der Contraction, die aber keine Concentration ist.

Leben Sie recht wohl, erhalten Sie mir Ihre freundschaftlichen Gesinnungen und geben mir gelegentlich einmal ein Zeichen des Andenkens und der Neigung.

* An Alexander von Humboldt, 5.10.1809 (WA IV, Bd. 21, S. 110 f., Nr. 5838):

[Concept.]

Die Briefe des Professor Voigt, worin er die ihm gegönnte gute Aufnahme und das Glück, sich unter den Pariser Schätzen zu befinden, meldet, erregt meine Wünsche aufs neue, auch daran Theil zu nehmen. Da sie jedoch in Erfüllung gehen können; so will ich wenigstens etwas von mir hinüberschicken, und zwar einen kleinen Roman, der soeben fertig geworden. Sie werden gewiß freundlich aufnehmen, daß darin Ihr Name von schönen Lippen ausgesprochen wird. Das was Sie uns geleistet haben, geht soweit über die Prose hinaus, daß die Poesie sich wohl anmaßen darf, Sie bey Leibesleben unter ihre Heroen aufzunehmen.

Alles Gute was Sie dem Professor Voigt erzeigen, ist auch mir und der guten Universität Jena gethan, die nach so mancherley Schicksalen sich doch immer einmal wieder zusammennimmt um wenigstens den Nachkommen das Recht zu überliefern, sich gelegentlich wieder hervorzuthun.

Leben Sie recht wohl und erzeigen mir das Vergnügen mir auch einmal wieder etwas von Ihren nächsten Beschäftigungen zu erzählen.

Jena den 5. Octobr. 1809.

* An Alexander von Humboldt, 16.-17.5.1821 (WA IV, Bd. 34, S. 237 ff., Nr. 34237):

Gruß und Sendung durch Herrn Bredt von meinem verehrten und geprüften Freunde war mir höchst erquicklich; in Eile schlug ich den Band grad in der Mitte ohne Zaudern auf und stürzte mich mit Ihnen in die wildesten Gegenden, wo mächtige Flüsse nicht allein für sich unaufhaltsam dahin strömen, sondern sich auch, auf eine lange nicht entdeckte Weise, zu vereinigen suchen. Sie sehen daraus, daß ich gleich in medias res gesprungen bin; wie will man Ihnen aber nur einigermaßen beykommen, wenn man nicht so anfinge.

Nun darf ich von mir mit der größten Wahrhaftigkeit sagen, daß ich Sie nie aus dem Sinne gelassen, mit frommen Wunsch und treuem Willen Sie jederzeit begleitet.

Wie ich denn hinzusetzen muß, daß unter den angenehmsten Erinnerungen früherer Zeit mir das Zusammenleben mit Ihnen und Ihrem Herrn Bruder immer ein lichtester Punct bleibt: denn wie viele hoffungs- und thatenreiche Anfänge habe ich denn in meinem Leben so folgereich fortsetzen und glanzreich wachsen sehen?

Es thut mir sehr wohl, und ich danke Ihnen, daß Sie mir Gelegenheit geben, dieses auszusprechen; hiernach aber kann ich mich nicht enthalten, auch von mir soviel zu sagen, daß ich diesen Winter durch entschiedenste Einsamkeit und durch diäteste Schonung mich besser befunden als seit vielen Jahren und meine Zeit auf mancherley Weise genutzt habe, dergestalt, daß ich auf der Jubilate-Messe ordentlich einmal wieder als Autor erscheine. Wäre es geziemend, Käuzlein nach Athen zu tragen, so sollte Ihnen auch etwas von solcher Brut zu Hause kommen.

Von Ihrem Herrn Bruder habe lange nichts unmittelbar vernommen, durch Freunde jedoch, daß er einen meiner alten sehnlichsten Wünsche zu erfüllen gedenkt, eine anschauliche Charte auszuarbeiten, wie die Sprachen über das Erdenrund ausgetheilt sind. Er hatte früher die Gefälligkeit, mir in einem ähnlichen Unternehmen beyzustehen, wovon ich noch allerliebste Mittheilungen verwahre; da ich aber von den Dämonen öfters hin und wieder geführt werde, und manches Gute durchzusetzen mir nicht immer gelingt, so bin ich höchlich erfreut, daß ich ihm als dem echten und geeigneten Freunde diese befriedigende Belehrung schuldig werde.

Und so mit aufrichtigen Wünschen und dringender Empfehlung.

Weimar den 16. May 1821. Goethe.

[Beilage.]

Unter dem Titel: Weimarische Pinakothek ist das erste Heft der vor einem Jahre angekündigten Nachbildungen merkwürdiger, in großherzoglichen Bibliotheken, Sammlungen und Museen befindlicher Kunstgegenstände in Steindruck erschienen; es enthält vier Blätter:

1. Der lustwandelnde Sokrates nach Carstens.

2. Das Bildniß des Malers Crayen, nach A. van Dyck.

3. Studium von Leonardo da Vinci, nach Natur.

4. Das Capitol von der Seite; ein Blatt Text in gleichem Folioformat wie das Übrige.

Der Preis ist 3 Thaler Sächsisch.

Bey Professor Müller in Commission zu haben.

Weimar den 17. May 1821.

* An Alexander von Humboldt, 27.1.1824 (WA IV, Bd. 38, S. 31, Nr. 38022):

[Concept.]

Der Gedanke: mit trefflichen, verehrten Männern nach so vielen Jahren noch immer zusammen auf dieser Erde zu wirken, ist erheiternd und belebend, mich erquickt jeder Gruß, jede Sendung. Dieses gegenwärtig auszusprechen berechtigt mich Ihres Herrn Bruders freundlicher Besuch, der uns die schönsten Tage hoffnungsreicher Thätigkeit zurückrufen ließ. Nun mahnt mich die Gelegenheit durch eine schöne, liebenswürdige, talentvolle Frau dieß Blättchen mit Gruß und Wunsch, verehrter Freund, an Sie gelangen zu lassen.

Möchte ich doch hinlängliche Zeit an Ihrer Seite in der Weltstadt verweilen können! Wie sehr würde ich mich gefördert, wie manche Zweifel gelöst sehen, über die ich weder mit mir noch mit andern einig werden kann. Erhalten Sie mir ein Wohlwollen, das mich glücklich macht, damit ich von Ihren großen Arbeiten immerwährenden Vortheil ziehen, die Freude einer ununterbrochenen Theilnahme, so lange sie mir noch gegönnt ist, ungetrübt genießen möge.

Weimar den 27. Januar 1824.

* An Alexander von Humboldt, 26.1.1831 (WA IV, Bd. 48, S. 98, Nr. 48090):

Dürft ich mir das Glück und die Freude Ew. Excellenz wieder zu sehen auf heute um zwölf Uhr erbitten?

in der lebhaftesten Hoffnung

Weimar J. W. v. Goethe.

Mittwoch d. 26. Jan. 1831.

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9. Humboldt, Wilhelm von:

Überblick:

Goethe an W. v. Humboldt:

3.12.1795 (WA IV, Bd. 10, S. 342 ff., Nr. 3238)

27.5.1796 (WA IV, Bd. 11, S. 76 ff., Nr. 3312)

15.5.1797 (WA IV, Bd. 12, S. 121 ff., Nr. 3546)

7.2.1798 (WA IV, Bd. 13, S. 55 ff., Nr. 3731)

16.7.1798 (WA IV, Bd. 13, S. 214 ff., Nr. 3843)

26.5.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 95 ff., Nr. 4056)

16.9.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 177 ff., Nr. 4108)

28.10.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 207 ff., Nr. 4130)

4.1.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 10 f., Nr. 4175)

15.9.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 103 ff., Nr. 4285)

19.11.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 147 f., Nr. 4316)

29.11.1801 (WA IV, Bd. 15, S. 290 ff., Nr. 4449)

27.-29.1.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 172 ff., Nr. 4615)

14.3.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 197 ff., Nr. 4634)

30.7.1804 (WA IV, Bd. 17, S. 171 ff., Nr. 4940)

22.8.1806 (WA IV, Bd. 51, S. 197 ff., Nr. 5231a)

1.3.1810 (WA IV, Bd. 51, S. 282, Nr. 5924a)

19.4.1812 (WA IV, Bd. 22, S. 336 f., Nr. 6302)

31.8.1812 (WA IV, Bd. 23, S. 84 ff., Nr. 6372)

8.2.1813 (WA IV, Bd. 23, S. 278 ff., Nr. 6508)

4.11.1813 (WA IV, Bd. 24, S. 24 f., Nr. 6630)

24.[-26.]6.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 69 ff., Nr. 7438)

1.9.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 156 ff., Nr. 7492)

18.6.1821 (WA IV, Bd. 34, S. 288 ff., Nr. 34299)

24.12.1821 (WA IV, Bd. 35, S. 213 f., Nr. 35171)

22.6.1823 (WA IV, Bd. 37, S. 92 ff., Nr. 37071)

8.3.1824 (WA IV, Bd. 38, S. 72, Nr. 38059)

22.10.1826 (WA IV, Bd. 41, S. 202 ff., Nr. 41174)

1.3.1829 (WA IV, Bd. 45, S. 181 ff., Nr. 45155)

17.9.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 228, Nr. 47194)

19.10.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 302 ff., Nr. 47252)

1.12.1831 (WA IV, Bd. 49, S. 164 ff., Nr. 49121)

17.3.1832 (WA IV, Bd. 49, S. 281 ff., Nr. 49193)

W. v. Humboldt an Goethe:

7.[21.?]11.1794 (RA Bd. 1, S. 341, Nr. 1092; GHu S. 1, Nr. 1)

14.12.1794 (RA Bd. 1, S. 350, Nr. 1130; GHu S. 1 f., Nr. 2)

Ende Januar 1795 (RA Bd. 1, S. 367, Nr. 1199; GHu S. 2 f., Nr. 3)

23.3.1795 (RA Bd. 1, S. 378, Nr. 1245; GHu S. 3 f., Nr. 4)

14. oder 21.[?]5.1795 (RA Bd. 1, S. 394, Nr. 1314; GHu S. 4, Nr. 5)

15.6.1795 (RA Bd. 1, S. 400, Nr. 1340; GHu S. 5 f., Nr. 6)

22.6.1795 (RA Bd. 1, S. 403, Nr. 1351; GHu S. 7, Nr. 7)

22.8.1795 (RA Bd. 1, S. 413 f., Nr. 1386; GHu S. 7 ff., Nr. 8)

9.2.1796 (RA Bd. 2, S. 37 f., Nr. 58; HABaG Bd. 1, S. 217 ff., Nr. 153)

19.4.1796 (RA Bd. 2, S. 64, Nr. 170; GHu S. 12 ff., Nr. 10)

8.5.1796 (RA Bd. 2, S. 69, Nr. 190; GHu S. 14 f., Nr. 11)

25.6.1796 (RA Bd. 2, S. 84, Nr. 249; GHu S. 17 ff., Nr. 13)

24.11.1796 (RA Bd. 2, S. 145 f., Nr. 468; GHu S. 22 ff., Nr. 14)

23.12.1796 (RA Bd. 2, S. 160, Nr. 527; GHu S. 25 f., Nr. 15)

10.1.1797 (RA Bd. 2, S. 164, Nr. 542; GHu S. 26 f., Nr. 16)

19.1.1797 (RA Bd. 2, S. 168, Nr. 561; GHu S. 27 f., Nr. 17)

10.2.1797 (RA Bd. 2, S. 177 f., Nr. 599; GHu S. 28 f., Nr. 18)

16.2.1797 (RA Bd. 2, S. 179, Nr. 604; GHu S. 29 f., Nr. 19)

24.4.1797 (RA Bd. 2, S. 211, Nr. 737; GHu S. 31 f., Nr. 21)

6.5.1797 (RA Bd. 2, S. 217, Nr. 760; GHu S. 32 ff., Nr. 22)

30.5.1797 (RA Bd. 2, S. 228, Nr. 806; GHu S. 38 f., Nr. 24)

28.6.1797 (RA Bd. 2, S. 246, Nr. 873; GHu S. 39 ff., Nr. 25)

5.9.1797 (RA Bd. 2, S. 270, Nr. 961; GHu S. 42 ff., Nr. 26)

10.[?]4.1798 (RA Bd. 2, S. 347, Nr. 1240; GHu S. 47 ff., Nr. 28)

18.3.1799 (RA Bd. 3, S. 49 f., Nr. 97; GHu S. 61 ff., Nr. 30)

18.8.1799 (RA Bd. 3, S. 104 f., Nr. 300; GHu S. 80 ff., Nr. 32)

18./26.8.1799 (RA Bd. 3, S. 105 f., Nr. 301; GHu S. 86 ff., Nr. 33)

28.11.1799 (RA Bd. 3, S. 148 f., Nr. 469; GHu S. 102 ff., Nr. 36)

30.5.1800 (RA Bd. 3, S. 208 f., Nr. 717; GHu S. 120 ff., Nr. 38)

1.6.1800 (RA Bd. 3, S. 210, Nr. 721; GHu S. 126, Nr. 39)

18.8.1800 (RA Bd. 3, S. 238, Nr. 841; GHu S. 126 ff., Nr. 40)

10.10.1800 (RA Bd. 3, S. 261 f., Nr. 930; GHu S. 133 ff., Nr. 42)

6.12.1800 (RA Bd. 3, S. 279 f., Nr. 1003; GHu S. 139 ff., Nr. 44)

11.11.1801 (RA Bd. 3, S. 389, Nr. 1427; GHu S. 141, ff., Nr. 45)

31.8.1802 (RA Bd. 4, S, 135, Nr. 387; GHu S. 145 ff., Nr. 47)

22.11.1802 (RA Bd. 4, S. 160, Nr. 484; GHu S. 148 ff., Nr. 49)

10.12.1802 (RA Bd. 4, S. 167, Nr. 508; GHu S. 151, Nr. 50)

28.1.1803 (RA Bd. 4, S. 183 f., Nr. 571; GHu S. 152 ff., Nr. 51)

11.7.1803 (RA Bd. 4, S. 247 f., Nr. 809; GHu S. 169 f., Nr. 55)

25.2.1804 (RA Bd. 4, S. 432 f., Nr. 1400; GHu S. 170 ff., Nr. 56)

23.8.1804 (RA Bd. 4, S. 517 f., Nr. 1660; GHu S. 181 ff., Nr. 59)

5.6.1805 (RA Bd. 5, S. 64 f., Nr. 126; GHu S. 191 ff., Nr. 60)

12.4.1806 (RA Bd. 5, S. 134, Nr. 348; GHu S. 196 ff., Nr. 61)

16.12.1807 (RA Bd. 5, S. 278, Nr. 782; GHu S. 200 ff., Nr. 62)

20.2.1808 (RA Bd. 5, S. 296, Nr. 836; GHu S. 202 f., Nr. 63)

14.11.1808 (RA Bd. 5, S. 363, Nr. 1029; GHu S. 203 f., Nr. 64)

22.12.1808 (RA Bd. 5, S. 374, Nr. 1060; GHu S. 204, Nr. 65)

8.4.1809 (RA Bd. 5, S. 395, Nr. 1134; GHu S. 204 f., Nr. 66)

2.6.1809 (RA Bd. 5, S. 410 f., Nr. 1184; GHu S. 205 ff., Nr. 67)

26.12.1809 (RA Bd. 5, S. 459, Nr. 1330; GHu S. 209 f., Nr. 69)

10.1.1810 (RA Bd. 5, S. 464, Nr. 1345; GHu S. 210 ff., Nr. 70)

10.2.1810 (RA Bd. 5, S. 472, Nr. 1370; GHu S. 212 ff., Nr. 71)

19.2.1810 (RA Bd. 5, S. 480, Nr. 1390; GHu S. 214 f., Nr. 72)

3.8.1810 (Ra Bd. 5, S. 533, Nr. 1529; GHu S. 215 f., Nr. 73)

7.9.1812 (GHu S. 223 ff., Nr. 78)

15.11.1812 (GHu S. 227 ff., Nr. 79)

26.10.1813 (GHu S. 231 f., Nr. 81)

31.10.1813 (GHu S. 232 f., Nr. 82)

7.3.1814 (GHu S. 234 ff., Nr. 84)

25.5.1814 (GHu S. 237, Nr. 85)

19.7.1816 (GHu S. 239 ff., Nr. 88)

9.8.1816 (GHu S. 241 f., Nr. 89)

25.10.1816 (GHu S. 245 f., Nr. 91)

10.1.1817 (GHu S. 246, Nr. 92)

15.5.1817 (GHu S. 246 ff., Nr. 93)

1.7.1821 (GHu S. 249 ff., Nr. 95)

29.11.1821 (GHu S. 253, Nr. 96)

18.3.1822 (GHu S. 254 ff., Nr. 98)

3.6.1823 (GHu S. 256 f., Nr. 99)

3.11.1823 (GHu S. 259 f., Nr. 101)

Nov. 1823 (GHu S. 260 f., Nr. 102)

16.5.1826 (GHu S. 262 f., Nr. 105)

30.9.1826 (GHu S. 264 f., Nr. 106)

12.2.1829 (GHu S. 267 ff., Nr. 108)

4.9.1830 (GHu S. 272 ff., Nr. 110)

28.10.1830 (GHu S. 277, Nr. 113)

2.11.1831 (GHu S. 278, Nr. 114)

6.1.1832 (GHu S. 281 ff., Nr. 116)

14.3.1832 (GHu S. 288, Nr. 118)

* An Wilhelm von Humboldt, 3.12.1795 (WA IV, Bd. 10, S. 342 ff., Nr. 3238):

Es ist hohe Zeit, daß ich auch einmal ein Wort von mir hören lasse; leider muß ich mit der Klage anfangen, daß unser schönes Quatuor im vorigen Winter so zerstreut worden ist. Sie befinden sich in Berlin, und Meyer ist wahrscheinlich in Rom, die böse Witterung und mancherlei kleine Geschäfte hier am Ort hindern mich, Schiller öfters zu besuchen, die Briefe wechseln bei mir nicht stark, und so bin ich wieder in meinem eigenen und gewissermaßen engern Kreise.

Die Freitagsgesellschaft hat wieder angefangen, sodaß also das Licht der Kenntnisse, das übrigens ziemlich unter dem Scheffel steht, wenigstens einmal die Woche in meinem Hause leuchtet.

Ich habe den Gedanken gehabt, die vielerlei Zweige der Thätigkeit in unserm kleinen Kreise in ein Schema zu bringen, und will die Gesellschaft bewegen, die einzelnen Notizen auszuarbeiten. Diese Kunst- und wissenschaftliche Republik sieht bunt genug aus und besteht, wie die deutsche Reichsverfassung, nicht durch Zusammenhang, sondern durch Nebeneinandersein, wie Sie selbst davon eine anschauliche Kenntniß haben.

Was ich zeither gethan habe, kennen Sie schon meistens, und was ich gegenwärtig ausarbeite, werden Sie auch bald sehen. Schiller sagt mir, daß Ihnen mein Märchen nicht misfallen hat, worüber ich mich sehr freue, denn, wie Sie wissen, weit darf man nicht ins deutsche Publikum hineinhorchen, wenn man Muth zu arbeiten behalten will.

Der letzte Theil des Romans wird wol erst Michaelis herauskommen, und was ich über Naturlehre und Naturgeschichte gesammelt habe, möchte ich auch erst zusammenstellen, ehe ich mich dem italienischen Wesen wieder ausschließlich widme; ich habe indessen auch hierzu manches gelesen und gesammelt.

Lassen Sie mich doch auch wissen, was Sie die Zeit über gearbeitet haben, und was Sie von Ihrem Herrn Bruder hören, dessen Bemerkungen auf seiner Reise ich mit Verlangen entgegensehe.

In Berlin werden gegenwärtig des Kriegsraths Körber's Kupferstiche verkauft. Es ist zwar nichts darunter, was mich reizt, allein Sie fänden ja wol einen dienstbaren Geist, der, für die Gebühr, an den Rand des Katalogen den Preis schriebe, um welchen diese Kunstwerke weggehen, man kann daraus doch manches schließen und sich in andern Fällen danach richten.

Sie haben gewiß mit vielem Antheil gesehen, welche Fortschritte Schiller auch in seinen kritischen Arbeiten macht, er hat sehr glückliche Ideen, die, wenn sie nur einmal gesagt sind, nach und nach Eingang finden, so sehr man ihnen auch anfangs widersteht. Man wird ihm, fürcht' ich, erst lebhaft widersprechen und ihn in einigen Jahren ausschreiben ohne ihn zu citiren.

Haben Sie die monstrose Vorrede Stolberg's zu seinen Platonischen Gesprächen gesehen? Es ist recht schade, daß er kein Pfaff geworden ist, denn so eine Gemüthsart gehört dazu, ohne Scham und Scheu, vor der ganzen gebildeten Welt ein Stückchen Oblate als Gott zu eleviren und eine offenbare Persiflage, wie z.B. Jon ist, als ein kanonischen Buch zur Verehrung darzustellen. Den Aufsatz von Weißhuhn im sechsten Hefte des Niethammer'schen philosophischen Journals habe ich mit vielem Vergnügen gelesen. Uns Menschenverständlern ist es gar zu angenehm, wenn uns das Speculative so nahe gerückt wird, daß wir es gleich fürs Haus brauchen können. Da bei meinen physikalischen und naturhistorischen Arbeiten alles darauf ankommt: daß ich das sinnliche Anschauen von der Meinung, insofern es möglich ist, reinige und sondere, so ist mir jede Belehrung sehr willkommen, die zunächst hierauf deutet, um so mehr, als das Anschauen, insofern es diesen Namen verdient (denn es ist von dem Ansehen, wie billig, sehr zu unterscheiden), selbst wieder subjectiv und manchen Gefahren unterworfen ist.

* An Wilhelm von Humboldt, 27.5.1796 (WA IV, Bd. 11, S. 76 ff., Nr. 3312):

Sie haben, verehrtester Freund, die Güte gehabt, mir auf eine durch Schiller gethane Anfrage eine so umständliche und befriedigende Antwort zu geben, daß ich um Verzeihung bitten muß, wenn ich dagegen erst so spät etwas erwidere. Der junge Mann, von dem Sie mir schreiben, gefällt mir nach Ihrer Schilderung sehr wohl, und nach meiner Überzeugung würde er sich auch zu dem neuen Institute recht gut schicken; unsere Franzosen aber, die, nach dem beiliegenden Prospectus, ihren Eleven eine ziemliche Summe abzunehmen gedenken, glauben auch womöglich gemachte Männer und Männer von Namen herbei und in ihr Interesse ziehen zu müssen, um so mehr, als sie solche wirklich wenn das Institut zusammenkommt, gut bezahlen können. Ich wartete bisher ab, ob allenfalls von denen Personen, auf die man Absicht hatte, Antwort zurückkäme, und ob sich die Unternehmer zu etwas bestimmten. Da es aber bisher noch nicht geschehen ist, und ich befürchte, Sie möchten von Berlin abreisen, so eile ich mit dieser Vorantwort, um Ihnen für diese Bemühungen den besten Dank zu sagen. Ehe Sie von Berlin weggehen, vertrauen Sie mir ja wohl den Namen des jungen Mannes, den Sie vorschlugen, an? damit ich, im Falle, wenn man auf ihn noch in reflectiren gedächte, an ihn schreiben könnte; es soll niemand von mir außerdem erfahren, wie er heiße und wo er sei.

Wenn wir Sie oft vermißt haben, so ist es auch diesmal bei der Anwesenheit des Grafen Geßler und Körner's geschehen. Wir haben sehr angenehme Tage zugebracht, auch war Funk hier, und die Gegenwart Schlegel's trägt nicht wenig bei, die Gesellschaft unterhaltend und lebhaft zu machen.

Ich danke Ihnen für den Antheil, den Sie fortgesetzt an meinen Arbeiten nehmen. Was Sie über das Märchen sagen, hat mich unendlich gefreut. Es war freilich eine schwere Ausgabe, zugleich bedeutend und deutungslos zu sein. Ich habe noch ein anderes im Sinne, das aber, gerade umgekehrt, ganz allegorisch werden soll, und das also ein sehr subordinirtes Kunstwerk geben müßte, wenn ich nicht hoffte, durch eine sehr lebhafte Darstellung die Erinnerung an die Allegorie in jedem Augenblick zu tilgen. Ich lege die Abschrift einer Idylle bei, ich bitte, sie nicht aus Händen zu geben, und wünsche dieser Production, zu der ich selbst einige Neigung habe, eine gute Aufnahme.

Daß Sie meine Schöne Seele nicht in den Kreis Ihrer Affection einschließen würden, konnte ich ungefähr voraussehen, bleiben Sie ihren Vettern und Nichten desto gewogener, wenn das siebente und achte Buch, das wol bald vom Stapel laufen wird, sie zu Ihnen hinbringt.

Schiller hat ja wol von Iffland's Besuch bei uns etwas gesagt, es war wirklich ein interessanter Moment. Schiller blieb über drei Wochen bei uns, jetzt aber setzt er sein altes Leben wieder fort und verläßt beim schönsten Wetter seine Stube nie.

Meinen Cellini darf ich Ihnen ja wol nicht empfehlen; ich hoffe, dieser sonderbare Mann soll Ihnen in der Übersetzung, wenn Sie das Original nicht kennen, noch manches Vergnügen machen.

Meyer, der im Begriff ist, nach Neapel abzugehen, grüßt auf das schönste, er fährt fort, sowol in Arbeit als in Betrachtung äußerst fleißig zu sein. Die neuesten Fortschritte der Franzosen in Italien machen mich, wegen meiner Nachfahrt nicht wenig besorgt. Da sie den 11. dieses in Mailand und Parma waren, so können sie heute in Italien, ich möchte beinahe sagen, sein wo sie wollen, wenn sie nur stark genug sind. Die modenesische Galerie und der schöne Corrége von Parma sollten die nicht auch eine Reise nach Paris antreten? und was können sie nicht aufpacken, wenn sie nach Bologna kommen! Wir müssen das erwarten, was wir nicht denken mögen; in wenig Posttagen wird die Sache entschieden sein.

* An Wilhelm von Humboldt, 15.5.1797 (WA IV, Bd. 12, S. 121 ff., Nr. 3546):

[Concept.]

Weimar am 15. Mai 1797.

Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, werthester Freund, daß Sie, bey so vielen eignen Geschäften, meinem Gedicht noch eine solche Aufmerksamkeit widmen wollen, die ich selbst darauf zu wenden nicht im Stande wäre; wie sehr bin ich Ihnen verpflichtet für die feinen kritischen Bemerkungen, da ich an meinen Sachen, sobald die Stimmung, die sie hervorbrachte, vorüber ist, so wenig zu thun im Stande bin.

Auf einem beyliegenden Blatte finden Sie die Veränderungen, die ich versucht habe, und es soll ganz von Ihnen abhängen, ob Sie solche genehmigen, das Alte beybehalten, oder etwas eigenes, Ihrer Überzeugung gemäßes, einschalten wollen.

Der Druck ist freylich nicht sehr reizend, allein da es einmal Kalenderformat seyn soll, und da man noch überdieß wegen schon fertiger Decke genirt ist, so muß er denn wohl hingehen, übrigens ist er denn doch deutlich und nicht unangenehm zu lesen. Da es bey diesem Gedicht auch mit um die augenblickliche Ausbreitung zu thun ist, so war diese Kalendergestalt, nach der jetzigen Lage der Dinge, immer das bequemste Vehikel.

Zur zweyten Ausgabe würde ich die lateinische Schrift wählen, da sie heiterer aussieht, und da auch wir nun schon einen deutschen Druck haben, ich glaube denn doch zu bemerken, daß der gebildete Theil des Publikums sich durchaus zu lateinischen Lettern hinneigt.

Auf den Kupfern, welche die Musen vorstellen sollten, bestehe ich nicht weiter, so wie es auch scheint, daß Vieweg sich wegen der Landschaften beruhigt. Es traf sich mit diesen Blättchen gar zu sonderbar, daß sie gerade Vorstellungen enthalten, die mir äußerst verhaßt sind, und die ganz antipodisch zu meiner Denk- und Dichtart stehen. Böttiger, der mir manches von Vieweg gebracht hat, erwähnt derselben nicht weiter, und ich wünsche, daß es auch dabey verbleibe.

Die vier nächsten Musen gehen heute über acht Tage ab. Erlaubt es Ihnen Ihre Zeit, so gönnen Sie auch diesen einen aufmerksamen Blick. Wie manches wird noch darinnen anzuzeichnen seyn! ob ich gleich selbst nicht einmal die Schreibfehler darinn mehr gewahr werde, besonders da ich es vor einigen Tagen wieder vorgelesen habe, wodurch mir alles Interesse auf eine ganze Zeit wieder erschöpft ist.

Heute über acht Tage denke ich denn auch wieder nach Jena zu gehen, da ich denn den Schluß des neunten Gesanges bald zu finden hoffe, besonders da die Erfüllung des Friedens auch meine Arbeit begünstigt. Möchte ich Sie doch auch daselbst, bey Ihrer Frau Gemahlin und Ihrem Herrn Bruder finden, wie wir Sie dem Geist nach gegenwärtig denken können.

An Herrn Unger will ich wegen des Agamemnons gern ein Wort gelangen lassen. Ich wünschte gar sehr, daß Sie auf jede Weise aufgemuntert würden, in Ihrer Arbeit fortzufahren.

Könnten Sie mir einige schöne Stickmuster, zu Ofenschirmen, leicht gezeichnet und hübsch colorirt, verschaffen; so würde ich die Auslage mit Dank ersetzen. Die Zeichnung brauchte nur in kleinem Format zu seyn, ich würde sie hier schon in's Große übertragen lassen.

Leben Sie recht wohl und haben Sie nochmals meinen besten Dank. Ich bin sehr neugierig, was aus der Theilung des obern Italiens werden wird, da eine Republik bestehen, und der Kaiser wegen der Niederlande entschädigt werden soll. Wahrscheinlich hat man noch zu guter letzt mit den Venezianern Händel angefangen, um ihnen ihre Zeche hoch anzurechnen. Das alles muß sich in kurzer Zeit entscheiden, denn man wird bald sehen, was die Österreicher in Besitz nehmen, wenn sich die Franzosen zurückziehen, und dann werden wir auch bald näher einsehen, was aus unsern eignen Wandrungen werden kann. Nochmals das beste Lebewohl.

W. d. 14. May 1797.

* An Wilhelm von Humboldt, 7.2.1798 (WA IV, Bd. 13, S. 55 ff., Nr. 3731):

[Concept.]

Nur um wenige Tage, wie ich hören muß, haben wir uns in der Schweiz verfehlt. Auf Ihren freundschaftlichen Brief von Wien hatte ich meine Ordre so gegeben daß Sie mir nicht entgehen konnten, wenn ich in der Schweiz hätte länger ausdauern dürfen. Die üble Jahrszeit kam heran und wir fanden auf unserm Rückzug die Wege durch Witterung, Kriegs- und Handelsfuhrwesen, ärger als man sichs denken kann, verdorben. Nun bin ich wieder in meiner Wohnung angelangt, habe mich von der Zerstreuung so ziemlich erholt, manche Geschäfte bey Seite gebracht, und bereite mich wieder zu meinen Arbeiten. Mein nächster Aufenthalt in Jena wird entscheiden was zuerst an die Reihe kommen soll. Ich habe eine Menge von Dingen, die ich immer so vor mir hinwälze, wie Sie wissen, und wovon denn so eins nach dem andern, wie es Zeit und Stimmung erlauben, vollbracht wird. Auch auf der Reise habe ich wieder manches neue concipirt, das denn auch zu seiner Zeit reif werden mag. Erhalten Sie meinen Arbeiten Ihren Antheil.

Schiller geht mit seinem Wallenstein sachte fort, ich habe davon noch nichts gesehen, wie ich denn auch, leider, bisher noch immer an Weimar gefesselt war.

Meyer hat schöne Sachen mitgebracht, seine schriftliche [sic] Bemerkungen sowohl als seine Copien bringen uns einem reinern Begriff der Kunstgeschichte immer näher.

Indem wir nun in unserm beschränkten Zustande so fort leben, genießen Sie alles was das ungeheure Paris Ihnen täglich und stündlich anbietet, und sind deshalb nicht wenig zu beneiden. Schiller hat mir Ihren Brief mitgetheilt und ich bitte Sie auch gelegentlich um einige Nachricht, von Ihrem Lebenswandel, und von so manchen Gegenständen die mich, wie Sie wissen, interessiren.

Vielleicht kommen Ihnen ein paar Bücher vor, die ich in Deutschland noch nicht finden konnte und die ich sehr zu besitzen wünsche. Hier sind die Titel:

Nouveau Systême de l'Univers. Sous le titre de Chroa-Genesie, ou Critique de prétendues découvertes de Newton par M. Gautier. Paris 1750, im größten Duodez.

Examen du Systême de M. Newton Sur la lumière et les couleurs. Par M. J. Metophile. A. Euphronophe, chez G. Saphendore 1766. 12.

Sollten Sie diese Bücher finden so giebt es ja wohl einmal eine Gelegenheit mir sie herauszuschicken.

Ich habe nach meiner Rückkunft meine sämmtlichen Arbeiten in diesem Fache wieder revidirt und arbeite nun vor allen Dingen das Schema aus, wornach ich die Erfahrungen vortragen will. Die Geschichte der Farbenlehre kann sehr interessant werden, sie ist auch wieder, wie natürlich, die Geschichte des menschlichen Geistes im kleinen.

Die Felsen des Gotthardts haben auch die mineralogische Liebhaberey wieder in Bewegung gesetzt, so daß es mir auch von dieser Seite an mancher Unterhaltung in den trüben Wintertagen nicht gebricht.

Fänden Sie einige hübsche Stücke von dem Montmartrer Gips und von dem sogenannten krystallisirten Sandstein von Fontainebleau, um einen leidlichen Preis, so würden Sie mir dadurch ein Vergnügen machen, doch versteht sich daß es ohne Ihre Beschwerde geschähe.

Dagegen sende einstweilen was ich habe, in der Überzeugung daß Sie mit Ihren Gedanken oft bey uns und unsern Arbeiten sind und daß uns doch das Landsmännische näher liegt als das Fremde.

Schreiben Sie doch ein Wort wie es mit den eroberten Kunstsachen steht? und was davon aus Italien angekommen und aufgestellt ist? Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, der ich die beste Gesundheit zum Genuß so mancher herrlichen Gegenstände wünsche. Leben Sie recht wohl und lassen Sie uns mit Freuden der Zeit entgegen sehen die uns wieder, auf deutschem Grund und Boden, zusammenführen wird.

* An Wilhelm von Humboldt, 16.7.1798 (WA IV, Bd. 13, S. 214 ff., Nr. 3843):

[Concept.]

Ihren freundschaftlichen Brief habe ich seiner Zeit richtig erhalten, so wie mir auch die schönen Mineralien glücklich zugekommen sind, für welche Gabe ich Herrn Dolomieu meinen besten Dank zu entrichten bitte.

Bey meiner Ankunft hier überraschte mich Schiller mit Ihrem Aufsatze über Herrmann und Dorothea, wir lasen den größten Theil zusammen und, nachdem wir verschiednemal unterbrochen worden, habe ich den Schluß für mich allein gelesen und nach Anleitung des Inhalts und der Übersicht manche einzelne Theile wiederholt, und nun sey Ihnen dafür sogleich der schönste und beste Dank gesagt.

Daß Sie Ihre Theilnahme für mich und meine Arbeiten auch mit in das merkwürdige Land nehmen würden, durfte ich hoffen, daß Sie aber ein so fortgesetztes Nachdenken meinem Gedichte widmen sollten, daß Sie sich entschließen könnten, eine so große Arbeit als diese Entwicklung ist in einer Zeit zu unternehmen, die Ihnen so mannigfaltige andere Genüsse anbot, konnte ich auch nicht zum fernsten ahnden, und diese Erscheinung ist mir nun um so erfreulicher, als sie mir beweist, wie innig Sie der Kunst, Ihrem Vaterlande und Ihren Freunden angehören.

Ich will Ihnen gern gestehen, daß mich Ihr Studium meines Gedichtes, wenn Sie auch nicht ganz so günstig davon zu urtheilen geneigt gewesen wären, doch beschämt haben würde, wenn ich nicht zugleich gedächte, daß es Ihnen mit angehört und Sie also eine Art von Neigung, wie zu einer eignen Arbeit, gegen dasselbe fühlen müssen. Es ist nicht eine Höflichkeit, die ich hier sage, denn Sie wissen selbst, wie sehr wir in dem Kreise, in dem wir nun schon eine Zeit lang zusammen leben, uns wechselseitig auszubilden unaufhörlich gearbeitet haben.

Dem sey nun wie ihm sey, so habe ich Ursache mich zu freuen, daß gerade meine Arbeit Sie veranlaßt hat, diese wichtige Materie durchzudenken, mit sich selbst darüber einstimmig zu werden, und eine lebhafte Communication mit uns und andern zu eröffnen.

Auch diese Ihre neue Schrift, in welcher Sie uns einen solchen Schatz von Ideen und Beobachtungen überliefern, soll Ihnen künftig doppelt werth seyn, wenn Sie durch die That erfahren, daß sie in mehr als Einem Sinne auf mich gewirkt hat. Mein lebhafter Wunsch ist der, bald wieder an eine neue epische Arbeit gehen zu können. Ich habe zeither sehr viel über diese Dichtungsart gedacht, und Ihr Aufsatz hat nicht allein alles wieder aufs neue und von verschiednen Seiten erregt, sondern er hat mich auch auf gewisse wichtige Punkte aufmerksam gemacht, die mir, ob ich sie gleich im Auge hatte, doch erst durch Ihre Ableitung recht wichtig geworden sind. So freue ich mich voraus, daß Sie dasjenige was Sie billigen und für recht halten in meinen Arbeiten noch immer mehr ausgedruckt und vollendet finden sollen.

Indem ich Ihnen nun diesen praktischen Dank bereite, so wird Schiller Sie umständlicher unterhalten, wie der Theoretiker Ihre Deduction aufnehmen möchte, wozu mir von dem Himmel das Organ versagt ist.

Nehmen Sie nun auch meinen Dank für die freundschaftliche Art, mit der Sie meiner Mängel erwähnen. Man mag sich noch so sehr zum Allgemeinen ausbilden, so bleibt man immer ein Individuum, dessen Natur, indem sie gewisse Eigenschaften besitzt, andere nothwendig ausschließt.

Alles dieses, wie vorsteht, war schon vor drey Wochen geschrieben und ich hatte noch manches hinzu zu fügen, indessen bin ich zwischen Weimar und Jena wie ein Ball hin und wieder geworfen worden und muß nur schließen damit der Brief, wie er ist, fortkomme.

Ich lege eine Elegie bey, damit meine Prosa wenigstens einigen Beystand habe. Sie kannten ja wohl unsere junge Schauspielerinn [sic], die schöne und angenehme Becker. Sie starb, als ich diesen letzten Herbst in der Schweiz war, und ich widmete ihren Manen dieses Gedicht.

Leben Sie recht wohl, grüßen die Ihrige recht herzlich und strafen Sie mich nicht durch ein allzulanges Stillschweigen.

Sie haben, wie ich aus einem Briefe an Schiller sehe, der Kantischen Philosophie mitten in Paris energisch genug gedacht. Da Sie denn doch einmal ein so erklärter Deutscher sind, so wünschte ich daß Sie noch mit Brinkmann eine Prosodie unserer Sprache zu Stande brächten, die sich auch von Paris her datirte, es wäre kein geringes Verdienst, besonders um Poeten von meiner Natur die nun einmal keine grammatische Ader in sich fühlen.

Übrigens würde mein Brief sich recht bunt endigen, wenn ich von dem, was ich bisher mit Willen und Unwillen getrieben habe, Rechenschaft geben sollte. Sagen Sie mir doch ja bald, wo Ihr Herr Bruder sich befindet, und ob man nicht etwas von seinen Fortschritten erfahren kann.

In den Naturwissenschaften scheinen wir uns bald recht gut einzurichten. Scherer, der aus England zurück ist, etablirt sich in Belvedere, er wird wol Rittern als Mitarbeiter zu sich nehmen, und Schelling kommt als Professor nach Jena. Sie sehen, daß wenn Sie dereinst aus der Welt der Welten in unser intermundium zurückkehren, Sie uns nicht ganz degarnirt von dieser Seite finden können.

Seit einigen Wochen habe ich die magnetischen Phänomene nach meiner Art auf- und zusammengestellt. Schiller nimmt an diesen Studien immer mehr Antheil, und Sie wissen was sein Antheil heißt.

So viel für heute, leben Sie wohl und genießen die ganze Fülle des Gastmahls bey dem Sie sich gegenwärtig befinden, und überzeugen Sie sich, daß unsre magre Kost, zu der Sie denn doch dereinst zurückkommen werden, wenigstens herzlich gern gegeben werde und in manchem Sinne heilsam sey.

Grüßen Sie alles was Sie umgiebt.

Weimar d. 16. Jul. 1798.

* An Wilhelm von Humboldt, 26.5.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 95 ff., Nr. 4056):

[Concept.]

Ihr lehrreicher Brief, den ich vor einiger Zeit erhalten, forderte mich anhaltend zu einer Antwort auf. Ein anderer an Schillern erinnert mich meiner Schuld und ich eile Ihnen zu schreiben, ehe Sie sich noch weiter von uns entfernen.

Ich lobe sehr Ihren Entschluß nach Spanien zu gehen; denn wer einmal fremde Litteraturen genießen, sich von der bewohnten Welt einen Begriff machen, über Nationen, ihren Ursprung und ihre Verhältnisse denken will, der thut wohl, manche Länder zu bereisen, um sich ein Anschauen zu verschaffen, das durch keine Lectur erregt werden kann.

Ich weiß es sehr gut an mir selbst mit welcher unterschiednen Einsicht ich einen Italiänischen Schriftsteller, oder einen Englischen lese. Der erste spricht zu mir gleichsam durch alle Sinne und giebt mir ein mehr oder weniger vollständiges Bild; der letzte bleibt immer der Gewalt der Einbildungskraft mehr ausgesetzt, und ich bin nie ganz gewiß, ob ich das Gehörige dabey denke und empfinde. So hat mir auch mein Aufenthalt zu Neapel, und meine Reise durch Sicilien, eine gewisse nähere Anmuthung zu dem ganzen griechischen Wesen verschafft, sowie mein Aufenthalt in Rom zu dem lateinischen. Wenigstens kommt mir vor daß ich seit der Zeit die Alten besser einsehe.

Von Frankreich sowohl als von Spanien hoffe ich durch Sie dereinst die großen Lücken, die sich in meiner Kenntniß dieser Länder befinden, ausgefüllt zu sehen. Denn was man durch einen gleichgesinnten Freund erfährt ist nahe zu als wenn man es selbst erfahren hätte.

Diesen Winter habe ich zwar nicht leidend jedoch nicht zum besten zugebracht. Indessen haben wir Schillers Wallensteinischen Cyklus auf die Bühne eingeführt und dabey manche Mühe und manchen Genuß gehabt. Doch hat das eigentliche Unangenehme und Unbequeme der Vorbereitung Schiller selbst mir abgenommen. Er hat sich in Absicht auf Gesundheit und Stimmung bey dieser Thätigkeit sehr wacker gehalten und durch diesen neuen und von allen Seiten schweren Versuch gar viel gewonnen.

Man hat auch bey diesem Unternehmen gesehen, daß man eigentlich alles wagen kann, sobald man mit Genie, Geist und Überlegung wirkt. Das erste Stück, Wallensteins Lager, hat die Menschen nicht allein sogleich mit dem Reim ausgesöhnt, sondern sogar dessen Bedürfniß erweckt und durch seine Lebhaftigkeit eine gute Sensation gemacht. Das zweyte die Piccolomini, hat den Beyfall aller erhalten, welche es ganz hören konnten, oder mochten; diejenigen aber, denen es entweder an dem Grade der nöthigen Aufmerksamkeit gebrach, oder die durch äußere Umstände theilweise zerstreut und gehindert waren, oder wer sonst etwa nicht den besten Willen hatte, beschwerte sich über die Länge und den Mangel an Handlung; alle aber mußten der einzelnen Ausführung und dem reichen Gehalte des Stücks Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Wallenstein zuletzt hat alle Stimmen vereinigt, indem er aus den vorbereitenden Kelchblättern, wie eine Wunderblume unversehens hervorstieg und alle Erwartungen übertraf. Ich freue mich in Ihre Seele zum voraus auf die Stunden, in denen auch Sie dieses Genusses theilhaftig werden.

Ihre Arbeit über meinen Herrmann und Dorothea, für die ich Ihnen nochmals danke, habe ich nun in schönem Drucke vor mir und nehme die einzelnen Capitel nach und nach wieder vor. In wie fern ich davon profitire und in meinen Arbeiten vorschreite, sollen Sie selbst beurtheilen, wenn Sie dereinst zurückkommen und eine größere epische Arbeit, wo nicht vollendet, doch im Gange finden, von der ich gegenwärtig nicht einmal den Stoff anzuzeigen wage, damit nicht Ihre freundschaftliche Sorge rege werde ob ich mir nicht etwa gar Ikarische Flügel zubereite.

Gar erfreulich ist es mir daß wir uns bisher auch durch die Propyläen mit Ihnen unterhalten konnten.

Es ist freylich gewissermaßen eine traurige Arbeit, da wir sonst Hoffnung hatten diese Stoffe, von denen meist die Rede ist, in Gegenwart der Kunstwerke selbst auszuführen und dadurch der Behandlung noch mehr Leben, Wahrheit und innern Zusammenhang zu geben. Doch was uns am Object abgehen mag, gewinnen wir reichlich durch Schillers Mitarbeit. Wir drey haben uns nun so zusammen und in einander gesprochen, daß bey den verschiedensten Richtungen unserer Naturen keine Discrepanz mehr möglich ist, sondern eine gemeinschaftliche Arbeit nur um desto mannigfaltiger werden kann. Wir haben seit einiger Zeit angefangen Plane und Entwürfe zusammen zu machen, welches den großen Vortheil gewährt, daß nicht etwa, bey einem vollendeten Werk, Erinnerungen vorkommen, die man entweder nur mit beschwerlichen Abänderungen nutzen kann, oder die man wohl gar wider seinen Willen ungenutzt liegen lassen muß. Wenn das vierte Stück der Propyläen Sie noch in Paris antrifft, so wird eine Art von kleinem Roman in Briefen, unter dem Titel der Sammler und die Seinigen, der auf diese Weise entstanden ist, Ihnen gewiß einiges Vergnügen machen, um so mehr, da Sie die Individuen kennen, von denen sich dieses wunderliche Werkchen herschreibt.

Es ist nun auch eine Abhandlung auf dem Wege, über den Dilettantismus in allen Künsten, versteht sich den praktischen. Es soll darinn dargestellt werden sein Nutzen und Schaden fürs Subject sowohl als für die Kunst und für das Allgemeine der Gesellschaft. Die Geschichte desselben, sowohl in Deutschland als im Ausland, wollen wir nicht übergehen. Sie sehen wohl, daß dieses auch nur eine Skizze werden kann, die Sie dereinst mit auszuführen eingeladen sind. Haben Sie doch die Güte, mir etwas von dem praktischen Dilettantism in Spanien, von welcher Kunst es auch sey, zu melden. Vielleicht schreiben Sie mir bald etwas über die Franzosen und wohin sich bey diesen die Neigung und Thätigkeit der Liebhaber richtet.

Überhaupt war ich schon in Versuchung von einigen Stellen Ihrer Briefe in den Propyläen Gebrauch zu machen, sowohl derer an mich als an Schillern; indem so manche Übersicht und Schilderung sich darinn befindet, die man dem größern Cirkel mittheilen möchte.

Ihre Nachricht von Retif tat mir ganz besonderes, so wie auch unserm engern Kreise, Vergnügen gemacht.

Vielleicht haben Sie künftig die Güte die Stellen, von denen es Ihnen nicht unangenehm wäre wenn man sie abdrucken ließe vorn herunter mit einem Strich zu bezeichnen.

Haben Sie wohl schon von einer Ausgabe vernommen, die von Wolfs Homer veranstaltet wird? La Garde in Berlin ist Verleger. Der Text soll in Kupfer gestochen werden, dazu will man bildliche Vorstellungen, sowohl in großen Platten als in einzelnen Vignetten hinzufügen. Das Unternehmen ist sehr groß und wir werden wahrscheinlich einigen Einfluß darauf haben, indem Prof. Meyern schon deshalb ein Antrag geschehen ist, und ich, auf eine bestimmtere Anfrage einen Brief von Prof. Wolf erwarte.

Bey dieser Gelegenheit wird die Lehre von den zu behandelnden Gegenständen wieder stark zur Sprache kommen, wobey man, wie Sie recht wohl bemerken, von dem strengen Grundsatz des Selbstaussprechens zwar ausgehen, aber nicht streng dabey verharren darf. Es würden wenig ganz reine und vollkommene Darstellungen möglich seyn, auch wird man nicht einmal einen vollständigen Cyklus schließen können, sondern man wird, in mancherley Rücksichten, sich hin und her bewegen müssen. Dabey wird die Regel, die Sie in Ihrem Briefe festsetzen, sehr leitend und dirigirend seyn: daß nämlich wenigstens die physische Handlung vollkommen klar werde und diese auch schon sinnlich und moralisch bedeutend, nicht weniger angenehm sey; daß man aber den eigentlichen Beweggrund und die nähere Bestimmung aus dem Gedicht zu erfahren habe.

Ich mache daher einen dreyfachen Unterschied von zulässigen Bildern in diesem Falle 1) ganz selbstständige Bilder, 2) Bilder, die Theile eines selbstständigen Cyclus ausmachen (von diesen beyden könnte man sagen: sie werden aus dem Gedicht genommen), 3) Bilder zu dem Gedicht. Diese haben das Recht nur in so fern selbstständig zu seyn daß sie gut aussehen, die Neugierde reizen und, sobald man von dem Gegenstand unterrichtet ist, vollkommen befriedigen.

Wir werden uns freylich in Acht nehmen uns in so ein schwieriges und von mancher Seite beschwerliches und gefährliches Unternehmen einzulassen, ohne über den Sinn und Plan sowohl mit Prof. Wolf als mit dem Verleger vollkommen einig zu seyn. Ist Ihnen, oder Ihrer lieben Frauen [sic], etwas erinnerlich von Vorstellungen aus dem Homer die Sie irgendwo gesehen, und die eine gute Wirkung gethan, so lassen Sie mich doch etwas davon erfahren.

Primaticcio hat in Fontainebleau die Odyssee gemahlt; wahrscheinlich sind diese Bilder gestochen worden. Könnten Sie ein Exemplar davon irgend finden, so würden Sie mir ein besonderes Vergnügen machen, wenn Sie mir es bald zuschickten.

Und nun noch eine Anfrage. Wüßten Sie wohl einen Weg wie man dem Maler David und einem andern, der, wenn ich nicht irre, Renaud heißt, beykommen könnte? um in der Folge, wenn die Sache im Gange ist, etwa auch eine Zeichnung von jedem zu erhalten. Sind die Preise sehr hoch die sie auf ihre Arbeiten setzen? und könnten Sie mir etwa, werther Freund, jemanden in Paris verschaffen, der zu so einer Connexion und Negotiation geneigt und geschickt wäre.

Nun habe ich noch zweyerley Gesuch für die Zukunft:

Wenn Sie Frankreich durchreisen, bemerken Sie doch: ob Sie von den geplünderten Schätzen aus Italien irgend etwas auf Ihrem Wege antreffen, es sey von welcher Art Kunstwerke es wolle, und notiren Sie das einzelne. Weil es immer sehr interessant ist wenigstens einem Theil des Verlorenen wieder auf die Spur zu kommen.

Dann wünschte ich, Sie oder Ihre liebe Frau machten sich zum Geschäft alles was Sie in Spanien antreffen recht genau zu bemerken, es seyen nun alte oder moderne Arbeiten, damit wir erführen was sich daselbst zusammen befindet und welche Gestalt der Spanische Kunstkörper eigentlich habe. Es würde ein schöner Beytrag für die Propyläen seyn.

Wenn Sie mir künftig schreiben, so haben Sie doch immer die Güte mir etwas von Ihrem Herrn Bruder zu melden, dem ich die glücklichste Reise wünsche und dem ich mich gelegentlich bestens zu empfehlen bitte. Bey seinem Genie, seinem Talent, seiner Thätigkeit, ist der Vortheil seiner Reise für die Wissenschaften ganz incalculabel, ja man kann behaupten, daß er über die Schätze, deren Gewinnst ihm bevorsteht, künftig dereinst selbst erstaunen wird. Wäre es möglich von Zeit zu Zeit etwas von seinen Entdeckungen zu erfahren, so würde es uns sehr erfreuen und fördern und unsere Hoffnung nähren, seine Rückkunst dereinst zu erleben.

Finden Sie in Spanien etwa eine kleine Smaragdstufe die dort so gar selten nicht sind (es ist schöner weißer Kalkspath, auf welchem die kleinern oder größern sechsseitigen Säulenkrystalle aufsitzen); so würden Sie mir eine Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie mir eine mitbrächten. Ein paar Louisd'or möchte ich wohl allenfalls dafür anwenden. Weder die Stufe noch die Krystalle brauchen groß zu seyn, wenn sie nur deutlich und besonders an ihren Zuspitzungsflächen wohl erhalten sind.

Da Sie, bey Gelegenheit des Kotzebuischen Stücks, etwas über das Drama äußern; so fällt mir ein was wir neulich bey Durchlesung der Euripidischen Stücke zu bemerken glaubten: daß sich nämlich zu der Zeit dieses Autors der Geschmack schon offenbar nach dem was wir Drama nennen hinneigte. Die Alceste ist auffallend von dieser Art so wie der Ion, die Helena und mehrere. Nur wird dort durch ein Wunder das Unauflösliche gleichsam bey Seite gebracht; bey uns muß die Rührung statt des Wunders eintreten. Wenn Euripides das Sujet von Menschenhaß und Reue behandelt hätte; so wäre zuletzt Minerva hervorgetreten und hätte dem alten Hahnrey auf eine vernünftige Weise zugesprochen und so hätte er sich denn wahrscheinlich in sein Schicksal ergeben.

Für die Mittheilung des Stücks vom Agamemnon danke ich recht sehr, es ist sehr löblich, daß Sie in der großen Zerstreuung eines auswärtigen Lebens nur daran fest halten, wo doch der Grundpfeiler aller ästhetischen Bemühungen steht.

Für heute muß ich schließen, damit der Brief fortkomme, denn ich gehe morgen früh nach Weimar ab, und wenn ich ihn mitnehme, so bin ich nicht sicher, daß er nicht noch eine Woche liegen bleibt. Leben Sie recht wohl und reisen Sie glücklich. Schiller ist auch im Begriff an Sie zu schreiben.

Lassen Sie sich doch, ich wiederhole es, auf Ihrer Reise nichts entgehen, was auf Kunst Bezug hat, schreiben Sie mir es bald und geben mir die Erlaubniß in den Propyläen davon Gebrauch zu machen.

Grüßen Sie Ihre liebe Frau und ehe Sie Frankreich verlassen so schreiben Sie mir nur ein Wort, damit wir Sie im Geiste aufsuchen können.

Jena am 26. Mai 1799.

* An Wilhelm von Humboldt, 16.9.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 177 ff., Nr. 4108):

[Concept.]

Auf Ihren langen und interessanten Brief, für den ich recht lebhaft danke, will ich nur in der Geschwindigkeit einiges erwiedern.

Haben Sie die Güte die Nachricht von den Atheniensischen Basreliefs zu beschleunigen, es ist dieses ein Gegenstand, der mich immer sehr interessirt hat und von dem ich gar gern näher unterrichtet zu seyn wünschte. Sollte es aber möglich seyn, einen Abguß von einem einzigen Reuter [sic] und einer einzigen bekleideten Figur zu erhalten, so würden Sie mich äußerst glücklich machen. Man ist in Paris leider überhaupt mit den Kunstwerken nicht sehr sorgfältig, man erlaubt Gemählde durchzuzeichnen u. s. w. Da nun diese Stücke restaurirt werden und also Gips bey der Hand ist, beschädigte Dinge vielleicht gar selbst wieder geformt werden, so käme es darauf an, ob man nicht irgend etwas erhaschen könnte. Ja das geringste Fragment würde mir eine außerordentliche Freude machen.

Schreiben Sie nur ja recht viel, ich will es schon zu dechiffriren suchen. Sollte es Ihnen gleich seyn, so wäre Ihre lateinische Hand freylich um einen guten Theil lesbarer.

Ihre Anmerkungen über die französische tragische Bühne geben mir eine sehr lehrreiche Unterhaltung, indem ich sie dictire, um in den Propyläen davon Gebrauch zu machen.

Dank sey Ihnen und Ihrer lieben Gattin gesagt für die Beschreibung der beyden Gemählde. Die Franzosen sind doch wunderliche Naturen! Über die gewählten Gegenstände und über die Motive der Ausführung lassen sich sonderbare Bemerkungen machen. Fast keine Spur vom Naiven ist mehr übrig, alles zu einer gewissen sonderbaren gedachten Sentimentalität hinaufgeschraubt. Der Belisar, wie er am Abgrunde steht, ist das Symbol der Kunstweise, die sich auch vom rechten Weg an den Abgrund verloren hat. Schade daß man mit so viel Talent so irren kann.

Haben Sie ja die Güte wenn Ihnen etwas merkwürdiges der Art vorkommt und gönnen mir eine Beschreibung davon.

Den Brief den Sie einem Reisenden mitgaben, habe ich noch nicht erhalten. Vielleicht kommt er bald.

Schiller ist eben hier und legt vielleicht etwas bey. Er hat ein Quartier gemiethet und wird einen Theil des Winters hier zubringen. Ich hoffe davon Gutes für ihn, für das Theater und für die Societät.

Daß Fichte von Jena abgegangen ist werden Sie schon wissen. Erst machten sie im philosophischen Journal einen albernen Streich, indem sie einen Aufsatz der nach dem hergebrachten Sprachgebrauch atheistisch genug war, einrückten. Da Fichte nun unrecht hatte wurde er zuletzt auch noch grob gegen das Gouvernement und so erhielt er seinen Abschied. Er hält sich jetzo in Berlin auf.

Übrigens scheint mir aus dieser Schule, wenigstens für die Gegenwart, wenig Freude und Nutzen zu hoffen. Diese Herrn kauen sämmtlich ihren eignen Narren beständig wieder, ruminiren ihr Ich. Das mag denn freylich ihnen und nicht andern genießbar seyn.

Kant hat sich nun auch gegen Fichte erklärt und versichert daß die Lehre unhaltbar sey. Darüber ist denn diese Schule auf den alten Herrn äußerst übel zu sprechen.

Herder hat sich in einer Metakritik auch gegen Kanten aufgemacht, wodurch denn, wie billig, allerley Händel entstehen.

Viel anderes habe ich nicht zu sagen und Sie sehen wohl daß die Deutschen verdammt sind wie vor alters in den cimmerischen Nächten der Speculation zu wohnen. Wenigstens fällt mir nicht leicht ein Kunstwerk von Bedeutung ein, das in dieser Zeit erschienen wäre.

Ich beneide Sie um Ihre Abende im französischen Theater und um den Anblick so manches guten alten und neuen Kunstwerks.

Zu uns verirrt sich allenfalls einmal ein guter geschnittner Stein, an dem Finger eines Reisenden, übrigens müssen wir uns mit dem Litterarischen und Historischen begnügen. Ich studire gegenwärtig die Zeit, in welche Winkelmann und Mengs kamen, und die Epoche die sie machten.

Meyer grüßt schönstens, er war diesen Sommer productiver als ich. Unser Schloß, das sich nunmehr dem Ausbau nähert, wird ihm Gelegenheit zu einigen größern Arbeiten geben. Er hat indeß manche artige Zeichnung ausgeführt, zu Begleitung eines und des andern Buches.

Was Sie bey Gelegenheit eines erhöhteren Kunstausdrucks von Voßen und seiner Rhythmik sagen, davon bin ich mehr als jemals überzeugt, nur schade daß ich kaum erleben kann, daß die Sache ins Gleiche kommt. Wäre ich 20 Jahre jünger so sollte es an mir nicht fehlen lebhaft mitzuwirken, denn es kommt ja nur darauf an, daß man die Maximen annimmt, sich davon penetrirt, sein Studium darauf richtet und in der Ausführung daran fest hält.

Ich habe jetzt mit dem besten Willen die Georgiken wieder angesehen. Wenn man die deutschen Verse liest ohne einen Sinn von ihnen zu verlangen, so haben sie unstreitig vieles Verdienst, was man seinen eignen Arbeiten wünschen muß; sucht man aber darin den geistigen Abdruck des himmelreinen und schönen Virgils, so schaudert man an vielen Stellen mit Entsetzen zurück, ob sich gleich, in so fern das Ganze wohl verstanden und manches einzelne auch geglückt ist, ein tüchtiger Mann und Meister zeigt.

Auch die Abhandlung über das Versmaß in der Vorrede hat etwas mystisches und ich verstehe sie jetzt noch nicht ganz. Vor 10 Jahren, da das Buch heraus kam, suchte ich mich daraus zu unterrichten und es wollte noch weniger gehen als jetzt.

Wenn wir einmal wieder zusammen kommen, so wollen wir diese Materie recht durcharbeiten und wenn uns die Muse beysteht auch noch etwas zu diesem Entzwecke wirken.

Da ich jetzt meine kleinen Gedichte, zusammen gedruckt, herausgebe, so habe ich Gelegenheit, etwas an den Elegien und Epigrammen zu thun. Es ist mir dabey wirklich angenehm zu sehen, daß ich weiter gekommen bin, wofür ich Ihnen vorzüglich dankbar seyn muß.

Amelie Imhoff hat ein kleines episches Gedicht, die Schwestern von Lesbos, geschrieben, der Gegenstand ist artig, die einzelnen Motive meist sehr glücklich, das Ganze hat ein blühendes jugendliches Wesen; nur können Sie leicht denken daß die Ausführung etwas locker ist, und der rhythmische Theil ist wie natürlich nicht der preiswürdigste.

Indessen steht das Ganze immer auf einer respectablen Stufe, und es will was heißen, daß unsere Weiber sich so ausbilden. Es wird einen Theil des Schillerischen Almanachs ausmachen. Wenn Sie noch länger in Paris bleiben, so schreiben Sie mir doch wie ich es Ihnen, ohne daß es zu viel Porto macht, zuschicken kann.

* An Wilhelm von Humboldt, 28.10.1799 (WA IV, Bd. 14, S. 207 ff., Nr. 4130):

[Concept.]

Das Packetchen, welches Sie Herrn von Buch mitgegeben haben, darin der Brief vom 28. August datirt ist, habe ich vor ohngefähr 14 Tagen in Jena erhalten und finde nun erst einen ruhigen Augenblick um Ihnen dafür danken zu können. Wie soll ich, werthester Freund, Ihre Thätigteit und Pünctlichkeit genugsam rühmen? Sie widmen von Ihren kostbaren Stunden mehrere meinen Angelegenheiten und geben mir so völlige Auskunft als ich nur wünschen kann.

Es ist mir sehr angenehm daß ich, durch Ihre Anfrage, mit den Herrn David und Regnauld in ein solches Verhältniß komme, daß ich allenfalls in der Folge mich direct an einen oder den andern wenden könnte.

Was die gegenwärtige Unternehmung betrifft, so ist sie freylich noch nicht so weit vorwärts gerückt als ich wünschte. Man arbeitet zwar, so viel ich weiß, an dem Stich des ersten Gesanges, allein wie es scheint nur zur Probe, und unsere Anstalten zu künftigen Kupfern haben auch nur bisher in Anfragen und Vorbereitungen bestanden.

Daneben ist man denn freylich in Deutschland die Zeichnungen so hoch zu bezahlen nicht gewohnt. Den Geschmack unseres Publikums kennen Sie, der mit einem gewissen Schein bald zu befriedigen ist. Und übrigens bezahlt das Publikum auch wohl ohne zufrieden zu seyn. Ich fürchte daher daß die hohen Preise der Pariser Künstler den Verleger abschrecken werden, um so mehr da die Ausführung nicht einmal von derselbigen Hand seyn soll. Indessen kommt alles auf eine mündliche Unterredung mit dem Buchhändler an, die vielleicht auf der Ostermesse stattfindet, da sich denn manches wird näher bestimmen lassen.

Haben Sie Dank für so manche interessante einzelne Nachrichten, die in Ihrem Briefe entfalten sind.

Danken Sie auch Herrn Catel für das Überschickte. Er zeigt in seinen Arbeiten ein schönes Talent, nur sieht man daran, möcht ich sagen, daß er in der Zerstreuung der Welt lebt.

Der einzelne Künstler kann sich freylich nicht isoliren, und doch gehört Einsamkeit dazu um in die Tiefe der Kunst zu dringen und die tiefe Kunst in seinem eignen Herzen aufzuschließen. Freylich keine absolute Einsamkeit, sondern Einsamkeit in einem lebendigen reichen Kunstkreise.

Die Welt trägt sich mit lauter falschen Maximen, weil sie blos vom Effect reden kann, des Künstlers Maximen müssen die Ursachen enthalten, und es sind tausend Umstände die ihn hindern ihrer habhaft zu werden.

Doch ich verliere mich ins allgemeine, da ich Ihnen noch für Ihre besondere und schöne Belehrung über das französische tragische Theater zu danken habe. Ich kann es jetzt, so wie in meinem vorigen Briefe, nur unvollkommen thun, ob ich gleich diese Zeit her mich lange mit Ihrer Arbeit beschäftigt habe, indem ich sie abdictirte, um sie in dem fünften Stück der Propyläen drucken zu lassen.

Dieser Aufsatz, welcher sehr zur rechten Zeit kam, hat auf mich und Schillern einen besondern Einfluß gehabt und unser Anschauen des französischen Theaters völlig ins Klare gebracht. Durch eine sonderbare Veranlassung übersetze ich den Mohamet des Voltaire ins Deutsche. Ohne Ihren Brief wäre mir dieses Experiment nicht gelungen, ja ich hätte es nicht unternehmen mögen. Da ich das Stück nicht allein ins Deutsche, sondern, wo möglich, für die Deutschen übersetzen möchte; so war mir Ihre Charakteristik beyder Nationen über diesen Punct ein äußerst glücklicher Leitstern und ist es noch jetzt bey der Ausarbeitung. So wird auch die Wirkung des Stücks auf dem Theater Ihre Bemerkungen, wie ich voraussehe, völlig bekräftigen.

Meinen Brief vom 16. Sept. werden Sie erhalten haben. Ich bin neugierig ob es möglich seyn wird meinen dort geäußerten Wunsch, Abgüsse von ein Paar Stücken des atheniensischen Frieses zu erhalten, wirklich erfüllt zu sehen.

Haben Sie die Güte mir manchmal, wenn es auch nur kurze Briefe sind zu schreiben und mir Nachrichten von Künstlern und Kunstsachen zu geben. Ihre Frau Gemahlin und sonst ein Freund legt ja auch wohl irgend ein Blättchen bey.

Das fünfte Stück der Propyläen dankt Ihnen seine vornehmste Zierde.

Unsere Schillern ist mit einer jungen Tochter niedergekommen, sie befindet sich aber in diesem Wochenbett nicht zum besten.

Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner, wo Sie auch die Reise hinführt, und lassen Sie mich an dem Reichthum Ihrer Bemerkungen immer einigen Theil nehmen.

Weimar am 28. Oct. 1799.

* An Wilhelm von Humboldt, 4.1.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 10 f., Nr. 4175):

[Concept.]

Ihr lieber Brief aus Madrid ist schon vor einigen Wochen angekommen und ich zaudre nicht länger Ihnen zu schreiben, wenn ich Ihnen gleich nicht eben viel bedeutendes zurück geben kann.

Was ich Ihnen schrieb, daß mir Ihre Reise nach Spanien statt einer eignen dahin gelten würde, geht wirklich schon durch Ihren letzten Brief in Erfüllung. Ich bin Ihnen gern durch Frankreich gefolgt und als ich Sie in den Pyrenäen wandern sah erinnerte ich mich, daß eine mineralogische Reise durch dieses interessante Gebirg, von einem La Peyrouse, die ich niemals angesehen hatte, unter meinen Büchern stehe. Da fand ich denn Specialkarten, mineralogische Bemerkungen, auch manches was sonst dem Reisenden auffällt. Zeichnungen von einzelnen interessanten Gebirgstheilen z.B. aus dem Thal von Cauterets, sogar den Vignemale, in einer zwar erbärmlichen, aber doch nicht ganz charakterlosen Darstellung.

So habe ich auch einige Reisebeschreibungen mit mehrerem Antheil durchblättert. Eine Karte von Spanien ist an meiner Thüre angenagelt und so begleite ich Sie in Gedanken und hoffe, daß Sie mich nach und nach immer weiter führen werden.

Sogar habe ich mich den spanischen Schriftstellern wieder genähert und neulich das Trauerspiel Rumancia von Cervantes mit vielem Vergnügen gelesen.

Was Sie uns schicken soll uns immer willkommen seyn, und was Ihre liebe Reisegefährtin für uns aufspart nicht weniger.

Nun einiges von unseren Zuständen:

Schiller ist hier, seine Frau wieder wohl, sie und ihre Schwester werden Ihnen wohl geschrieben haben.

Wir haben diesmal einen sehr dramatischen Winter. Kotzebue ist auch hier. Heute wird Gustav Wasa von ihm gegeben, ein historisches Schauspiel, worin 36 redende Personen vorkommen.

Den 30. Januar wird mein Mahomet gegeben, bald darauf wird wohl die Maria von Schiller aufs Theater kommen, davon wir Ihnen denn die Repetitionen auf künftigen Winter versprechen können.

Der November und ein Theil des Decembers waren sehr schön und gelind, nun haben wir Kälte und Schnee, wie es der Zeit gemäß ist, ohne Unterbrechung. Sie genießen wahrscheinlich jetzt einer sehr angenehmen Witterung.

* An Wilhelm von Humboldt, 15.9.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 103 ff., Nr. 4285):

[Concept.]

Vorstehendes war schon vor sechs Wochen geschrieben und blieb in Jena liegen, als ich unvermutet von dort abgerufen wurde. Ich gedachte Ihnen noch manches von unsern litterarischen und philosophischen Händeln zu schreiben; will mich aber kurz fassen damit Sie nur ein Lebenszeichen von mir sehen.

Durch Ihren Montserrat haben Sie uns ein großes Vergnügen gemacht. Die Darstellung ist sehr gut geschrieben, man liest sie gern und man kann sie aus der Einbildungskraft nicht los werden. Ich befinde mich seit der Zeit, ehe ich michs versehe, bey einem oder dem andern Ihrer Eremiten.

Wegen des Druckes bin ich in einiger Verlegenheit. Ich möchte den Aufsatz nicht gern für die Propyläen verlieren; aber ins gegenwärtige Stück geht er nicht mehr und ich weiß nicht wann ich an das nächste kommen werde. In den Merkur wird er auch nicht auf einmal ganz eingerückt werden können; denn es macht gegen 5 Bogen unseres Propyläendrucks. Ich will ihn auf alle Fälle zurückhalten bis ich wieder Antwort von Ihnen habe.

Ich kann Ihnen nicht aussprechen wie sehr ich mich freue die übrigen Theile Ihrer Reisebeschreibung zu sehen. Wenn ein Freund, mit dem wir in den Hauptpuncten der Denkweise einstimmen, uns von der Welt und ihren Theilen erzählt; so ist es ganz nahe als wenn wir sie selbst sähen. Ich suchte gestern den Montserrat in einer spanischen Reise auf und es war eben so gut wie gar nichts. Fast glaube ich der Reisebeschreiber ist nicht oben gewesen.

Haben Sie recht viel Dank für die übersendete Skizze des Sextus, mit der erläuternden Beschreibung. Auch hier sieht man die wunderbare sentimentale Wendung, welche die französische Kunst, dem Geist des Jahrhunderts gemäß, immer mehr und mehr zu nehmen auf dem Wege ist. Es scheint eben durch die Künstler aller Nationen durchzugehen dasjenige ausdrücken zu wollen, was man nicht ausdrucken kann noch soll.

Gleichen Dank für alle Bemühungen, die Sie angewendet haben, mir zu Abgüssen einiger griechischen Kunstwerke zu verhelfen, wir wollen denn unsere Begierde darnach mäßigen und zähmen.

Suchen Sie doch übrigens ja einen Correspondenten in Paris zu erhalten, damit man zeitig erführe was in Kunst und Wissenschaft dort vorginge. Es wird zwar alles dieß in Deutschland novellistisch und journalistisch herumgeschleift, aber auf so eine fatale und unzulängliche Weise, daß man auf diesem unreinen Weg nichts davon erfahren mag. Ich habe auf der Leipziger Messe Philiberts Botanik und ein neues physikalisches Lexikon angeschafft, die mir manches zu denken geben, worüber ich aber von Ihnen die näheren Ausschlüsse hoffen kann.

Ich lege, damit Sie doch auch das Neuste aus Deutschland erfahren, eine Ankündigung bey, die, wie Sie wohl gleich sehen werden, von Fichten geschrieben ist. Die Gebrüder Schlegel haben von der andern Seite ein ähnliches Institut, in Cottas Verlag, übernommen und beyde gehen darauf aus, der Litteraturzeitung zu schaffen zu machen. Diese hat nun Griesbach an der Spitze der Direction, Hufeland ist in der Zeit der großen Händel, welche Wilhelm Schlegel und Schelling erregt hatten, abgegangen.

Schiller ist poetisch thätig, ich bin es nicht so sehr als ich wünschte. Die zur Production so nöthige Muße fehlt immer mehr je älter man wird. Grüßen Sie Ihre liebe Reisegefährtin. Möge doch eine gute Gesundheit Ihr Geleitsmann bleiben! haben Sie ja die Güte uns den Zeitpunct Ihrer Ankunft näher zu bestimmen.

Jena am 15. Sept. 1800.

* An Wilhelm von Humboldt, 19.11.1800 (WA IV, Bd. 15, S. 147 f., Nr. 4316):

[Concept.]

Nur einen kurzen und flüchtigen Brief, lieber Freund, auf Ihre letzte Zuschrift vom 10. Octobr.

Ich kann wohl denken wie schwer es hält sich von Paris los zu machen. Eine Reise zu endigen ist immer so umständlich als sie anzutreten. Indessen freuen wir uns schon zum voraus Sie wieder zu sehen und Ihnen, in Austausch für die vielen Erfahrungen, von den wunderlichen Übungen Nachricht zu geben die in Deutschland das Subject bisher mit sich selbst vorgenommen hat.

Schade daß die kritisch-idealistische Partey, der wir schon so viel verdanken, in sich selbst nicht einig ist und das Grundgute ihrer Lehre, das ohnehin so leicht mißgedeutet werden kann, mit Übermuth und Leichtsinn zur Schau ausstellt.

Wegen Ihrer Reisebeschreibung habe ich mit Schillern schon manchmal gesprochen. Sie werden an uns recht lebhafte Theilnehmer finden.

Den Thicknesse über den Montserrat müssen Sie nothwendig lesen und die Vergleichung selbst anstellen. Er ist ausführlich genug, doch scheint mir der Gegenstand, durch Ihre Ansicht, wieder neu zu werden.

Versäumen Sie ja nicht mir die Nachricht von der Pariser Ausstellung entweder zu übersenden oder sie mitzubringen. Vielleicht hätte Herr Tieck die Gefälligkeit mir bey dieser Gelegenheit einige nähere Notiz von den französischen Künstlern zu geben, auch den Geburtsort, das Alter und was sonst von ihnen merkwürdig ist, anzuzeigen und mit mir, wenn Sie Frankreich verlassen, in eine unmittelbare Correspondenz zu treten.

* An Wilhelm von Humboldt, 29.11.1801 (WA IV, Bd. 15, S. 290 ff., Nr. 4449):

[Concept.]

Es war mir äußerst unangenehm Sie in Weimar verfehlt zu haben. Wenn man so lange auseinander gewesen ist gehört eine mündliche Unterhaltung dazu, um sich wechselsweise über die gegenwärtigen Zustände klar zu machen. Von Ihnen haben mir die hiesigen Freunde manches erzählt, aber mich nur um so begieriger gemacht auch an denen Schätzen, die Sie auf der Reise erbeutet, Theil zu nehmen, und die Hoffnung bald etwas davon zu lesen war mir um desto angenehmer.

Was mich betrifft so können Sie leicht denken, daß man in meinen Jahren nicht Leicht etwas neues angreift, und mein Wunsch darf nur seyn, nach einiger Zeit, bey einem freundschaftlichen Examen, dergestalt zu bestehen daß man mich nicht stationair finde.

Daß Sie Herrn Gentz bey mir einführen wollen dafür danke ich Ihnen bestens. So sehr ein Mann sich auch selbst empfiehlt, so sehr begünstigt die Empfehlung eines Freundes die ersten Augenblicke der Bekanntschaft.

Für die Portugiesische Schrift danke ich recht vielmals, ich kann damit so ziemlich zurechtkommen. Es ist sehr angenehm zu sehen, wie ein Gegenstand, der uns interessirt, die Aufmerksamkeit so manches andern gleichfalls in Bewegung setzt. Dieser Freund begeht den Fehler dem viele, in derselben Materie, so wie den verwandten Fächern ausgesetzt waren; anstatt eine partiale Erscheinung recht zu entwickeln, fundirt er gleich eine Hypothese, einen theoretischen Ausspruch darauf. Anstatt ein merkwürdig Phänomen in Reihe und Glied zu stellen, will er mit demselben, als einer Zauberformel, das ganze Fach erobern.

Sagen Sie mir doch etwas Näheres von seinen Lebensumständen! Ich will mich doch in Göttingen ehestens nach jenen Übersetzungen erkundigen.

Tieck, den Sie ja selbst näher kennen, ist eine Zeit lang bey uns gewesen, als Künstler und Mensch erregt er lebhaftes Interesse. Er besitzt ein schönes Talent, das er treulich ausgebildet hat; nur leidet er gar zu sehr an den affectionibus juventutis, indem er sich ein äußerst heftig absprechendes Urtheil erlaubt, das denn doch oft eine große Beschränktheit andeutet. Dieses schadet ihm nicht allein innerlich, indem es ihn für guten, fördernden Rath unempfänglich macht, wie ich bey verschiedenen Gelegenheiten bemerken können, theils äußerlich, in Bezug auf die Gesellschaft, indem er sich, ganz ohne Noth und Zweck, Widersacher, Feinde und strenge Richter aufregt.

Können Sie hierin etwas auf ihn wirken, so werden Sie ein großes Verdienst um ihn haben; denn er ist, wie ich merke, zugleich sehr empfindlich und mag nicht wohl vertragen, daß es aus dem Wald schalle, wie er hinein gerufen hat. Und freylich ist es eine ganz natürliche Folge, daß man demjenigen, der alle Menschen beurtheilt, als wenn sie unbedingt wirken könnten, wenn er selbst producirt, diejenigen Bedingungen auch nicht gelten läßt, welche ihn beschränken, sondern gleichfalls, bey Beurtheilung seiner, ein Absolutes zum Maßstab nimmt.

Herrn Doctor Grapengießer danken Sie schönstens und sagen mir, ob wir Hoffnung haben, Sie bald wieder zu sehen. Schreiben Sie mir von Zeit zu Zeit, damit wir uns nach und nach wieder eingewöhnen.

Ihrer lieben Dame den schönsten Gruß.

Weimar am 29. Nov. 1801.

* An Wilhelm von Humboldt, 27.-29.1.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 172 ff., Nr. 4615):

[Concept.]

Wenn der Januar nicht vorbey gehen soll, ohne daß ich einen Brief an Sie abschicke, so muß ich mich, aus dem Stegreife, einen Abend, da alles in der Comödie ist, entschließen zu dictiren, ohne daß ich eben weiß was ich zu sagen habe. Denn was könnte ich Ihnen sagen, da Sie im Genuß alles dessen sind über dessen Entbehren ich zeitlebens nicht zur Ruhe komme. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht beym Anblick des großen Prospects von Rom, oder irgend einer andern Charte, besonders da mein Knabe jetzt römische Antiquitäten studirt, halb unzufrieden ausrufe: Diesen Weg können nun die Freunde machen, wenn es ihnen beliebt! Sie gehen um die Colossen auf Monte Cavallo, die ich nur noch wenige Minuten in meinem Leben zu sehen wünschte, ganz bequem herum und von da hängt es blos von ihnen ab, sich zu andern köstlichen Gastmahlen hinzubewegen, indeß wir arme Nordländer von den Brosamen leben, die keineswegs vom Tische fallen, sondern die wir uns, noch überdieß, mit Mühe, Zeit und Kosten zu verschaffen haben. Damit Sie aber geneigt werden, mir zu jeder Stunde auch nur das Augenblicklichste Ihres Zustandes zu melden; so will ich, ohne Bedenken, ob das was ich schreibe auch werth sey eine so große Reise zu machen, hiermit folgendes erzählen.

Eine Indisposition, die mich übrigens an einer leidlichen Stubenexistenz nicht hindert, hält mich, seit dem Anfange dieses Jahrs, zu Hause, hier sind die 1400 Mionnetischen Schwefelpasten antiker Münzen, für die Anschauung ein großer Gewinn. Ich habe sie so lange angesehen und von allen Seiten betrachtet, bis ich fremder Hülfe bedurfte, dann nahm ich Eckhels fürtreffliches Werk vor, und freute mich an der breiten Erfahrung, an dem schön geordneten Vortrag, an der großen Redlichkeit zum Geschäft und der daraus herfließenden durchgängigen Treue.

Wie angenehm ist mirs, keinen Widerspruch mit meinen eignen Ansichten und zugleich das ganze historische Bedürfniß so kräftig und zweckmäßig dargestellt zu finden.

Hierzu tritt noch Meyer mit seinem scharfen Blick in die Unterscheidungszeichen der Kunstepochen, dadurch denn eine schöne Unterhaltung bewirckt wird.

So sieht es also von dieser Seite, wenigstens im kleinen Format, noch ziemlich leidlich aus! Ferner sind mir einige eigenhändige Radirungen trefflicher Meister, diese Tage, zugekommen, wodurch ich in die Eigenthümlichkeit ihres Naturells und ihrer Studien ganz erfreuliche Blicke werfen konnte, so wie die Kenntniß des Ganzen doch immer dadurch erhalten und aufgefrischt wird.

Die Stunden, in welchen etwas Productionsähnliches bey mir sich zeigte, habe ich auf die neue Ausgabe meiner Übersetzung des Cellini verwandt, wozu ich, in einem Anhang, einiges hinzufüge, das den Zustand damaliger Zeit und Kunst einigermaßen näher bringen soll. Wenn Sie es künftig einmal in Rom lesen, so haben Sie Nachsicht! Es sind mehr Nachklänge als daß es der Ton selbst wäre.

Schiller wird wohl selbst schreiben. Ich habe ihn in mehrern Tagen nicht gesehen, er hält sich auch zu Hause, um eine Arbeit zu vollenden, die er sehr glücklich angefangen hat.

Meyer hat sich in diesen Tagen verheirathet und ist, wie billig, in seiner eignen Häuslichkeit geschäftig.

So haben Sie also, von einem ziemlich einsamen Freund aus Norden, wo es seit länger als vierzehn Tagen, ohne Schnee, sehr heiter kalt ist, die ersten Nachrichten. Ich werde fortfahren, gegen Ende jedes Monats Ihnen ein Blatt solcher Confessionen zu schicken und bitte mir das Gleiche aus. Ich weiß von Alters her, daß man entfernten Freunden gar nicht schreibt, wenn man darauf warten will, bis man ihnen etwas zu schreiben hat. Daß ich Ihnen beyden für die Nachrichten von Florenz und für alle freundliche Erinnerung von Herzen danke, versteht sich. Können Sie mir, da Sie wissen was mich freut, gelegentlich etwas schicken, so werden Sie mich sehr verbinden. Bezeichnen Sie mir nur, ohne Umstände, Ihren Geschäftsträger, dem ich die Auslagen sogleich erstatten kann. Vielleicht nimmt Fernow was mit? Denn man wünscht doch immer wieder, durch etwas Gutes, neu gereizt zu werden. Bey meiner Durchreise durch Kassel bemerkte ich einen sehr schönen Kopf in Marmor, einer wahrhaften Venus Urania, davon ich jetzt einen Abguß besitze; leider ist das Original beschädigt und der Abguß ungeschickt geformt. Und doch macht er mir große Freude. Wie glücklich sind Sie, in der Nähe so mancher unschätzbaren Originale zu wohnen. Küssen Sie der Minerva Iustiniani doch ja von mir die Hand.

Wie es jetzt in Rom mit den sogenannten Ciceronen, mit den Künstlern und dem Kunsthandel aussieht, schreiben Sie mir doch ja und gedenken Sie mein auf allen sieben Bergen, so wie im Tiberthal, von Ponte Molle bis nach St. Paul fuor de mura, und über alles erhalten Sie sich gesund.

W. d. 27. Jan. 1803.

Bisher habe ich mich mit den beyden Freunden besprochen, das fernere soll an die liebe Frau besonders gerichtet seyn.

Sie haben mir, durch den Bericht über die Gemählde in Spanien, einen Schatz hinterlassen, für den ich Ihnen nicht genugsam danken kann. Er wird oft genug consultirt, wenn die Rede davon ist, wohin manches bedeutende Gemählde gekommen sey. Nun werden Sie aber auch mancherley Fragen nicht entgehen, die ich aus Rom von Ihnen beantwortet wünschte.

Zuvörderst wollte ich Sie bitten mir von den lebenden Künstlern einige Nachricht zu geben, und zwar vor allen Dingen von den deutschen. Wer daselbst übrig geblieben, oder neuerlich hingekommen? wie es mit ihrer Persönlichkeit steht und ihren Arbeiten, was sie am besten machen, was sie fertig haben, was sie sich für ihre Arbeiten, wenn man sie bestellte, bezahlen lassen? Besonders wie es mit Reinhardt ist. Sehen Sie sich doch auch nach einem Stuttgarder um, der sich auszeichnen muß, dessen Nahmen ich aber vergessen habe.

Ehemals war auf dem Corso ein Kunsthändler, den man den Genuesen hieß, er hatte meist nur alte Sachen. Besteht er noch? und wie siehts in seinem Laden aus?

Ist vielleicht, aus dieser Sündfluth der Revolution, irgend etwas neues der Art entstanden?

Überhaupt thun Sie es ja, daß Sie mir, wenn Humboldt auch nicht Zeit hat, alle Monate schreiben, Sie sollen in gleicher Epoche einen Brief von mir haben, der wenigstens meinen Zustand ausdruckt, andere Freunde und Freundinnen werden wieder, von andern Seiten, die Fäden fortspinnen, die Sie mit uns verbinden.

Daß Frau von Wolzogen zurückgekommen ist, wissen Sie wohl schon, daß sie aber von ihrer republikanischen Reise als die entschiedenste Tyrannenfeindin zurückgekommen, ist Ihnen vielleicht noch nicht so ganz klar. Ich muß Sie hiervon benachrichtigen, damit es Sie nicht überrascht, wenn uns die Verfasserin der Agnes von Lilien nächstens mit einer Charlotte Corday in Erstaunen setzen sollte.

Lassen Sie sich es auch nicht verdrießen, mir von Jahrszeit und Witterung einiges zu melden, man mag doch gar zu gern wissen wie sich der Himmel in fremden Landen aufführt. Bey uns ist nach langer anhaltender trockner Kälte seit gestern die erste Schlittenbahn. Und hiermit meine besten Wünsche für Ihr Wohl.

W. d. 29. Jan. 1803.

* An Wilhelm von Humboldt, 14.3.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 197 ff., Nr. 4634):

[Concept.]

Der Februar ist vorbeygegangen, ohne daß ich einen Brief an Sie abgelassen hätte. Mein Anhang zum Cellini und dessen schließliche Redaction hat mir noch viel zu schaffen gemacht. Einige Parthieen davon, hoffe ich, sollen Sie mit Vergnügen lesen. Diese Arbeit wäre ich nun los, und gleich rückt schon wieder manches andere an.

Doctor Chladni war vor einiger Zeit hier. Durch ein abermals neuerfundnes Instrument introducirt er sich bey der Welt und macht sich seine Reise bezahlt; denn bey seinen übrigen Verdiensten um die Akustik könnte er zu Hause sitzen, lange weilen und darben. In einem Quartbande hat er diesen Theil der Physik recht brav, vollständig und gut geordnet abgehandelt. Wenn man sich nach einem höhern Standpunkte umsieht, wo das Hören, mit seinen Bedingungen, als ein Zweig einer lebendigen Organisation erschiene; so ist es jetzt eher möglich dahin zu gelangen, weil eine solche Vorarbeit gemacht ist, die dann freylich, von den Nachfolgern, noch tüchtig durchgeknetet werden muß.

Die von ihm entdeckten Figuren, welche auf einer, mit dem Fiedelbogen, gestrichnen Glastafel entstehen, hab ich die Zeit auch wieder versucht. Es läßt sich daran sehr hübsch anschaulich machen, was das einfachste Gegebene, unter wenig veränderten Bedingungen, für manchfaltige Erscheinungen hervorbringe.

Nach meiner Einsicht liegt kein ander Geheimniß hinter diesen wirklich sehr auffallenden Phänomenen.

Für das Gehör, im höhern Sinne, hat indessen auch unser wackrer Zelter gesorgt, der durch Compositionen einiger Lieder, von Schiller und mir, unsre Winterstunden sehr erheitert hat. Er trifft den Charakter eines solchen, in gleichen Strophen, wiederkehrenden Ganzen trefflich, so daß es in jedem einzelnen Theile wieder gefühlet wird, da wo andere, durch ein sogenanntes Durchcomponiren, den Eindruck des Ganzen durch vordringende Einzelnheiten zerstören.

Er hatte uns Hoffnung gemacht diesen Winter zu kommen; ist aber abgehalten worden, wodurch ich, für Genuß, Belehrung und Beyhülfe, sehr viel verliere.

Wie langsam die Posten gehen, können Sie daraus sehen, daß ich Ihren Brief vom 28. Januar erst heute den 4. März erhalte. Sonst gingen sie nicht länger als 16 Tage.

Seyn Sie mir, auf dem Berge der Dreyfaltigkeit, gegrüßt! wo ich selbst so oft hin und wieder wandelte.

Dank für die Nachricht von Künstlern und Kunstwesen. Ich hefte Ihre Briefe besonders zusammen, fahren Sie also ja fort, mich mit den dortigen Zuständen bekannt zu machen, damit ich nach und nach zur ganzen Einsicht gelange.

Zu dem glücklichen Zusammentreffen mit Fernow wünsche ich Ihnen beyden Glück, so wie, daß es von einiger Dauer seyn möge. In welchen seltsamen Conflict Fernow in Deutschland, besonders in Jena kommen wird, davon haben Sie selbst, ob Sie gleich vor kurzem in diese Complicationen hineingeschaut haben, keinen Begriff. Die ganze deutsche Masse, der, ich will nicht sagen Theoretisirenden, wenigstens Didacktisirenden, vom Gründlichsten biß zum Flächsten, trennt sich in zwey Haupttheile, die leicht zu unterscheiden sind, deren Untertrennungen aber, in einem ewigen Wechsel des Anziehens und Abstoßens durch einander gehen, so daß man beym Erwachen Morgens den als Widersacher antrifft, von dessen Theilnahme und Neigung beruhigt man gestern Abend zu Bette ging.

Ich habe den besten Willen gegen Fernow, aber es hängt keinesweges von uns ab, zusammen in gutem Verhältniß zu bleiben. Weil alle die Haufen klein sind, in die sich die Parteien trennen, so ist es ein ewiges Hetzen, Werben, Compromittiren, wobey niemand gewinnt, als die die nichts zu verlieren haben.

Gesegnet also der auf dem Berge der Dreyfaltigkeit wohnet! und den solche absurde Bewegungen nicht anwehen.

Sollte Fernow noch reisen, so lassen Sie mir ihn allerley antiquarische Kleinigkeiten mitbringen, um die schon gebeten habe.

* An Wilhelm von Humboldt, 30.7.1804 (WA IV, Bd. 17, S. 171 ff., Nr. 4940):

[Concept.]

Vorliegendes Blättchen No. 1 hatte ich schon vor Monaten an Ihre liebe Dame geschrieben; sie ist die Zeit hier gewesen und ich habe das Vergnügen gehabt mich mit ihr zu unterhalten; sie ist, wie ich höre, glücklich in Paris an- und niederkommen. Möge sie nun auch bald Ihren Herrn Bruder dort umarmen, der für uns gewissermaßen von den Todten wieder aufersteht. Ihr lieber Brief vom 25. Februar ist mir seiner Zeit auch richtig geworden und ich merke jetzt indem ich die lange Pause, worin ich nichts von mir hören lassen, überdenke, in welchen sonderbaren Bewegungen mir diese Zeit verstrichen.

Schillers Tell ist schon eine Weile fertig und gespielt, ein außerordentliches Product, worin seine dramatische Kunst neue Zweige treibt und das, mit Recht, eine große Sensation macht. Sie werden es auch bald erhalten; denn es wird schon daran gedruckt.

Ich habe mich zu einem Versuch verführen lassen meinen Götz von Berlichingen aufführbar zu machen. Dieß war ein fast unmögliches Unternehmen, indem seine Grundrichtung antitheatralisch ist, auch habe ich, wie Penelope, nun ein Jahr immer dran gewoben und aufgedröselt, wobey ich viel gelernt, ich fürchte aber, zu dem vorliegenden Zweck, nicht alles geleistet habe. In ohngefähr sechs Wochen denke ich ihn zu geben und Schiller wird Ihnen wohl ein Wort darüber sagen.

Ist Ihnen denn unsere Jenaische Litteratur Zeitung von diesem Jahr zu Gesichte gekommen? und hat irgend etwas darin enthaltenes Ihr Interesse erregt?

Für die sehr angenehme Nachricht, die Sie mir von einer Improvisatrice geben, bin ich Ihnen sehr dankbar. Dürfte ich wohl davon in dem Intelligenz Blatt der Litteraturzeitung Gebrauch machen? Auf alle Weise würde ich das Gesagte dergestalt modificiren, wie das Verhältniß zum Publikum, das nicht alles zu wissen braucht, es mit sich bringt. Können Sie mir aus dem Schatz Ihrer Beobachtung manchmal etwas dergleichen mittheilen, so würden Sie uns eine große Freude machen.

Nach dem Tod von Jagemann ist Fernow bey der Herzogin Mutter Bibliothek angestellt und sein Verhältniß ist für ihr Haus, und die daselbst sich versammelnde Societät unschätzbar, er belebt die Liebe zur italienischen Litteratur und giebt zu geistreicher Lectüre und Gesprächen Anlaß.

Überhaupt ist man in Weimar wie im Himmel, seitdem der Böttigerische Kobold weggebannt ist; auch geht es auf unserer Schule recht gut. Voßens ältester Sohn ist als Professor angestellt, der von seinem Vater diese gründliche Neigung zum Alterthum und besonders von der Sprachseite geerbt hat, worauf doch alles bey einem Schulmanne ankommt.

Riemer hält sich in meinem Hause auch recht gut und ich bin mit den Fortschritten meines Knaben, der freylich mehr Neigung zum Gegenstand als zum Ausdruck hat, ganz leidlich zufrieden.

Das Project der Frau von Stael einen Theil des Sommers hier zuzubringen ist durch den Tod ihres Vaters vereitelt worden. Sie hat Schlegeln von Berlin mitgenommen, sie sind zusammen in Coppet und werden wohl gegen den Winter nach Italien kommen. Ein solcher Besuch muß Ihnen, werther Freund, erfreulicher seyn als mancher andere.

Für die Mittheilung der übersetzten Pindarischen Ode danke zum schönsten, sie hat mir und Riemern eine sehr angenehme Stunde der Unterhaltung verschafft.

Beyliegendes Promemoria an Mercandetti haben Sie ja wohl die Güte bestellen zu lassen und den Mann etwa selbst über die Sache zu sprechen. Dann haben Sie ja wohl unter Ihren dienstbaren Geistern irgend jemand, der auf die Sache in der Folge ein Auge hätte. Ich möchte gern unserm alten Gönner ein solches öffentliches Zeichen des Dankes gebracht wissen, das auch von Seiten der Kunst bedeutend wäre; aber freylich in so weiter Ferne etwas zu bestellen ist immer gewagt, deswegen ich Sie um freundliche Theilnahme bitte.

Vor allen Dingen kommt es darauf an, daß Mercandetti leidlich fordere. Für seinen Alfieri, den er anbietet, verlangt er drey Piaster, welcher so groß als sein Galvani werden soll. Wenn er nun für die Erzkanzlerische Medaille, welche bestellt wird und nicht größer seyn soll, etwas mehr fordert, so darf es doch nicht viel seyn, und wenn er verhältnißmäßig recht billig ist, so getraue ich mir ihm 200 Subscribenten zu verschaffen, und er macht sich, wie auch schon im Promemoria bemerkt ist, durch diese Medaille in Deutschland bekannter als durch irgend sonst eine Arbeit, woran ihm bey der Suite von berühmten Männern des vorigen Jahrhunderts, die er herausgeben will, viel gelegen seyn muß. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen zu Ihren vielen Geschäften auch noch diese Last mache; suchen Sie aber doch die Sache dergestalt einzuleiten, daß es nicht viel Hin und Herschreibens braucht und daß sich Mercandetti in einer Antwort auf das Promemoria annehmlich erklärt; die Briefe zaudern jetzt unerträglich, einer von Florenz hierher läuft zwanzig Tage und drüber.

Daß Sie an meiner natürlichen Tochter Vergnügen gehabt, gereicht mir zu großem Troste. Denn wenn ich gegen meine abwesenden Freunde so lange stumm bin, so ist mein Wunsch durch das was ich im Stillen arbeite, mich endlich auf einmal wieder mit Ihnen in Verhältniß zu setzen. Leider bin ich von dieser Arbeit abgekommen und weiß nicht, wenn ich die Folge werde leisten können.

Haben Sie die zwanzig lyrischen Gedichte gesehen, die in einem Taschenbuche dieses Jahres von mir herausgekommen sind? Einiges befindet sich darunter das Ihnen nicht mißfällig seyn sollte. Vergelten Sie nicht gleiches mit gleichem und schreiben mir bald. Theilen Sie mir manche Bemerkungen über Länder, Nationen, Menschen und Sprachen mit, die so belehrend und auffordernd sind. Versäumen Sie nicht mir von Ihrer und der lieben Ihrigen Gesundheit etwas zu melden.

* An Wilhelm von Humboldt, 22.8.1806 (WA IV, Bd. 51, S. 197 ff., Nr. 5231a):

Jena den 22. August 1806.

Vor meiner Reise nach Carlsbad ging es bey mir etwas verworren zu, bis ich mich losmachte und endlich die heiße Quelle erreichte. Fest hatte ich mir vorgenommen Ihnen von dortaus zu schreiben; allein der Gebrauch des Wassers, die daraus folgende Abspannung, die Zerstreuung unter so viel neuen Bekannten und seit vielen Jahren nicht gesehenen, mehr oder weniger interessanten Individuen brachte mich auch dort um einen Tag nach dem andern, so daß ich jetzt erst wieder in dem alten Jena und den bekannten klösterlichen Schloßzimmern bey einiger Sammlung und freyerem Rückblick mich meiner theuren Pflicht erinnre Ihnen wieder einmal ein Wort zu sagen.

Zuvörderst also will ich von meinem Befinden reden, weil ich melden kann, daß es sich sehr gebessert hat. Ich habe während der ganzen Kurzeit und auch nachher keinen Anfall meines Uebels, ja nicht einmal eine Andeutung gehabt, und was man mir von diesem Wasser versprochen und was ich in frühern Zeiten freylich selbst schon erfahren hatte, ist völlig eingetroffen. Wenn ich mich diät und ordentlich halte, so hoffe ich durch diesen Winter glücklich durchzukommen und auf künftiges Frühjahr die Kur noch etwas regelmäßiger und länger vorzunehmen.

Zunächst sollen Sie Dank haben für Ihr schönes Gedicht, das uns jene herrliche Stadt und einen werthen Freund zugleich vergegenwärtigte. Sie haben sehr wohlgetan die Resultate früherer Eindrücke und die Resultate Ihres römischen Lebens auf diese Weise zu vereinigen. Die ersten Blicke unserer Jugend nach etwas entferntem Bedeutenden waren doch auf Rom gerichtet und ein Aufenthalt daselbst ist das Complement des Daseyns eines gebildeten Menschen. Sehr glücklich war der Gedanke auch Griechenland in Rom darzustellen, wie es ehemals auf so mancherley Weise dieser Herrscherinn der Welt einverleibt wurde. Wäre ich jünger und lustiger, so schrieb' ich ein zweytes Buch römischer Elegien aus diesem Sinne; und wenn ich Ihnen von einer Seite die guten Gedanken und die gute Ausführung von Herzen gönne, so verdrießt mich's doch, daß ich nicht zur rechten Zeit selbst drauf gefallen bin. Haben Sie also Dank in jedem Sinne von uns die wir Rom kennen und von denen, die Sie zu einer Reise dahin anfeuern.

Von Ihrem Herrn Bruder hab' ich lange nichts gehört. Sein Werk das er allen Naturfreunden und mir besonders zugesagt hat, erscheint noch nicht und ich möchte gar zu gern wieder einmal was Besonderes lesen, da uns die Flamme des Allgemeinen zu Asche wegzubrennen droht. Ich hoffe Sie erhalten die Jenaische Literaturzeitung noch wie sonst, wodurch Sie manches Wunderbare erfahren werden. Auch ist mir in diesen Tagen ein Buch zugekommen, von dem ich etwas sagen muß, ob ich es gleich nur durchlaufen, nicht durchlesen habe. Es heißt: Grundzüge der philosophischen Naturwissenschaft von Steffens, zum Behuf seiner Vorlesungen. Es hat, damit ich recht wie ein Recensent spreche, nur 204 Seiten in groß 80. Sie kennen diesen trefflichen Kopf von früherer Zeit, und auch dieses Büchlein ist höchst dankenswerth, nur gestehe ich gern, daß ich es nicht ohne Kopfschütteln lesen konnte. Er geht auf dem Wege der Naturphilosophie und das ist auch nach meiner Meynung schön und gut; aber ich weiß nicht, gerade die höchsten Ideen, wenn sie sich unmittelbar verkörpern, machen eine Art von frazzenhafter Erscheinung. Erfreulich ist es auf jenes wünschenswerthe Ziel hingewiesen zu werden, daß aller Zwiespalt aufgehoben, das Getrennte nicht mehr als getrennt betrachtet, sondern alles aus Einem entsprungen und in Einem begriffen, gefaßt werden solle. Wenn es nun aber ans Werk geht und diese Forderung soll erfüllt werden; so kommen mir die Herren vor wie die Christen, die, um uns ein Leben nach dem Tode zu versichern, das Leben vor dem Tode zum Tode machen. Ich bin recht wohl überzeugt, daß durch That, Kunst, Liebe die größten Widersprüche gehoben werden; wie es aber der Wissenschaft gelingen wird, lasse ich dahin gestellt seyn. Indessen versichern uns die Herren mit glatten und eindringlichen Worten, daß der Friede Gottes wirklich bey ihnen eingekehrt, daß vor ihnen weder Tag noch Nacht sey, daß sie Absolutes und Bedingtes, Nothwendigkeit und Freyheit, Vergangenes Gegenwärtiges und Künftiges, Unendliches, Endliches und Ewiges so vereint in sich tragen, daß auch nicht der mindeste Mißklang weiter für sie vernehmlich sey. Weshalb wir sie denn zuletzt wohl seelig, wo nicht heilig preisen können.

So viel ich bis jetzt an dem Buche habe gewahr werden können, so sind diejenigen Theile, welche Steffens schon früher behandelt, hier in gedrängter Kürze in erfreulicher Consequenz und Reinlichkeit aufgestellt. Aus diesen Capiteln dringt sich einem der Gehalt reichlich entgegen. Weil es aber nun die Grundzüge der ganzen Naturwissenschaft seyn sollen, so scheint ihm hier und da die Erfahrung auszugehn, die Stellen werden dunkel und zweydeutig, öfters unverständlich, und ich müßte mich sehr irren, wenn sie nicht zuletzt hohl befunden würden. Uebrigens tritt er bey solcher Gelegenheit sachte genug auf, und wird künftig wohl nach Prophetenart versichern, daß er alles in seinen Weissagungen schon eingeschlossen habe.

Die allgemeineren Stellen, besonders von vorn herein, sind vortrefflich geschrieben. Ich müßte mich sehr irren, oder ich sehe Schleyermachers Züge darin. Wie es aber weiter in den Text kommt, dann tritt die seltsame Sprache hervor mit der wir dergestalt gestraft sind, daß wir sie fast selbst nicht mehr vermeiden können. Freylich lag es in der Natur der Sache, daß man, um in die Tiefe der Natur mit Worten einzugreifen, sich der Zeichen aus andern Wissenschaften und Menschenbemühungen bemächtigen mußte, welche auch in die Tiefe gegangen waren. Auf diese Weise ist eine Symbolik entstanden, die ich keinesweges tadle, die aber etwas höchst wunderliches und zugleich etwas Gefährliches in sich hat. Die Formeln der Mathematik, der reinen und angewandten, der Astronomie, Cosmologie, Geologie, Physik, Chemie, Naturgeschichte, der Sittlichkeit, Religion und Mystik werden alle durcheinander in die Masse der metaphysischen Sprache eingeknetet, oft mit gutem und großem Sinne genutzt; aber das Ansehn bleibt immer barbarisch. Nun tritt das Gefährliche hervor, das diese Sprache mit jeder andern gemein hat. Ich weiß recht gut, daß man einen Schall an die Stelle der Sache setzt, und daß man diesen Schall wieder oft als Sache behandelt, und daß man diesem qui-pro-quo nicht immer ausweichen kann. Aber in der complicirten höhern Kunstsprache, von der die Rede war, hat es jetzt schon sehr üble Folgen, daß man das Symbol, das eine Annäherung andeutet, statt der Sache setzt, daß man ein angedeutetes äußres Verhältniß zu einem Innern macht und sich auf diesem Wege aus der Darstellung in Gleichnißreden verliert. So sind Nord und Süd, Ost und West, Oxygen und Hydrogen schon solche Scherwenzels und die Flügelmänner einer wunderlichen Topik, daß man aus dem besten Willen herausgeschreckt wird. Ich sage nochmals, daß ich dem Gebrauch einer solchen Symbolik gar nicht feind bin, vielmehr sie anzuwenden mich oft genöthigt fühle; doch gehn die Herren über meine Ueberzeugung weit hinaus, und es ist unangenehm, gerade diejenigen lassen zu müssen, die man so gern begleitete.

Von allen diesen Dingen werden die Literaturzeitungen wahrscheinlich das Weitre überliefern. Doch muß ich noch eines traurigen Falles gedenken, wie nehmlich die idealen Ansichten, wahrscheinlich in Gesellschaft irdischer Leidenschaften, ein gar hübsches Gefäß zerstört haben. Die unter dem Nahmen Tian Ihnen gewiß bekannte Fräulein von Günterrode, die uns noch vor kurzem ein paar merkwürdige kleine Gedichte in dramatischer Form gegeben, hat ihre eigene Form zerbrochen; eine That die, wie Sie denken können, viel zu reden giebt.

Uebrigens verschlingt das Schicksal des deutschen Vaterlandes alle Aufmerksamkeit des Publicums. Müller, Genz, Arndt und andre rufen den alten Patriotismus in sehr gelesenen Schriften vergebens an. Iffland führt die Gestalt D. Luthers auf dem Theater hervor und man hat bemerkt, daß zu eben der Zeit, als Kaiser und Churfürsten in größter Pracht sich in Berlin über die Scene bewegten, sey das heilige römische Reich so eben verschieden. Ich lese in den Zeitungen, daß Sie, mein Verehrter, an den neuen König von Neapel accreditirt sind. Ich wünsche gute Verrichtung und empfehle mich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin zu fortdauernder Freundschaft. Habe ich Sie von Norden her mit einer Igelborstigen Metaphysik unterhalten, so lassen Sie mir von Süden aus etwas von glatter Natur und erfreulicher Kunst vernehmen. Leben Sie tausendmal wohl und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin aufs beste.

G.

* An Wilhelm von Humboldt, 1.3.1810 (WA IV, Bd. 51, S. 282, Nr. 5924a):

[Fragment]

... Ich wäre neugierig von Männern, die Hamanns und Kants Lehrer sein konnten, auch etwas Handschriftliches zu besitzen, wie ich denn überhaupt wohl auf die ganz eigne Art von Cultur aufmerksam geworden bin, welche in Königsberg zu Anfang des vorigen Jahrhunderts statt gefunden. Ich habe nicht Zeit, Untersuchungen darüber anzustellen, einem Dortigen ist es leicht mir einige Winke darüber zu geben. Von Haman habe ich die seltensten kleinen Schriften nur fehlen mir die Socratischen Denkwürdigkeiten und die Wolken im Nachspiel derselben. Kommen Sie Ihnen einmal vor, so bitte mich nicht zu vergeßen...

* An Wilhelm von Humboldt, 19.4.1812 (WA IV, Bd. 22, S. 336 f., Nr. 6302):

[Concept.]

Da ich mit Beschämung gestehe, daß es bey mir immer einer äußeren Anregung bedarf, wenn ich mich zu meinen lieben entfernten Freunden wenden soll; so will ich auch gegenwärtig ganz ohne Scheu diesen Brief mit einer Empfehlung anfangen.

Meister Henniger von hier, ein sehr geschickter Kupferschmied, der sein Talent schon einmal in Wien producirt, geht abermals dahin, und verlangt von mir ein gutes Zeugniß. Bey wem könnte ich dieses Besser niederlegen, als bey Ihnen, verehrter Freund, der Sie jedes Verdienst zu schätzen wissen, uns so gefällig als einsichtig sind.

Da dieser Mann nur gekannt zu seyn wünscht, so wird er, denk' ich, keineswegs lästig seyn. Ich gebe ihm diesen Brief um so lieber mit, als ich im Begriff bin mich Ihnen zu nähern. Anfangs May trifft mich ein Wort von Ihnen in Carlsbad bey den drey Mohren.

Ich hoffe, Ihre Frau Gemahlinn, der ich mich bestens empfehle, hat einen Brief vom 5. dieses Monats richtig erhalten. Prof. Riemer, der sich Ihrem Andenken gleichfalls empfohlen wünscht, befindet sich munter und thätig in seinem, freylich etwas beschwerlichen Lehramte. Die große Nöthigung, sich selbst von allem Rechenschaft zu geben, da er anderen Rechenschaft geben soll, wird ihn nach einigen Jahren sehr weit gebracht haben. Erhalten Sie mir auch fern und schweigend Ihre Neigung und Freundschaft.

den 19. April 1812.

* An Wilhelm von Humboldt, 31.8.1812 (WA IV, Bd. 23, S. 84 ff., Nr. 6372):

[Concept.]

Töplitz, verehrter Freund, behauptet sich also bey seiner Eigenschaft, unsern Zusammenkünsten ungünstig zu seyn, und sie ist mir dießmal doppelt verdrüßlich, weil ich nach Ihrer Abreise von Carlsbad den Werth Ihrer Gegenwart recht mit Bewußtseyn recapitulirte und so manches Gespräch wieder anzuknüpfen und fortzuführen wünschte; besonders war mir peinlich, daß ich Ihre schöne Darstellung, wie die Sprachen über die Welt verbreitet seyen, nicht gleich vollständig aufgezeichnet, ob mir gleich das Meiste davon geblieben ist. Wollten Sie mir etwas recht Freundliches erzeigen, so schrieben Sie mir eine solche Übersicht gefällig auf und ich würde mir eine Hemisphären Charte darnach illuminiren und sie zu dem Atlas des Lesage hinzufügen; wie ich denn überhaupt, da ich mich des Jahrs so lange auswärts aufhalte, immer mehr an eine compendiarische und tabellarische Reisebibliothek gedenken muß. So wird jetzt mit Beyhülfe des Hofrath Meyer die Geschichte der Plastik und Malerey an den Rand der Bredowischen Tabellen hinzugeschrieben und so würde mir Ihre Sprachcharte in gar vielen Fällen zu Auffrischung des Gedächtnisses und zum Leitfaden bey mancher Lectüre dienen.

Über Berlin und über das, was sich dort, nach Ihren früheren Anstalten und Anregungen, bewegt, hätte ich gern umständlich mit Ihnen gesprochen. Große Städte erhalten immer das Bild ganzer Reiche in sich und wenn sie auch gewisse fratzenhafte Übertriebenheiten zu eigen haben mögen, so stellen sie doch die Nation concentrirt vor Augen.

Staatsrath Langermann, dessen guter Wille und Thätigkeit so schön im Gleichgewichte stehn, erfreut mich schon seit vierzehn Tagen durch seinen lehrreichen Umgang und macht mir, sowohl durch seine Rede als sein Beyspiel, zu manchen Dingen wieder Muth, die ich schon aufzugeben bereit bin. Es ist gar zu belebend, die Welt wieder einmal durch ein Organ eines wahrhaft thätigen Mannes anzusehn: denn zu beleben verstehn die Deutschen im Einzelnen selten und im Ganzen niemals.

Hier finde ich einen ganz natürlichen Übergang zu der Notiz, die sie mir geben, daß unser Wolf mit dem Niebuhrschen Werke nicht zufrieden ist, er, der vorzügliches Recht hätte es zu seyn. Ich bin jedoch hierüber ganz beruhigt, ich schätze Wolfen unendlich wenn er wirkt und thut, aber theilnehmend habe ich ihn nie gekannt, besonders am Gleichzeitigen, und hierinn ist er ein wahrer Deutscher. Sodann weiß er viel zu viel, um sich noch belehren zu mögen und um nicht die Lücken in dem Wissen anderer zu entdecken. Er hat seine eigne Denkweise, wie sollte er fremden Ansichten etwas abgewinnen? und gerade die großen Vorzüge, die er hat, sind recht geeignet, den Geist des Widerspruchs und des Ablehnens zu erregen und zu erhalten.

Was mich Layen betrifft, so bin ich Niebuhrs erstem Bande sehr viel schuldig geworden, und ich hoffe, der zweyte soll meine Dankbarkeit gegen ihn vermehren. Ich bin sehr neugierig auf seine Entwickelung der lex agraria. Man hat von Jugend auf davon gehört, ohne daß man einen bestimmten Begriff davon hätte. Wie angenehm ist es, einen unterrichteten und geistreichen Mann über einen solchen Gegenstand zu hören und zwar in diesen Zeiten, wo man Staats- und Völkerrecht, sowie alle bürgerrechtlichen Verhältnisse mit größeren Freyheit und Unbefangenheit zu betrachten aufgefordert ist. Man sieht welcher Vortheil es sey, wenig zu wissen und von dem wenigen sehr viel vergessen zu haben. Niemals mischte ich mich gern in die Händel des Tags, kann mir aber nicht versagen, in der Stille mein Schnippchen dazu zu schlagen.

Ihrer Frau Gemahlinn wünsche ich bestens empfohlen zu seyn. Körners grüßen Sie mir zum schönstens. Wenn der junge Mann wieder etwas fertig hat, bitte ich mir es gleich zu schicken. Ein größeres Stück zum 30. Januar, dem Geburtstage der Herzoginn, wäre mir dießmal sehr willkommen. Tausend Lebewohl.

Carlsbad den 31. August 1812.

* An Wilhelm von Humboldt, 8.2.1813 (WA IV, Bd. 23, S. 278 ff., Nr. 6508):

Mit aufrichtigem Danke erkenn ich, daß Sie Ihre freundschaftliche Zusage so bald und so vollkommen erfüllen mögen. Ihr schöner Entwurf hat mir einen ganz neuen Anstoß zu allerley Studien gegeben. Es ist mir nicht mehr möglich Materialen zu sammeln, aber wenn sie mir so concentrirt gebracht werden, so freu ich mich gar sehr, die Lücken meines Wissens schnell zu complettiren und zu dem, was ich schon besitze, tausend Beziehungen zu finden.

Sobald ich im Monat März einige ruhige Wochen in Jena verbringen kann, so soll es an die Arbeit gehn, die nach Ihrer Vorarbeit eigentlich nur ein Spiel ist. Bertuch hat mir einige Europa's bräunlich abdrucken lassen, davon soll eins auf ein großes Reißbrett aufgezogen und die Gränzen illuminirt werden. Alsdann will ich mit kleinen aufgeklebten Zeddeln die Hauptsprachen, und insofern es möglich ist, auch die Dialecte bemerken, und Bertuch hat nicht übel Lust, alsdann eine solche Charte stechen zu lassen, welches, bey seiner großen mit allerley Künstlern versehenen Anstalt, leicht ist. Haben Sie daher ja die Güte fortzufahren und mir baldmöglichst das Weitere zu senden. Eine Charte der beyden Hemisphären liegt auch schon da und erwartet, auf gleiche Weise bespracht zu werden.

Zu Ihrer immer mehr ausgearbeiteten Übersetzung des Äschylus wünsche ich von Herzen Glück und ich freue mich, daß Sie Sich durch die Drohungen des Heidelberger Cyclopen und Familie von diesem guten Werke nicht abschrecken lassen. Jene bedräuen gegenwärtig unsern Wolf, der doch auch keine Katze ist, mit schmählicher Hinrichtung, weil er es gewagt, auf der Übersetzungsinsel, die sie vom Vater Neptun privative zu Lehn erhalten, gleichfalls zu landen und einen lesbaren Aristophanes mitzubringen. Es steht geschrieben, selig sind, die im Herrn entschlafen, aber noch seliger sind die, welche über irgend einen Dünkel toll geworden.

Selig im ersten Sinne ist nun unser Wieland, er ist in seinem Herrn entschlafen und ohne sonderliches Leiden zu seinen Götter und Heroen hinübergegangen. Was Talent und Geist, Studium, Menschenverstand, Empfänglichkeit und Beweglichkeit, verbunden mit Fleiß und Ausdauer, vermögen utile nobis proposuit exemplar. Wenn jeder seine Gaben und seine Zeit so anwenden wollte, was müßten für Wunder geschehn!

Dieser Winter ist mir, wie gewöhnlich, sehr zerstreut, aber doch, bey leidlicher Gesundheit, schnell und nicht ungenutzt vorübergegangen. Theatralische Vorbereitungen auf den lang erwarteten Iffland, welcher erst gegen Ende des Jahrs ankam, sowie auf seine Gegenwart, die mir viel Vergnügen gewährte, brachten mich November und December aus dem Geschicke. In den Januar und Februar fallen viel Geburtstäge, wo man entweder unsere Erfindung oder unsere Mitwirkung anspricht, und so wird manches, zwar mit gutem Willen, aber ohne Furcht verzettelt.

Was ich mit Vergnügen und wahrem Antheil dazwischen getrieben habe, war ein erneuter Versuch, von alten Monumenten, deren Beschreibung auf uns gekommen ist, die Spur unter den vorhandenen Bildwerken zu finden. Die Philostrate waren wieder an der Tagesordnung, und was die Statuen betrifft, so glaube ich dem Olympischen Jupiter, über den schon manches vorgearbeitet ist, hernach aber der Juno von Samos, den Doryphorus des Polyclet, besonders aber der Kuh Myrons, und dem Stier, der die Europa trug, auf die Spur gekommen zu seyn. Meyer, durch dessen alte Kunstgeschichte, die nunmehr in's Reine geschrieben ist, die Hauptanregung geschehn, nimmt lebendigen Antheil, da seine Zweifel sowie seine Beystimmung immer gegründet sind.

Und so will ich denn für dießmal schließen, in Hoffnung, bald wieder etwas von Ihrer lieben Hand zu sehn.

Weimar den 8. Februar 1813.

Goethe.

* An Wilhelm von Humboldt, 4.11.1813 (WA IV, Bd. 24, S. 24 f., Nr. 6630):

[Concept.]

Zu einiger Unterhaltung in die Ferne lege ich Beykommendes zurecht, um es Ihnen, mein Verehrtester, nachzusenden; es entstand ganz zufällig. Unsere Schauspieler übernahmen das alte, zwar interessante, aber schlecht geschriebene Stück Essex zu spielen; die Rolle der Königin ist nicht die glücklichste, besonders aber hat sie das Stück auf eine sehr schwache und elende Weise zu schließen. Die Schauspielerin bat mich um einen bedeutenderen Schluß, und indem ich mir das Stück und die Geschichte der Königin Elisabeth vergegenwärtigte, begegnete es mir, daß ich, statt eines kurzen Monologs, einen langen Epilog schrieb, der, wie Sie sehen, ricochetweise einen großen Raum durchläuft, bis er endlich wirklich ans Ende gelangt.

Die Engländer lieben solche Epiloge, die Deutschen aber wollen gerührt und nicht verständiget nach Hause gehen; mögten diese Reime die doppelte Wirkung thun!

Vielleicht hätte ich aber doch Ihnen diese Arbeit nicht gesendet, wenn sie nicht auch deswegen merkwürdig wäre, weil das Stück Sonnabend den 23. Octbr. gegeben werden sollte und ich den Epilog den 17. Abends angefangen und den 20. in der Nacht geendigt habe. Die ominosen Stellen darin haben mich nachher selbst in Verwunderung gesetzt. Ich war im Begriff, als ich das Glück hatte, Sie bey mir zu sehen, Ihnen diese und andere neue Productionen vorzulesen, unser interessanteres Gespräch brachte sie mir aber aus dem Sinn.

Ich schließe mich tausendmal empfehlend.

W. d. 4. Nov. 1813.

* An Wilhelm von Humboldt, 24.[-26.]6.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 69 ff., Nr. 7438):

[Concept.]

Mit dem Gefühl des Verlustes, in das mich das Abscheiden meiner guten kleinen Frau versetzt, weiß ich nichts tröstlicher, als umherzuschauen, wie viel Gutes und Liebes mir noch übrig bleibe.

Von Ihnen, theuerster Freund, hab ich in undenklicher Zeit nichts gehört und sehne mich wiederum nach einem lieben Worte von Ihrer Hand und der Versicherung Ihres Wohlbefindens. Leider muß ich Verzicht thun, Sie am schönen Mayn zu sehen. Die Ärzte und ein gewisser Trieb weisen mich nach Böhmen und noch könnt ich selbst nicht sagen, was ich ausführen werde. Lassen Sie mich bald was von Sich hören und senden mir wieder einmal etwas Bedeutendes von Handschriften. Mit alten hergebrachten Liebhabereyen schmeichelt man seinem Schmerz.

So bin ich auch Ihrem Herrn Bruder eine liebliche Tröstung schuldig geworden, da sein so bedeutendes und aufregendes Heft: Sur les lois p. gerade in den traurigsten Momenten zu mir kam und sein Recht an mir ausübte, und so ist es auch zeither der tägliche Text meiner Betrachtungen geworden. Lassen Sie ihm die dankbare beyliegende Charte zukommen.

Möge Sie und die Ihrigen alles Erfreuliche durch's Leben begleiten. Ich mußte mir in diesen Tagen eine wundersame Unterhaltung aufdringen, indem ich den alten Papierkram der Vergangenheit durchsichtete, wo so vieles Angefangene und Verlassene, so viele Vorsätze und Untreuen keine Entschuldigung zulassen, sondern blos vergönnen im echten orientalischem Sinne an Gottes Barmherzigkeit Anspruch zu machen.

Leben Sie tausendmal wohl und lassen mich ja bald von Sich das Beste vernehmen.

Weimar d. 24. Juny 1816.

* An Wilhelm von Humboldt, 1.9.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 156 ff., Nr. 7492):

[Concept.] Tennstedt den 1. Sept. 1816.

Das große Werk, dem Sie, theuerster Freund, einen schönen Theil Ihres Lebens gewidmet, konnte nicht zu besserer Stunde bey mir anlangen, es trifft mich hier in Tennstedt, in einem, Ihnen wahrscheinlich nicht ganz unbekannten thüringischen Land- und Badestädtchen, wo ich nun fünf Wochen hause und, seitdem mich Freund Meyer verlassen, allein geblieben bin.

Hier erlaubt ich mir nun zuerst ein durchlaufendes Lesen, der Einleitung sowohl, als des Stückes selbst, zu meiner nicht geringen Erbauung. Und da ich nun wiederholt das Einzelne mit dem Ganzen genieße; will ich meinen Dank für diese Gabe nicht länger zurückhalten.

Denn wenn man sich auch mit allem Löblichen und Guten was uns die älteste und neuste Zeit reicht freundlich theilnehmend beschäftigt; so tritt doch eine solche uralte Riesengestalt, geformt wie Ungeheuer, überraschend vor uns auf, und wir müssen alle unsere Sinne zusammennehmen um ihr einigermaßen würdig entgegen zu stehen. In einem solchen Augenblick zweifelt man keineswegs hier das Kunstwerk der Kunstwerke, oder, wenn man gemäßigter sprechen will, ein höchst musterhaftes zu erblicken. Daß wir nun dieses mit Leichtigkeit vermögen sind wir Ihnen schuldig; auch muß Ihrer Bemühung, ob sie gleich an sich belohnend war, ein fortwährender Dank lohnen.

Das Stück war von jeher mir eines der betrachtungswürdigsten und durch Ihre Theilnahme schon früh zungänglicher als andere. Verwundersam aber ist mir jetzt mehr als je das Gewebe dieses Urteppichs: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind so glücklich in eins geschlungen, daß man selbst zum Seher, das heißt: Gott ähnlich wird. Und das ist doch am Ende der Triumph aller Poesie im Größten und im Kleinsten.

Sehen wir nun aber hier wie dem Dichter die sämmtlichen Mittel zu Gebote stehen, wodurch eine so ungeheure Wirkung hervorgebracht werden kann; so enthalten wir uns nicht der höchsten Verehrung. Wie glücklich der epische, lyrische, dramatische Vortrag geflochten ist und uns zur Theilnahme an solchen greulichen Schicksalen nicht nöthigt, sondern anlockt! und wie gut die wenige didaktische Reflexion das sprechende Chor kleidet! Alles dieses ist eben nicht genug zu preisen.

Und so verzeihen Sie denn daß ich Eulen nach Athen als Dankopfer bringe, Ich könnte wirklich immer so fortfahren und Ihnen das vorerzählen was Sie längst besser wissen.

So hat mich auch wieder auf's neue ergriffen daß jede Person, außer Clytemnestra, der Unheilverketterin, ihre abgeschloßne Aristeia hat, so daß jede ein ganzes Gedicht spielt und nachher nicht wiederkommt uns etwa auf's neue mit ihren Angelegenheiten beschwerlich zu fallen. In einem jeden guten Gedichte muß die ganze Poesie stecken, dieses ist aber ein Flügelmann.

Was Sie in Ihrer Einleitung über Synonymik sagen ist köstlich, möchten doch unsere Sprachreiniger davon durchdrungen seyn! Doch in so hohe Angelegenheiten wollen wir die traurigen Mißgriffe nicht so mischen, durch welche die deutsche Nation ihre Sprache von Grund aus verdirbt; ein Unheil das man erst in dreyßig Jahren einsehen wird.

Sie aber, mein Bester, seyn und bleiben gesegnet für das Gute was Sie an uns gethan haben. Dieser Ihr Agamemnon soll mir nicht wieder von der Seite.

Das rhythmische Verdienst kann ich nicht beurtheilen; aber ich glaube es zu fühlen. Unser tüchtiger, talent- und geistvoller, aber im Widerspruch verwildernder Wolf, der einige Tage bey mir war, sprach das Beste von Ihrer sorgfältigen Arbeit. Wie sich die Heidelberger benehmen wird belehrend seyn.

Sagen Sie mir noch ein Wort ehe Sie nach Paris gehen und empfehlen mich der theuren Ihrigen. Wie sehr hätte ich gewünscht Sie diesen Sommer zu sehen! Denn es ist soviel, nach allen Seiten, in Bewegung daß nur Tage hinreichen um zu besprechen: was zu fördern wäre und wie? Glücklicher Weise für mich nahet mir nichts was ich ganz abzuweisen brauchte, wenn auch nicht alles nach meiner Überzeugung begonnen und geleitet wird. Und gerade dieses Sauersüße ist es was blos in der Gegenwart mündlich verhandelt werden kann.

* An Wilhelm von Humboldt, 18.6.1821 (WA IV, Bd. 34, S. 288 ff., Nr. 34299):

Vor einigen Wochen, theuerster verehrtester Freund, erhielt ich durch Reisende von Ihrem Herrn Bruder Schreiben und Sendung. In meiner dankbaren Antwort fühlt ich mich gedrungen, ihm zu sagen: daß jenes frühere Verhältniß zu Ihnen beiden mir immer unter den lichtesten Lebenspuncten vorschwebt. Wenn man sich erinnert, was Ziel und Zweck eines jeden damals gewesen, und nun vor sich sieht, was durch große Anstrengung endlich errungen worden, so giebt es einen herrlichen Genuß. Betrachtet man ferner, wie eine gesteigerte Thätigkeit auch späterhin nicht nachläßt, entschiedene Pläne vollkommen auszubilden, um das zu erreichen, was man früher für wünschenswerth gehalten, so ist denn solcher gemeinsamer Lebensgang höchst erfreulich zu überschauen.

Für das übersendete Werk zum besten dankbar, habe ich schon mit Riemer darüber mehrere Stunden conferirt, zu beiderseitigem Vergnügen und Belehrung. Dieser Freund ist gegenwärtig hier nach seinen Wünschen situirt; von den Schulstunden befreyt, kann er seine lexicalischen Arbeiten, welche freylich ganz eigene Aufmerksamkeit und Folge verlangen, ruhig fortsetzen.

So wie ich höre, haben Sie auch die Sprachcharte, die mir früher so wünschenswerth schien, weiter ausgearbeitet, wodurch auch mir eine große Zufriedenheit vorbereitet wird. Ich habe nie unterlassen, über Welt und Menschen fortzudenken, zu sammeln, zu arbeiten, und finde mich dadurch in dem Fall, die Resultate anderer glücklich Mitarbeitenden mir desto reiner zuzueignen.

Und so möge denn dieses Blatt länger nicht weilen, sondern Sie nach einer so langen Pause freundlichst begrüßen.

Weimar den 18. Juni 1821. G.

* An Wilhelm von Humboldt, 24.12.1821 (WA IV, Bd. 35, S. 213 f., Nr. 35171):

Zaudern darf ich nicht, verehrter Freund, für die liebwerthe Sendung zu danken; sie hat mir und dem wackern Riemer große Freude gemacht; mußten wir doch Ihr treffliches Heft übereinstimmend finden mit unserer Überzeugung, frisch aufklärend und weiter deutend, alles anregend was dem Sprechenden, das heißt; dem verständig vernünftigen Menschen nur Bedeutendes im Innern angehören mag und was sollte nicht noch alles davon zu rühmen seyn. Lassen Sie mich nur noch Folgendes herausheben: indem Sie die Sprache als Hülfsmittel gar trefflich anpreisen, geben Sie uns ferner zu bedenken, daß die Sprache, wenn sie auf einen gewissen Punct gelangt, unveränderlich sey und von ihren anerkannten Mängeln nicht befreyt werden könne; demohngeachtet aber in und aus sich selbst alles Menschliche, vom Tiefsten bis zum Höchsten, aussprechen, ausdrücken, bestimmen und erweitern könne und müsse.

Hiedurch haben Sie mir, mein Theuerster, einen Spiegel vorgehalten, worin ich am Ende meiner Laufbahn erkennen kann, was ich als Dichter und Schriftsteller geleistet habe und was ich hätte leisten sollen.

Hier sey geschlossen, damit wir uns nicht in die Fluth wagen, die uns zu verschlingen droht. Bleiben Sie meiner aufrichtigsten Anhänglichkeit versichert und erhalten mir zugleich mit Ihrer Frau Gemahlin ein stetiges Andenken.

treulichst

Weimar den 24. December 1821. Goethe.

* An Wilhelm von Humboldt, 22.6.1823 (WA IV, Bd. 37, S. 92 ff., Nr. 37071):

Ihr Brief, theurer verehrter Freund, kam zur merkwürdigen Stunde, die ihn doppelt interessant macht; eben waren die Schillerschen Briefe gesammelt und ich betrachte sie vom Anfang durch, und da find ich denn die schönsten Spuren unseres glücklichen und fruchtbaren Zusammenseyns. Die Einladung zu den Horen macht den Anfang mit einem Schreiben vom 13. Juni 1794. Da es denn so weiter fortgeht und sich mit jedem Briefe die Verehrung des außerordentlichen Geistes, die Freude über dessen Einwirkung auf unsere Gesammtbildung steigert und erhöht. Seine Briefe sind ein unendlicher Schatz, dergleichen Sie auch reichlich besitzen; und wie man durch sie bedeutend vorwärts gekommen, so muß man sie wieder lesen, um vor Rückschritten bewahrt zu seyn, wozu uns die liebe Umwelt täglich und stündlich einzuladen geneigt ist.

Denken Sie sich nun selbst, mein Werthester, wie höchst willkommen Ihre Anmeldung mir in diesem Augenblicke erscheint, worauf ich denn nach reiflichem Nachdenken freundlichst rathen wollte, gegen Ende Octobers bey uns einzutreffen. Sollten die Götter nicht anders über uns disponiren so finden Sie mich, und was Ihnen sonst lieb und werth ist, gewiß allhier versammelt; stille vertrauliche Communication kann mit geselligen Unterhaltungen gar anmuthig abwechseln, und wir erfreuen uns vor allen Dingen eben an dem Schillerschen Briefwechsel, da Sie denn auch von Ihrer Seite einige Jahrgänge mitbringen und wir in fruchtreicher Gegenwart uns an den früheren schönen Blüthen auf's neue auferbauen und erquicken können. Riemer empfielt sich auf's dringendste, es geht ihm gut, unser Verhältniß [ist] bleibend, wechselseitig, förderlich und nützlich. Hofrath Meyer ist nach Wiesbaden abgereist, seine Gesundheit ist leider nicht die beste.

Zwey neue Hefte, zu Kunst und Alterthum und zur Naturwissenschaft, sind im Begriffe zu erscheinen; die Früchte meiner Winterbeschäftigung. Sie waren glücklicherweise so sorgfältig eingeleitet, daß meine Übel und die darauf folgende Krankheit unserer Frau Großherzogin, die uns alle, besonders aber er mich Wiedergenesenden in Furcht und Sorge setzte, kein bedeutendes Hinderniß entgegenstellen.

Darf ich mich Ihrer Frau Gemahlin bestens empfohlen wissen, wobey ich nicht zu versichern brauche, daß Sie gewiß auch unseren gnädigsten Herrschaften höchst willkommen seyn werden. In meiner Häuslichkeit entgegnen Ihnen Kinder und Enkel mit fröhlichen Gesichtern, die nächsten Freunde versammeln wir nach Wunsch. Mögen Sie mir in der Zwischenzeit etwas vermelden, so bitte solches hierher unter meiner Adresse, da es mir denn jedesmal baldigst zukommen wird.

Und nun empfehle ich mich Ihrer theuren Frau Gemahlin zum allerbesten, möge das Glück mich unter diesen Umständen auch wieder einmal an ihre Seite bringen. Verzeihung einer etwas zerstreuten und auf's Einpacken deutenden Schreibart.

Weimar den 22. Juni 1823. G.

* An Wilhelm von Humboldt, 8.3.1824 (WA IV, Bd. 38, S. 72, Nr. 38059):

[Concept.]

Nur ein ausrufendes Wort! - Tausend Dank für die überschickte Götterstirne, die jedem Augenblick Freude und Schmerz zugleich gewährt. Mögen Sie meiner immerfort gedenken, wie ich Ihrer und der theuren Ihrigen. Aus Ottiliens Erzählung leuchtet hervor wie viel Freundliches sie Ihrem häuslichen Kreise schuldig geworden.

Darf ich den Überbringer Herrn Sterling, einen jungen Engländer, empfehlen. Er ist es der mich mit Lord Byron in Verhältniß gebracht hat und dem ich dagegen auch recht was Gutes erzeigen möchte. Dieß geschieht indem ich Ihnen solchen vorstelle.

Weimar den 8. März 1824.

* An Wilhelm von Humboldt, 22.10.1826 (WA IV, Bd. 41, S. 202 ff., Nr. 41174):

Brief und Sendung, verehrtester Freund, gaben mir ein höchst erwünschtes Zeichen fortdauernden Andenkens und freundlicher Theilnahme. Möchte ich nur auch von Ihrem Wohlbefinden gleichermaßen versichert seyn; ich für meine Person habe mich nicht zu beklagen: ein Schiff, das nicht mehr die hohe See hält, ist zu einem Küstenfahrer vielleicht immer noch nütze.

Ich habe den ganzen Sommer zu Hause zugebracht und ungestört an der Ausgabe meiner Werke fortgearbeitet. Erinnern Sie sich wohl noch, mein Theuerster, einer dramatischen Helena, die im zweyten Theil von Faust erscheinen sollte? Aus Schillers Briefen vom Anfang des Jahrhunderts sehe ich, daß ich ihm den Anfang vorzeigte, auch, daß er mich zur Fortsetzung treulich ermahnte. Es ist eine meiner ältesten Conceptionen, sie ruht auf der Puppenspiel-Überlieferung, daß Faust den Mephistopheles genöthigt, ihm die Helena zum Beylager heranzuschaffen. Ich habe von Zeit zu Zeit daran fortgearbeitet, aber abgeschlossen konnte das Stück nicht werden, als in der Fülle der Zeiten, da es denn jetzt seine volle 3000 Jahre spielt, von Troja's Untergang bis zur Einnahme von Missolunghi. Dieß kann man also auch für eine Zeiteinheit rechnen, im höheren Sinne; die Einheit des Orts und der Handlung sind aber auch im gewöhnlichen Sinn auf's genauste beobachtet. Es tritt auf unter dem Titel:

Helena classisch-romantische Phantasmagorie.   Zwischenspiel zu Faust.   Das heißt denn freylich wenig gesagt, und doch genug, hoff ich, um Ihre Aufmerksamkeit auf die erste Lieferung lebhafter zu richten, die ich von meinen Arbeiten zu Ostern darzubieten gedenke.

Dann frag ich mit mehr Zuversicht: Sie erinnern sich wohl noch eines epischen Gedichts, das ich gleich nach Beendigung von Herrmann und Dorothea im Sinn hatte: Bey einer modernen Jagd kamen Tiger und Löwe mit in's Spiel; damals riethen Sie mir die Bearbeitung ab, und ich unterließ sie; jetzt, bey'm Untersuchen alter Papiere, finde ich den Plan wieder und enthalte mich nicht, ihn prosaisch auszuführen, da es denn für eine Novelle gelten mag, eine Rubrik, unter welcher gar vieles wunderliche Zeug cursirt.

Das Bild eines recht lebendigen Weltlebens ist übrigens in dieser letzten Zeit in meine Clause gekommen, das mich sehr unterhält: das Journal des Herzogs Bernhard von Weimar, der im April 1825 von Gent abreiste und vor kurzem erst wieder bey uns eintraf. Es ist ununterbrochen geschrieben, und da ihn sein Stand, seine Denkweise, sein Betragen in die höchsten Regionen der Gesellschaft einführten, er sich in den mittlern Zuständen behagte und die geringsten nicht verschmähte, so wird man auf eine sehr angenehme Weise durch die mannichfaltigsten Lagen durchgeführt, welche unmittelbar anzuschauen mir wenigstens von großer Bedeutung war.

Nun aber muß ich versichern, daß mir und Riemern das übersendete Programm recht zu Gunsten gekommen und über Sprache und Philosophie zu verhandeln gar löblichen Anlaß gegeben. Abgeneigt bin ich dem Indischen keineswegs, aber ich fürchte mich davor, denn es zieht meine Einbildungskraft in's Formlose und Difforme, wovor ich mich mehr als jemals zu hüten habe; kommt es aber unter der Firma eines werthen Freundes, so wird es immer willkommen seyn, denn es gibt mir die erwünschte Gelegenheit mich mit ihm zu unterhalten von dem, was ihn interessirt und gewiß von Bedeutung seyn muß.

Nun aber, da ich mich zum Schluß anschicke, vermelde ich nur, daß ich beschäftigt sey, die aufgelösten Wanderjahre in ihren alten und neuen Theilen, als zwey Bände zusammenzufassen und zu vereinigen, bey welcher Arbeit mir nichts erfreulicher seyn könnte als den Hauptwanderer, Ihren hochverehrten Herrn Bruder, bey uns zu begrüßen und von seiner immergleichen Thätigkeit unmittelbar zu vernehmen; wie ich denn auch Ihrer theuern Frau Gemahlin die besten Nachwirkungen der in so hohen Regionen gesuchten Cur herzlich anzuwünschen nicht unterlasse.

und so für und für

in treulichster Theilnahme

Weimar den 22. October 1826. Goethe.

* An Wilhelm von Humboldt, 1.3.1829 (WA IV, Bd. 45, S. 181 ff., Nr. 45155):

[Concept.]

Ihr werthes Schreiben, theurer verehrter Freund, ob es mich schon zu einem schmerzlichen Antheil aufrief, war mir doch höchst willkommen, indem es mich des wünschenswerthesten Antheils und fortdauernden herzlichen Zutrauens versicherte. Mir aber werden Sie nach so vieljährigen Verhältnissen auch ohne Betheurung glauben, daß mein Andenken immer lebhaft und das Aufhorchen auch aus der Ferne immer thätig sey, im Stillen hie und da zu vernehmen, wie es denjenigen ergehe, die ich nicht anders als an und in mein Leben gegliedert betrachten kann. Den gefährlichen Zustand Ihrer Frau Gemahlin hab ich schon seit einiger Zeit vernommen. Auch dieser hab ich ja unter meinen frühsten Verhältnissen zu gedenken, und erinnere mich noch recht gut der Zeit, wo ich in Erfurt das Gedicht: die Geheimnisse, kaum als es geschrieben war, in ihrer Gegenwart vorlas und großen Antheil erweckte; wie ich denn auch des Malteserritters oft gedenken muß, der sich nach ihr so eifrig in Palermo erkundigte. Möge derselben nach meinem Wunsche noch manche gute Stunde gegönnt seyn.

Bey dem stillen Lebenswandel, den ich gegenwärtig führe, ist meine Beschäftigung gleichsam nur testamentarisch. Das Original meiner Werke dergestalt zuzurichten, daß die vierzig Bände auf jeden Fall, auch ohne mein Zuthun abgedruckt werden können, ist gegenwärtig meine nächste Sorge. Ist nun dieses zunächst abgethan, so hat sich so viel gehäuft, das auch redigirt und zurechte gestellt seyn will, daß ich eigentlich auf mehr Jahre als billig Arbeit vor mir sehe und nur immer daran zu denken habe, wie ich jeden Tag das Nöthigste vorwärts schiebe und beseitige.

Sodann findet mich die Beylage Ihres werthen Schreibens mit ähnlichen Gedanken beschäftigt; ich habe sie mit großem Vergnügen gelesen und wüßte durchaus nichts, was meiner Denkart über diese Angelegenheit im mindesten widerspräche. Die Absicht ist höchst löblich, das Unternehmen war, bey dem Zustand unsrer Kunst- und Künstlerwelt, nothwendig und unerläßlich. Wir bilden Künstler, Künstler bilden sich ohne unser Zuthun, und wo sollen die Käufer aller Arbeiten herkommen. Actien auf gut Glück, Verlosung mit unwahrscheinlichem Gewinn, Belohnung durch den Gedanken, etwas Gutes gestiftet zu haben, und was dergleichen mehr ist, mußten eingeleitet und durch einflußreiche Männer gefördert werden.

Wir in unserm kleinen Kreise fühlten schon längst die Unzulänglichkeit unserer Mittel, deswegen haben wir uns voriges Jahr an den Dresdner Verein angeschlossen und sind mit etwa vierzig Actien zu demselben getreten. Bey Verhandlung hierüber kam zur Sprache, ob ein Verhältniß zu dem Berliner nicht vorzuziehen sey, welchen Vorschlag aber die von ihren Statuten ausgesprochene Ausschließung der Fremden nicht begünstigte. Dieß gibt mir schon die Überzeugung, daß Ihr Vorschlag sehr der richtige sey: hierin jede Beschränkung aufzuheben. Ohne diese hätten Sie sich wahrscheinlich zum Mittelpunct der bildenden Kunst vom nördlichen Deutschland gemacht; denn es scheint, daß die übrigen Zweige des sächsischen Hauses, nach unserm Beyspiel, sich an den Dresdner Verein anzuschließen, zunächst folgen werden.

Es ist eigen, daß die Düsseldorfer Schule, von einem Berliner Künstler angeführt, sich so bedeutend hervorthut. Am Rhein und in den niederländischen Gegenden bleibt eine gewisse heitere Sinnlichkeit durchaus lebendig; die gesunde derbe Natur, die sich im siebzehnten Jahrhundert dort so unvergleichlich hervorthat, waltet noch fort; und es ist zu wünschen, daß die Unsrigen sich an diesem Beyspiel und Vorgang ermannen und von ihren frömmlenden Ritterlichkeiten erholen mögen.

Über die Angelegenheiten der Vereine, um hievon noch einiges zu sprechen, hab ich zeither Gelegenheit gehabt, vielfach nachzudenken und werde mich auch wohl hierüber in dem nächsten Stück Kunst und Alterthum zu erklären suchen. Gar manches hierauf bezüglich steht fest, und man wird wohlthun dabey zu beharren; manches jedoch ist problematisch, hängt auch wohl von Zeit und Umständen ab. Hierüber möcht es wohl Pflicht seyn, Erfahrungen und Überzeugungen mitzutheilen.

Die herrlichen Früchte, die wir von Ihres Herrn Bruders Reise zu erwarten haben, wünsche an meinem Theil auch dankbar hinzunehmen. Da ich ihn mit meinen Gedanken überall hin begleite, so empfehle ich mich ihm zum schönsten, mit dem Wunsch, er möge meiner bey interessanten Gegenständen, in bedeutenden Augenblicken als eines wahrhaft Theilnehmenden bestens gedenken.

Aufrichtig zu sagen, so möcht ich jetzt, indem ich schließen will, von vorn anfangen, da mir so unendlich vieles im Sinne liegt was ich mittheilen möchte; wie denn auch das schon Ausgesprochene weiter ausgeführt werden könnte. Den eifrigen Wunsch will ich jedoch hinzufügen, daß die Tage, die wir noch zusammen auf Erden zu verleben haben, von erträglichen Leiden und mäßigem Genuß mögen begleitet seyn; so wie an treuen wechselseitigen Gesinnungen gewiß niemals ein Mangel seyn wird.

Weimar den 1. März 1829.

* An Wilhelm von Humboldt, 17.9.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 228, Nr. 47194):

Weimar, den 17. September 1830.

Ein Wort! Ein Händedruck! und tausendfältiger Dank! Der erste freye behagliche Augenblick soll treu freudiger Erwiderung gewidmet seyn.

G.

* An Wilhelm von Humboldt, 19.10.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 302 ff., Nr. 47252):

Wie oft, mein theurer verehrter Freund, habe ich diese Woche her mich an Ihre Seite geflüchtet, Ihre trefflichen Blätter wieder vorgenommen und mich daran erquickt.

Wie das Erdbeben von Lissabon fast im Augenblick seine Wirkung auf die entferntesten Seen und Quellen spüren ließ, so sind auch wir von jener westlichen Explosion, wie vor vierzig Jahren, unmittelbar erschüttert worden.

Wie trostreich, in solchen Augenblicken, mir Ihre unschätzbaren Blätter zu Handen kommen mußten, werden Sie selbst empfinden und sich geneigtest aussprechen. Durch den entschiedensten Gegensatz ward ich in jene Zeiten zurückgeführt, wo wir uns zu einer ernsten gemeinsamen Bildung verpflichtet fühlten, wo wir, mit unserm großen edlen Freund verbunden, dem faßlich Wahren nachstrebten, das Schönste und Herrlichste, was die Welt uns darbot, zu Auferbauung unsres willigen sehnsüchtigen Innern, zu Ausfüllung einer stoff- und gehaltbedürftigen Brust, auf das treulichste und fleißigste zu gewinnen suchten.

Wie schön und herrlich ist es nun daß Sie auf jenen glücklichen Boden Ihre letzte Darstellungen gründen, daß Sie mich und meine Bestrebungen in jener operosen Zeit zu entziffern und das, was daran zufällig, ermangelnd eines Zusammenhangs, einer Folge scheinen möchte, auf einige geistige Nothwendigkeit, auf individuelle charakteristische Verknüpfungen, aufmerksam und liebevoll, zurückführen mochten.

Hier läge nun zu mündlicher Unterhaltung das schönste Thema. Niederzuschreiben ist es nicht, wie ich mich in Ihren Worten bespiegelt, wie ich über vieles aufgeklärt, zugleich auch wieder aufgefordert wurde, über manches Räthselhafte, das dem Menschen in ihm selbst jederzeit übrig bleibt, nachzudenken und den innern Zusammenhang mancher sich im Individuum kreuzenden und, trotz eines gewissen Widerspruchs, sich umschlingenden und vereinigenden Eigenschaften ernstlich nachzudenken.

Hierher gehört vorzüglich mein Verhältniß zur bildenden Kunst, dem Sie eine so dankenswerthe Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es ist wunderbar genug daß der Mensch auch unwiderstehliche Triebe fühlt, dasjenige auszuüben, was er nicht leisten kann, dadurch aber doch in seinen eigentlichen wahren Leistungen auf das reellste gefördert wird.

Damit aber dieser lange verzögerte Brief nicht noch ferner zurückbleibe, so will ich schließen, aber doch zugleich vermelden, daß, indem ich Vorstehendes ausgesprochen, ich wieder zu Ihren Blättern zurückkehre und durch eine frische Abspiegelung zu neuen Betrachtungen aufgefordert und an jene Zeiten mächtig erinnert werde, wo wir, zwar nicht persönlich, aber doch im Sinne vereint, jener idyllischen Tage, schon im Alter beide vorgeschritten, mit Jugendkraft und Lust genossen.

Mein Sohn nimmt nun schon seit sechs Monaten an der Fülle Theil, die, auf der unschätzbaren Erdzunge, Natur und Jahrhunderte an Leben gehäuft und zerstört, an Künsten erbaut und eingerissen, an Menschenschicksalen, Nationalität und Persönlichkeiten auf das wunderbarste durch einander gewürfelt haben.

Er ging mit dem Dampfschiff von Livorno nach Neapel, wo er sich noch gegenwärtig aufhalten mag, ein Entschluß, der, gelungen, ganz besondere Vortheile gebracht hat. Er fand Professor Zahn daselbst, und sich, bey dessen Leitung über und unter der Erde, völlig einheimisch.

Da Sie sich nun auch, mein Theuerster, an's Dictiren gewöhnen, so wenden Sie, in guter freyer Stunde, manchmal ein freundliches Wörtchen an mich; damit man des lange schon gegönnten Zusammenseyns auf diesem Erdrunde von Zeit zu Zeit öfter und entschieden gewahr werde. Ungern reiß ich mich von dieser Mittheilung los; wieviel ich zu sagen habe, schwebt mir vor, doch will ich dießmal nur noch den Glückstern segnen, der sich, in diesen Augenblicken, über Ihnen und Ihrem würdigen Herrn Bruder so glänzend hervorhebt. Möge Ihnen und uns allen das so schön Eingeleitete zu folgereichem Genuß gedeihen.

und so fortan!

Weimar d. 19 Oktbr. 1830. J. W. v. Goethe.

* An Wilhelm von Humboldt, 1.12.1831 (WA IV, Bd. 49, S. 164 ff., Nr. 49121):

[Concept.]

Schon durch die öffentlichen Blätter, verehrter Freund, unterrichtet, daß der Wellenschlag jener wilden Ostsee auf die Organisation des theuersten Freundes einen so glücklichen Einfluß geübt, hab ich mich höchlich erfreut und dem so oft verderblichen Gewässer alle Ehre und Reverenz erwiesen. Ihr willkommenes Brieflein bestätigt diese guten Nachrichten zum allerschönsten und besten, so daß ich aus meiner Klause in die vom Schnee verschleierten Klostergärten mit Behagen hinausblicken darf, indem ich den theuersten Freund auf seinem vierthürmigen Schlosse, in geräumiger Umgebung, eine weit überwinterte Landschaft überschauend, gleichfalls mit gutem Muthe seine tiefgegründeten Arbeiten bis in's Einzelne verfolgend mir vorstellen darf.

Im Allgemeinen kann ich wohl sagen, daß das Gewahrwerden großer productiver Naturmaximen uns durchaus nöthigt, unsre Untersuchungen bis in's Allereinzelnste fortzusetzen; wie ja die letzten Verzweigungen der Arterien mit ihren verschwisterten Venen ganz am Ende der Fingerspitzen zusammentreffen.

Im Besondern aber darf ich wohl sagen, daß ich Ihnen oft näher geführt werde als Sie wohl denken, indem die Unterhaltung mit Riemer gar oft auf's Wort, dessen etymologische Bedeutung, Bildung und Umbildung, Verwandtschaft und Fremdheit hingeführt werden.

Ihrem Herrn Bruder, für den ich keinen Beynamen finde, bin ich für einige Stunden offner freundlicher Unterhaltung höchlich dankbar geworden. Denn obgleich seine Ansicht der geologischen Gegenstände aufzunehmen und danach zu operiren meinem Cerebralsystem ganz unmöglich wird, so hab ich mit wahrem Antheil und Bewunderung gesehen wie dasjenige, wovon ich mich nicht überzeugen kann, bey ihm folgerecht zusammengehängt und mit der ungeheuren Masse seiner Kenntnisse in eins greift, wo es denn durch seinen unschätzbaren Charakter zusammengehalten wird.

Darf ich mich, mein Verehrtester, in altem Zutrauen ausdrücken, so gesteh ich gern daß in meinen hohen Jahren mir alles mehr und mehr historisch wird: ob etwas in der vergangenen Zeit, in fernen Reichen oder mir ganz nah räumlich im Augenblicke vorgeht, ist ganz eins, ja ich erscheine mir selbst immer mehr und mehr geschichtlich; und da mir meine gute Tochter Abends den Plutarch vorlies't, so komm ich mir oft lächerlich vor, wenn ich meine Biographie in dieser Art und Sinn erzählen sollte.

Verzeichen Sie mir dergleichen Äußerungen! im Alter wird man redselig und da ich dictire, kann mich diese Naturbestimmung gar wohl auch überraschen.

Von meinem Faust ist viel und wenig zu sagen; gerade zu einer günstigen Zeit fiel mir das Dictum ein:

Gebt ihr euch einmal für Poeten,

So commandirt die Poesie;

und durch eine geheime psychologische Wendung, welche vielleicht näher studirt zu werden verdiente, glaube ich mich zu einer Art von Production erhoben zu haben, welche bey völligem Bewußtseyn dasjenige hervorbrachte, was ich jetzt noch selbst billige, ohne vielleicht jemals in diesem Flusse wieder schwimmen zu können, ja was Aristoteles und andere Prosaisten einer Art von Wahnsinn zuschreiben würden.

Die Schwierigkeit des Gelingens bestand darin, daß der zweyte Theil des Faust, dessen gedruckten Partien Sie vielleicht einige Aufmerksamkeit geschenkt haben, seit funfzig Jahren in seinen Zwecken und Motiven durchgedacht und fragmentarisch, wie mir eine oder die andere Situation gefiel, durchgearbeitet war, das Ganze aber lückenhaft blieb.

Nun hat der Verstand an dem zweyten Theile mehr Forderung als an dem ersten, und in diesem Sinne mußte dem vernünftigen Leser mehr entgegengearbeitet werden, wenn ihm auch an Übergängen zu suppliren genug überblieb.

Das Ausfüllen gewisser Lücken war sowohl für historische als ästhetische Stätigkeit nöthig, welches ich so lange fortsetzte, bis endlich für räthlich hielt auszurufen:

Schließet den Wäss'rungskanal, genugsam tranken die Wiesen.

Und nun mußte ich mir ein Herz nehmen, das geheftete Exemplar, worin Gedrucktes und Ungedrucktes in einander geschoben sind, zu versiegeln, damit ich nicht etwa hie und da weiter auszuführen in Versuchung käme; wobey ich freylich bedaure, daß ich es - was der Dichter doch so gern thut - meinem werthesten Freunden nicht mittheilen kann.

Eine Übersetzung meiner Metamorphose der Pflanzen von Herrn Soret mit einem Nachtrag sende ich nicht, es müßte denn seyn, daß gewisse Lebensconfessionen Ihrer Freundschaft genug thäten. Ich bin neuerer Zeit in diese Naturerscheinungen mehr und mehr verstrickt worden; sie haben mich zum Fortarbeiten in meinem uranfänglichen Felde angelockt und zuletzt darin zu verharren genöthigt. Wir wollen sehen was auch da zu thun ist, und das Übrige der Folgezeit überlassen, der wir, unter uns gesagt, ein beschwerlicheres Tagewerk zuschieben als man glauben sollte.

Lassen Sie uns beiderseits von Zeit zu Zeit einen Anklang fortwährenden Daseyns nicht vermissen.

Weimar den 1. December 1831.

* An Wilhelm von Humboldt, 17.3.1832 (WA IV, Bd. 49, S. 281 ff., Nr. 49193):

Nach einer langen unwillkürlichen Pause beginne folgendermaßen und doch nur aus dem Stegreife. Die Thiere werden durch ihre Organe belehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe dagegen wieder zu belehren.

Zu jedem Thun, daher zu jedem Talent, wird ein Angebornes gefordert, das von selbst wirkt und die nöthigen Anlagen unbewußt mit sich führt, deswegen auch so geradehin fortwirkt, daß, ob es gleich die Regel in sich hat, es doch zuletzt ziel- und zwecklos ablaufen kann.

Je früher der Mensch gewahr wird daß es ein Handwerk, daß es eine Kunst gibt, die ihm zur geregelten Steigerung seiner natürlichen Anlagen verhelfen, desto glücklicher ist er; was er auch von außen empfange, schadet seiner eingebornen Individualität nichts. Das beste Genie ist das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles zuzueignen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbestimmung, demjenigen was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag thue, vielmehr solches noch erst recht erhebe und durchaus nach Möglichkeit befähige.

Hier treten nun die mannichfaltigen Bezüge ein zwischen dem Bewußten und Unbewußten; denke man sich ein musikalisches Talent, das eine bedeutende Partitur aufstellen soll: Bewußtseyn und Bewußtlosigkeit werden sich verhalten wie Zettel und Einschlag, ein Gleichniß das ich so gerne brauche.

Die Organe des Menschen durch Übung, Lehre, Nachdenken, Gelingen, Mißlingen, Förderniß und Widerstand und immer wieder Nachdenken verknüpfen ohne Bewußtseyn in einer freyen Thätigkeit das Erworbene mit dem Angebornen, so daß es eine Einheit hervorbringt welche die Welt in Erstaunen setzt.

Dieses Allgemeine diene zu schneller Beantwortung der Frage und zur Erläuterung des wieder zurückkehrenden Blättchens.

Es sind über sechzig Jahre, daß die Conception des Faust bey mir jugendlich von vorne herein klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausführlich vorlag. Nun hab ich die Absicht immer sachte neben mir hergehen lassen, und nur die mir gerade interessantesten Stellen einzeln durchgearbeitet, so daß im zweyten Theil Lücken blieben, durch ein gleichmäßiges Interesse mit dem Übrigen zu verbinden. Hier trat nun freylich die große Schwierigkeit ein, dasjenige durch Vorsatz und Charakter zu erreichen, was eigentlich der freywillig thätigen Natur allein zukommen sollte. Es wäre aber nicht gut, wenn es nicht auch nach einem so langen, thätig nachdenkenden Leben möglich geworden wäre, und ich lasse mich keine Furcht angehen, man werde das Ältere vom Neueren, das Spätere vom Früheren unterscheiden können, welches wir denn den künftigen Lesern zur geneigten Einsicht übergeben wollen.

Ganz ohne Frage würd es mir unendliche Freude machen, meinen werthen, durchaus dankbar anerkannten, weit vertheilten Freunden auch bey Lebzeiten diese sehr ernsten Scherze zu widmen, mitzutheilen und ihre Erwiderung zu vernehmen. Der Tag aber ist wirklich so absurd und confus, daß ich mich überzeuge, meine redlichen, lange verfolgten Bemühungen um dieses seltsame Gebäu würden schlecht belohnt und an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliegen und von dem Dünenschutt der Stunden zunächst überschüttet werden. Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt, und ich habe nichts angelegentlicher zu thun als dasjenige was an mir ist und geblieben ist wo möglich zu steigern und meine Eigenthümlichkeiten zu cohobiren, wie Sie es, würdiger Freund, auf Ihrer Burg ja auch bewerkstelligen.

Theilen Sie mir deshalb auch etwas von Ihren Arbeiten mit; Riemer ist, wie Sie wohl wissen, an die gleichen und ähnlichen Studien geheftet und unsere Abendgespräche führen oft auf die Gränzen dieses Faches.

Verzeichnung diesem verspäteten Blatte! Ohngeachtet meiner Abgeschlossenheit findet sich selten eine Stunde, wo man sich diese Geheimnisse des Lebens vergegenwärtigen mag.

treu angehörig

Weimar den 17. März 1832. J. W. v. Goethe.

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10. Karsten, Dietrich Ludwig Gustav:

Überblick:

Goethe an Karsten: 20.11.1808

Karsten an Goethe: 8.11.1808

* An Dietrich Ludwig Gustav Karsten, 20.11.1808 (WA IV, Bd. 20, S. 218 ff., Nr. 5643):

[Concept.]

Wohlgeborner,

Insonders hochgeehrtester Herr,

Ew. Wohlgebornen [sic] haben mir durch baldige Mittheilung Ihrer aufs neue ausgearbeiteten Tabellen ein großes Vergnügen gemacht. Schon der ersten Ausgabe bin ich sehr viel Belehrung schuldig geworden; die gegenwärtige soll bey diesen Studien mein Leitfaden werden und dieses interessante Werk weder zu Hause, noch auf Reisen, jemals von meiner Seite kommen.

Daß Ew. Wohlgebornen demjenigen was ich in einer Region, in die ich nur manchmal zum Besuch komme, zu äußern gewagt, einige Aufmerksamkeit gönnen, dient mir zur großen Ermunterung. Ich mußte freylich in meiner Lage gar wunderbare Wege nehmen, um in die Naturwissenschaften nur einigermaßen hinein zu gelangen.

Über den Cammerberg bey Eger lege ich einen Aufsatz bey. Wenigstens wünsche ich das Problematische dieses Falles recht ins Licht gestellt zu haben. Ich habe erst später den Bornischen Aufsatz gelesen, mit dem meine Überzeugung in der Hauptsache meist übereintrifft; nur daß er die weitentfernten Liebensteiner Basalte, nach einem damals allzu weit greifenden Vulcanismus, auch heranzieht, die doch mit dem Cammerberg nicht in der mindesten Verbindung stehen.

Übrigens freue ich mich voraus dadurch Ew. W. Beyfall zu erhalten, daß ich bey der Beobachtung mich hauptsächlich an die verschiedenen Stufen des veränderten Glimmerschiefers gehalten haben, da mir bekannt ist und ich auch gegenwärtig wieder pag. IX. Ihrer Vorrede gesehen habe, daß Sie bey vulcanischen Producten das vorhergehende selbständige nun aber veränderte Fossil der Betrachtung vorzüglich empfehlen.

Die eingeschriebene Stelle aus dem Seneca war mir deswegen merkwürdig weil sie eine wirkliche Naturerscheinung genau so dargestellt, wie ich sie mir hypothetisch bey Betrachtung des Cammerbergs denken mußte, nur daß in Griechenland die Naturwirkung viel stärker und gewaltsamer war.

Von den Cammerberger Producten stehen Exemplare zu Diensten. Sobald ich nach Jena komme, wo einiger Vorrath davon liegt, werde ich sogleich eine Auswahl treffen.

Die kleine Abhandlung wird in dem Leonhardischen Taschenbuch erscheinen, wo ich noch einige andre Bemerkungen mitzutheilen gedenke. Darf ich künftighin solche Aufsätze vor dem Druck Ew. Wohlgeboren mittheilen, und mir Ihre gefälligen Bemerkungen erbitten, so würde ich dadurch sehr gefördert werden: denn ich kann auf solche Arbeiten nicht immer die gehörige Aufmerksamkeit wenden, und doch möchte ich sie nicht gerne länger zurückhalten, da ich dadurch mit Naturforschern von Range in Bekanntschaft und ein gewisses Verhältniß komme, wie es mir denn mit Ew. W. zu meinem größten Vergnügen geworden ist.

Der ich die Ehre habe mich mit vorzüglicher Hochachtung zu unterzeichnen.

Weimar den 20. November. 1808.

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11. Lichtenstein, Martin Heinrich Carl:

Überblick:

Goethe an Lichtenstein: 21.-25.6.1829 (WA IV, Bd. 45, S. 298 ff., Nr. 45253)

Lichtenstein an Goethe: 24.4.1810 (RA Bd. 5, S. 501, Nr. 1455)

* An Martin Heinrich Carl Lichtenstein, 21.-25.6.1829 (WA IV, Bd. 45, S. 298 ff., Nr. 45253):

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

haben mit dem, durch Herrn Präsidenten Weyland mir übersendeten, wichtigen Hefte einen dringenden Wunsch erfüllt, Nachricht nämlich von der in Berlin zusammentretenden Gesellschaft deutscher Naturforscher immer näher und vollständiger zu erhalten. Zwar fand ich mich, durch das bisher bekannt Gewordene, nicht weniger durch mehrere Naturfreunde, die mich bey ihrer Rückkehr als einen alten treuen Zunftgenossen besuchten, bis auf einen gewissen Grad unterrichtet, oder, um bestimmter zu reden: ich hatte von dem, was sich ereignet, einen allgemeinen Begriff, von dem, was geleistet worden, einzelne Nachrichten gewonnen.

Nun aber gewähren Sie mir durch die geneigte Mittheilung gründlichere Ein- und Übersicht, und es ergibt sich dabey das vollständigere Resultat, daß Sie, der verehrte Präsident, und der ganze Complex theilnehmender Gönner aller Stände sowohl die Wissenschaft in ihren Repräsentanten als sich selbst geehrt und zwar auf eine Weise, die einzig bleiben und zugleich über die folgenden Versammlungen ein günstiges Licht und eine glückliche Einwirkung verbreiten wird.

Es war ein solches Ereigniß um so wünschenswerther, als niemand veraussehen kann, was für Vortheile die Mit- und Nachwelt von diesem nunmehr so glänzend eingeleiteten Congreß wird ernten können. Der deutsche Gelehrte, der deutsche Forscher mußte sich immer als ein isolirtes Wesen, als eine Privatperson fühlen; er wird hier genöthigt, sich als den Theil eines Ganzen zu betrachten, und obgleich dieses gewiß den meisten ungewohnt und unbequem erscheinen muß, so ist doch diese erste Nöthigung von so viel geistigen und sittlichen Forderungen begleitet, daß ein jeder, wenn er nach Haus kommt, sich in seinem löblichen Egoismus doch etwas anders fühlen muß.

Verzeihen Sie das viele, da wo so viel zu sagen wäre; das, worauf ich deute, sehen Sie klarer und vollständiger, und es würde mir Freude seyn, mich darüber mit Ihnen zu unterhalten.

Recht angenehm auffallend war mir, ich will es bekennen, die löbliche Ordnung, Klarheit und Zucht, wie sich die sämmtlichen Herren hinter einander unterschrieben. Es gehörte eine gar wohl ersonnene Anstalt dazu, um so viele bedeutende Männer in solchen Schranken zu halten und zu erreichen, daß eine Classe, welche sonst wegen Übelschreibens berüchtigt war, hier durchaus als deutlich- und zum größten Theil als schönschreibend uns entgegen kommt. Die Vollkommenheit Ihrer lithographischen Anstalten mag denn auch wohl das ihrige beygetragen haben.

Sollt ich nun manches Einzelne, was bey Lesung Ihres werthen Heftes bey mir aufgeregt worden, freymüthig äußern, so würde ich nicht aufhören, da ich nicht einmal weiß, wie ich anfangen sollte. Lassen Sie mich also mit den treusten Wünschen für die Reise unsres vorzüglichen, edlen, trefflichen Mannes hiemit anschließen und erlauben Sie mir, den freylich nicht zu gewährenden Wunsch auszusprechen: ich möchte gar zu gern die in der großen Natur umherirrenden lebendigen Wesen, so wie Sie solche geordnet und aufgestellt, an Ihrer Hand mit Muße betrachten; ich würde dadurch für viele nicht zu unternehmende Reisen entschädigt und gewiß über manche Ahnungen aufgeklärt, die, unter den jetzigen Umständen, für mich unenthüllt bleiben müssen.

Mit gefühltester Hochachtung mich dankbar unterzeichnend.

Weimar den 21. Juni 1829.

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12. Müller, Johannes von:

Überblick:

Goethe an Müller:

Kurz vor dem 25.3.1782 (WA IV, Bd. 18, S. 19, Nr. 1438a)

26.7.1782 (WA IV, Bd. 6, S. 15, Nr. 1532)

4.9.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 290 ff. u. 470 f., Nr. 4711)

5.11.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 339 f., Nr. 4750)

22.1.1804 (WA IV, Bd. 17, S. 24, Nr. 4819)

25.1.1805 (WA IV, Bd. 17, S. 249 ff., Nr. 5020)

1.1.1806 (WA IV, Bd. 19, S. 91, Nr. 5162)

17.4.1807 (WA IV, Bd. 19, S. 307 f., Nr. 5348)

Müller an Goethe:

21.9.1803 (RA Bd. 4, S. 301, Nr. 983)

30.9.1803 (RA Bd. 4, S. 308, Nr. 1006).

22.1.1804 (RA Bd. 4, S. 409, Nr. 1322).

9.2.1805 (RA Bd. 5, S. 38, Nr. 39).

14.2.1806 (RA Bd. 5, S. 124, Nr. 320).

19.3.1806 (RA Bd. 5, S. 130, Nr. 337).

16.3.1807 (RA Bd. 5. S. 219 f., Nr. 620).

13.4.1808 (RA Bd. 5, S. 310, Nr. 877).

* An Johannes von Müller, kurz vor dem 25.3.1782 (WA IV, Bd. 18, S. 19, Nr. 1438a):

Lassen Sie sich um vier Uhr durch einen kleinen Herder an die sogenannte gothische Kirche in des Herzogs Garten führen; ich will so bald als möglich da seyn und freue mich herzlich Sie zu sehn.

G.

* An Johannes von Müller, 26.7.1782 (WA IV, Bd. 6, S. 15, Nr. 1532):

Weimar d. 26. Juli 1782.

Noch habe ich Ihnen nicht für die Schrift gedankt, worinn Sie Sich des dreifachgekrönten Obermönchs annehmen, dessen Vorfahren, ohne es sonderlich zu verdienen, von der Welt angebetet wurden, und der nun, ohne es verschuldet zu haben, seinen eignen Kindern zum Gespötte wird.

So wenig wir uns dem Strome der Zeit entgegen stellen können, so ist es doch immer um der einzelnen willen gut, wenn eine Stimme dem Beifall widerspricht, den das Menschengeschlecht oft Handlungen und Begebenheiten zujauchzt, die sie ins Verderben führen.

Und wer eine Anlage hat klug zu werden, mag's nächst dem Leben in der Geschichte suchen.

Leben Sie wohl und behalten unser Andenken im Guten.

Goethe.

* An Johannes von Müller, 4.9.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 290 ff. u. 470 f., Nr. 4711):

Von Euer Hochwohlgeboren habe seit unsrer frohen Zusammenkunft in Zürch nichts unmittelbar vernommen, desto mehr kann ich sagen, daß ich mittelbar in Verhältniß zu Denenselben geblieben bin.

Vielleicht sollte ich der Briefe nicht gedenken, welche ohne, ja wider Ihren Willen in's Publikum gekommen sind; allein für diejenigen war es eine große Gabe, die den Mann, der soviel geleistet, in der Fülle jugendlichen Strebens nach unendlicher Breite und Höhe zu bewundern fähig waren.

Auch gegenwärtig, da mein Freund der Hofrath von Schiller, der sich Ihnen bestens empfiehlt, die Legende von Tell, als Tragödie, zu bearbeiten unternommen, war sein Erstes, sich mit Ihrer Schweizergeschichte bekannt zu machen und mir Theil an seinen Studien zu vergönnen. Wer kann den Geschichtschreiber mehr schätzen als der Dichter [der den Stoff zu seinen Arbeiten aufsucht]! Wer kann den glücklich bearbeiteten Stoff, der ihm entgegen gebracht wird, von dem rohen besser unterscheiden!

Füg' ich nun hinzu, daß ich von dem wackern Professor Sartorius vor einiger Zeit vernommen, daß Sie ihm bei seiner traurigen Krankheit in der Kaiserstadt mit leiblicher und geistiger Hülfe die beste Erquickung geleistet; so darf ich wohl behaupten, daß Sie mir immer gegenwärtig geblieben sind.

Mit desto mehrerem Zutrauen wage ich daher, Sie um Theilnahme in einer Angelegenheit zu bitten, welche mir sehr am Herzen liegt.

Professor Schütz zu Jena hat sich durch die bedeutenden Vortheile, welche demselben unter Beding einer Wanderung nach Halle dargeboten worden, bewegen lassen, den letzten Ort zu seinem Aufenthalt zu wählen; dadurch wird das Band der Jenaischen Litteraturzeitung zerrissen, und es ist Pflicht, bald wieder ein neues zu ähnlichen Zwecken zu knüpfen.

Es hat sich deshalb die eminente Majorität Weimarischer und Jenaischer Gelehrter und Gelahrtheitsgenossen mit Eifer ein solches Werk zu unternehmen verbunden. Euer Hochwohlgeboren werden die Schwierigkeiten dabei mit einem Blick übersehen, ohne daß ich sie umständlich aufzähle, und mit mir zugleich einstimmen, daß die neue Societät nichts Angelegneres haben kann, als genialische, wissenschaftlich gründliche, verdient berühmte Männer zu einiger Theilnahme aufzufordern.

Wo treffen diese und noch so manche andre Eigenschaften in schönerem Gleichgewicht zusammen, als bei Euer Hochwohlgeboren! Welch Verdienst würden Sie Sich durch Geneigtheit um uns, Ihre wahren Verehrer, erwerben, und vorzüglich den Dank des besten Fürsten verdienen, dem an Erhaltung und Förderung alles Guten soviel gelegen ist, und der Sie seit sovielen Jahren kennen und schätzen gelernt hat. Dürfte ich daher in allen diesen Rücksichten anfragen, ob Ihnen vielleicht ein neueres historisches Werk im Sinne schwebt, worüber Sie öffentlich Ihre Meinung zu sagen geneigt wären? Dürfte ich Sie an unsers Freundes Sartorius Geschichte des hanseatischen Bundes erinnern? Dürft' ich um gefällige baldige Antwort bitten, ob wir uns eines so köstlichen Beitrags vielleicht vor Schluß des Jahrs erfreuen dürften? wobei ich denn immer noch um Vergebung einer solchen Zudringlichkeit bitten muß, so wie ich mich kaum bei einem unschätzbaren Gegenstand eines Preises zu erwähnen getraue.

Ich schließe diesen Brief mit der freudigen Empfindung, daß Vorfälle, die sonst manches Unangenehme haben, mir Gelegenheit geben, ungeheuchelte Gesinnungen, die ich so lange hege, Denenselben aufrichtig darzubringen; der ich mich in Hoffnung künftig fortzusetzender Verhältnisse die Ehre habe zu unterzeichnen

Euer Hochwohlgeboren

ganz gehorsamster Diener

J. W. v. Goethe.

* An Johannes von Müller, 5.11.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 339 f., Nr. 4750):

Jena, den 5. November 1803

Herr Falk, der mir so viel Gutes und Freundliches von Ihnen mitgetheilt hat, wird gegenwärtiges Blättchen einlegen. Sie erlauben, daß ich mich einer fremden Hand bediene; auf diese Weise unterhalte ich mich freier und öfter mit Freunden, da ich der Feder fast ganz entwohnt bin.

Ihren empfohlnen Schweden habe ich freundlichst aufgenommen und konnte ihn um so besser nach Göttingen befördern, als Professor Sartorius eben in meinem Hause wohnte und ihm mit Vergnügen einige Adressen dorthin gab. Auch in der Zukunft soll mir jeder, der einen Brief oder eine Karte von Ihnen bringt, sehr willkommen sein, und ich werde ihn gern, so weit meine Bekanntschaft reicht, weiter leiten.

Ihr früher Antheil an unserm litterarischen Institut war ein glückliches Omen; es haben sich viele und wackre Männer für uns erklärt, und wir dürfen das Beste hoffen. Mit welchem Verlangen erwarte ich Ihre erste Sendung, und mit welchem Vertrauen Alles, was Sie uns aus dem weiten Kreise Ihrer mannigfaltigen Kräfte, Thätigkeiten und Verhältnisse zusichern; so wie ich sehr gespannt bin, was für einen Weg der Bildung der Süd-Ost nimmt? Möchte es doch nicht auch der tumultuarische seyn, den jede retardirte Cultur, leider, ergreifen muß.

Die Herren Schiller, Sartorius, Eichstädt grüßen zum besten; und ich empfehle mich zu fortdauernder Neigung.

Goethe.

* An Johannes von Müller, 22.1.1804 (WA IV, Bd. 17, S. 24, Nr. 4819):

Herzlich willkommen, fürtrefflicher Mann! Eine kleine Unpäßlichkeit hält mich zu Hause. Jeden Augenblick wird mich Ihre Gegenwart erfreuen.

Daß wir aber methodisch verfahren; so bitte abzuwarten, ob Sie nach Hofe geladen werden, welches vermuthe; sonst sollen Sie mir heut am kleinen Familientische willkommen seyn.

Gehn Sie aber nach Hofe, so würde ich Sie mit Vergnügen, vor zwölfen, oder nach Tafel gegen fünf Uhr sehen, wenn Sie dort loskommen. Mögen Sie einen Theil des Abends bey mir zubringen; so finden Sie junge Leute und Musik und einen wahrhaft ergebnen

W. d. 22. Jan. 1804.

Goethe.

* An Johannes von Müller, 25.1.1805 (WA IV, Bd. 17, S. 249 ff., Nr. 5020):

Verzeihen Sie, verehrter Freund, wenn ich mich zu meinem Schreiben einer fremden Hand bediene; ich komme sonst besonders in dieser traurigen Jahrszeit nicht leicht zu dem Entschluß mich mit meinen lieben Abwesenden zu unterhalten.

Zuvörderst also nehmen sie meinen besten Dank, daß Sie bey so großer und wichtiger Veränderung Ihres Zustandes nicht nur den Gesinnungen nach der unsre geblieben sind, woran ich niemals gezweifelt habe, sondern auch thätig bey einem Institut fortwirken wollen, das Sie unter seine würdigsten Stifter zählt. Nehmen Sie Dank für die Zusicherung, daß Sie auch dieses Jahr im Geiste und mit der That sich zu uns halten werden. Leichter wird auf diese Weise manches Beschwerliche und Unangenehme zu überwinden seyn.

Daß bey einer neu eintretenden Jahres-Epoche die Mißwollenden ihr ganzes Klatschtalent aufbieten würden, um den Fortgang einer Anstalt, deren Möglichkeit Sie zuerst läugneten, verdächtig zu machen, war vorauszusehn und es wird nicht das letztemal seyn, und hier bleibt auch wieder das Beste sie durch die Thaten zu beschämen. Der Jenner wird nächstens seine Gaben complet über das Publicum verbreiten, und ich denke, man soll ihn nicht karger finden, als seine zwölf ältern Brüder.

Übrigens wird Herr Hofrath Eichstädt wohl schon einiges über die Verhältnisse gemeldet haben und auch ich, der ich den literarischen sowohl als ökonomischen Zustand der Anstalt ziemlich kenne, kann Sie als einen freundschaftlichen Theilnehmer versichern, daß das Ganze von keiner Seite auch nicht die mindeste Gefahr läuft.

Dürfen wir denn wohl gegen das Frühjahr hoffen Sie bey uns zu sehen? Wir haben jetzt eine schöne junge Heilige bey uns, zu der es wohl zu wallfahrten der Mühe werth ist. Besonders wünschte ich, daß Sie, mein verehrter, unsre Erbprinzen sähen, da Sie eine so große und weite Welt kennen und in jedem Sinn das Seltene besser zu schätzen wissen, als mancher andere.

Mögen Sie mir wohl gelegentlich ein Wort sagen, wie es Ihnen geht und mit was Sie sich vorzüglich beschäftigen? Was mich betrifft, ich habe diesen Winter zwar nicht viel gethan, doch einiges zu Stande gebracht, was Ihnen Ostern vielleicht einige Unterhaltung gewährt.

Sehen Sie manchmal Herr Tralles? Wie geht es dem guten Mann, dem ich empfohlen zu seyn wünsche, wie auch Herrn Fichte, von dessen didaktischer Thätigkeit mir manches Gute zugekommen ist.

Herr Zelter ist gewiß auch unter denen, die Sie kennen und schätzen. Wohl wünschte ich Sie zusammen einmal in Berlin zu besuchen, wenn nur an einer solchen Expeditionen nicht andre Abenteuer hingen, die ich zu bestehen nicht den Muth habe.

Schiller grüßt. Er ist diesen Winter nicht ganz wohl, doch immer auf eine oder die andre Weise thätig. Auch Ihr Landsmann Meyer, der immer geschäftig ist, wünscht Ihnen empfohlen zu seyn.

Frau von Stael ist in Italien. Ob ihre passionirte Formlosigkeit durch diesen Aufenthalt etwas bestimmter werden, ob sie mehr Neigung zu den Künsten bey ihrer Rückkehr haben wird, muß die Zeit lehren. Marmontels Memoires haben Ihnen doch auch wohl Freude gemacht. Das herzlichste Lebewohl.

W. d. 25. Jan. 1805.

Goethe.

* An Johannes von Müller, 1.1.1806 (WA IV, Bd. 19, S. 91, Nr. 5162):

Sie haben mir, verehrter Mann, im vergangnen Jahre soviel Gutes erzeigt, durch Ihre Schweizergeschichte, Ihren Cid, durch Anzeigen und Urtheile und ich war Ihnen indessen still und stumm; ich habe viel verlohren; oft war ich kranck und stumpf und habe viel gelitten. Nun soll aber ein heitrer Neujahrsmorgen Ihnen die ausdrückliche Versicherung meiner fortdaurenden Anhänglichkeit, meines unzerstörlichen Antheils an allem was Sie leisten, was Ihnen begegnet, mit den lebhaftesten Wünschen hinüber senden. Gewiß Ihrer freundlichen Theilnahme an meinem

Weben und Wesen.

* An Johannes von Müller, 17.4.1807 (WA IV, Bd. 19, S. 307 f., Nr. 5348):

Weimar den 17. April 1807.

Wenn Ihnen, verehrter Freund, die Übersetzung Ihrer trefflichen Arbeit einiges Vergnügen machte, wenn sie Ihnen sogar gewisser Umstände wegen erwünscht ans Licht trat; so ist mein Zweck vollkommen erreicht. Ich übernahm die Arbeit, weil sie mir Vergnügen machte; ich ließ sie schnell abdrucken, um einem Vorurtheil entgegen zu arbeiten, das sich zu verbreiten schien und schon manchen ergriff, der das Werk nicht mit Augen gesehen hatte. Schon sehe ich in meinem Kreise die besten Wirkungen und schon mehrere Personen haben mir versichert, daß es ihnen unbegreiflich sey, daß man in solchen Äußerungen etwas Tadelnswerthes habe finden können. Sie können denken, wie sehr mich dieses freut, da Sie meiner unwandelbaren Freundschaft versichert sind. Lassen Sie ja nicht ab, nach Ihrer Überzeugung zu handeln und zu schreiben; besonders legen Sie von Zeit zu Zeit, wie bisher, in unserer Literaturzeitung Ihre Gesinnung aufrichtig nieder. Man wirkt und nutzt im Sturme muthig fort; es kommt eine Zeit, wo der Parteygeist die Welt auf eine andre Weise spaltet und uns in Ruhe läßt.

Beygehendes empfangen Sie mit Nachricht. Es mußte leider aus dem Stegreife gefertigt werden. In der Folge läßt sichs extendiren und besser machen.

Tausend Lebewohl.

G.

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13. Niebuhr, Barthold Georg:

Überblick:

Goethe an Niebuhr:

27.11.-17.12.1811 (WA IV, Bd. 22, S. 214 ff., Nr. 6228)

23.11.1812 (WA IV, Bd. 23, S. 161 ff., Nr. 6430)

17.4.1816 (WA IV, Bd. 26, S. 345 ff., Nr. 7381)

4.-15.4.1827 (WA IV, Bd. 42, S. 138 ff., Nr. 42119)

* An Barthold Georg Niebuhr, 27.11.-17.12.1811 (WA IV, Bd. 22, S. 214 ff., Nr. 6228):

Wenn ich manchmal durch Verspätung meiner Antwort mich an Freunden und Wohlwollenden versündige, so will ich dießmal lieber etwas voreilig seyn und ehe ich noch Ihr Werk erhalten habe, Ew. Wohlgebornen für die Freude danken, die sie mir durch Ihre Zuschrift gemacht haben. Sie führen einen Namen den ich von Jugend auf verehren lernte, und von Ihnen selbst haben mir manche Freunde soviel Liebes Gutes und Vorzügliches erzählt daß ich sie schon näher zu kennen glaube und aufrichtig versichern kann, daß ich recht sehr wünschte Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.

Indessen soll das Werk das Sie mir ankündigen, mir eine sehr angenehme und belehrende Unterhaltung seyn: denn was kann uns reizender dünken als eine so oft und viel durchgearbeitete Materie abermals aus neuen Gesichtspuncten dargestellt zu sehen, und durch neue Untersuchungen gleichsam wiedergeboren zu finden. Je weniger es mir in meinem Leben vergönnt gewesen, Gegenstände die mich so sehr interessiren, selbst zu bearbeiten, desto mehr weiß ich diejenigen zu schätzen welche dergleichen zu unternehmen das Talent und die Beharrlichkeit haben.

Ich wünsche, daß sie diesen vorläufigen Dank freundlich aufnehmen und mir ein geneigtes Andenken erhalten.

Jena den 27. November 1811.

Goethe.

Vorstehendes nahm ich mit von Jena nach Weimar, wo ich Ihr vortreffliches Werk vorfand und gleich zu lesen anfing. Nun bin ich am Ende desselben und möchte, ehe ich wieder von vorn anfange (welches höchst nöthig ist, um es zu verstehen und zu benutzen) nicht blos einen allgemeinen und gefühlten, auch einen besondern und motivirten Dank abstatten. Bis mir aber dieses gelänge, möchte wohl eine gute Zeit vorbeystreichen, und bey dem besten Willen dieses Blatt noch länger verspätet werden. Erlauben Sie mir also nur soviel zu sagen, daß ich mich in die Zeit versetzt fühlte, wo ich in Rom selbst, bey hundert Anlässen, auf die Nothwendigkeit solcher Untersuchungen hingewiesen wurde, allein bey jedem Schritte sowohl meine eigene als Anderer Unzulänglichkeit gar bald gewahr wurde. Da ich nun seit jener langen Zeit her meine Aufmerksamkeit auf diese Gegenstände zu wenden fortgefahren, so kommt Ihr Werk mir höchst erwünscht, das so viele Räthsel auf einmal lös't.

Der vor-römische Zustand Italiens wird uns nun anschaulich, und die mehreren gleichsam übereinander geschobenen Schichten von Völkern ihrer Folge nach deutlich. Die Sonderung von Dichtung und Geschichte ist unschätzbar, indem keine von beyden dadurch zerstört, ja vielmehr jede erst recht in ihrem Werth und Würde bestätigt wird; sowie es unendlich interessant ist zu sehen, wie sie beyde wieder zusammenfließen und wechselseitig auf einander wirken. Möchten doch alle ähnlichen Erscheinungen der Weltbegebenheiten auf diese Weise behandelt werden.

Bedarf es wohl vieler Worte, um zu versichern, daß mir die Entwicklung der Staats- und Finanzverhältnisse, des Verhältnisses zu Griechenland, die misliche Lage Roms nach Vertreibung der Könige, genug Alles und Jedes höchst belehrend geworden ist. Wollte ich ins Besondere gehen, und die Darstellung des Ankus Martius, die Enthüllung der Sibyllinischen Bücher erwähnen, von den Poemen Lukretia und Coriolan auch besonders sprechen, so würde ich ein Buch über das Buch zu schreiben haben, und diese Blätter niemals auf die Post gelangen. Seyn Sie überzeugt, daß Sie mir ein großes Geschenk gemacht haben, wofür ich Zeitlebens dankbar, die Fortsetzung sehnlichst erwarte und um mich derselben würdig zu machen, den ersten Band aufs fleißigste studire und mir zueigne.

Mögen Sie beyliegendem Blättchen einige Aufmerksamkeit gönnen und besonders mir von der Hand Ihres verehrten Herrn Vaters etwas zukommen lassen! Mich nochmals bestens Ihrem geneigten Andenken und Ihrer freundlichen Theilnahme empfehlend

Weimar den 17. December 1811.

Goethe.

* An Barthold Georg Niebuhr, 23.11.1812 (WA IV, Bd. 23, S. 161 ff., Nr. 6430):

Als ich Ihren liebwerthen Brief in Carlsbad erhielt, wünschte ich mir nichts mehr, als daß auch Ihr zweyter Theil zugleich mit angekommen wäre: denn dort ist mir erlaubt, eine Folge von Tagen auf Einen Gegenstand zu verwenden; und welcher verdiente es mehr als Ihr Werk? Nun bin ich schon wieder acht Wochen in Weimar, drey in Jena und hatte selten das Glück, wenige Stunden hinter einander meine Gedanken auf einen Punct zu richten. Auch gegenwärtig erlange ich nur durch einen Anlauf, durch eine eigne Resolution, daß ich mich mit Ihnen unterhalten kann.

Mein Interesse an Ihren Bemühungen ist immer dasselbe und es ist immer im Wachsen. Lassen Sie mich das Allgemeine statt des Besonderen aussprechen! Das Vorübergegangene kann unserm innern Aug und Sinn als gegenwärtig erscheinen durch gleichzeitige schriftliche Monumente, Annalen, Chroniken, Documente, Memoires, und wie das alles heißen mag. Sie überliefern ein Unmittelbares, das uns, so wie es ist, entzückt, daß wir aber auch wohl wieder, um andrer willen, aus hunderterley Trieben und Absichten vermitteln möchten. Wir thun's, wir verarbeiten das Gegebene, und wie? als Poeten, als Rhetoren! Das ist von jeher geschehn, und diese Behandlungsarten äußern große Wirkung; sie bemächtigen sich der Einbildungskraft, des Gefühls, sie füllen das Gemüth aus, bestärken den Charakter und erregen die That. Es ist eine zweyte Welt, welche die erste verschlungen hat. Denke man sich nun die Empfindungen der Menschen, wenn diese Welt zerstört wird und jene nicht dem Anschauen vollkommen entgegentritt.

Höchst erwünscht ist jedem, der zu dem Uranschauen zurückkehren möchte, die Kritik, die alles Secundäre zerschlägt und das Ursprüngliche, wenn sie es nicht wieder herstellen kann, wenigstens in Bruchstücken ordnet und den Zusammenhang ahnden läßt. Aber das wollen die Lebe-Menschen nicht, und mit Recht.

Lassen Sie mich hier eine Kluft überspringen! Hätten wir zusammengelebt, hätte ich das Glück gehabt, von Ihren Untersuchungen seit Jahren unterrichtet zu seyn, so würde ich Ihnen gerathen haben, nach Weise des edlen und lieben St. Croix, Ihre Schrift zu betiteln:

Kritik der Schriftsteller, welche uns die römische Geschichte überlieferten. Für mich aber ist das Buch, und, wie Sie wissen, sind die Titel eine moderne Erfindung. Nehmen Sie also meine Freude, daß Sie in allen Hauptpuncten, was Welt und Völker betrifft, meines Sinnes sind, nehmen Sie meinen Dank, daß Sie mir die römische Geschichte wieder genießbar gemacht haben, indem Sie Sich zur Pflicht machen, die stationairen und retrogaden Epochen derselben in's vollste Licht zu setzen. Denn welcher geistreiche Mensch wird leugnen, daß es ihn in seiner Vorstellung genirt habe, wenn eine solche hundertfache Ilias und so unendliche herrliche Helden, die viertausend Fabier mit eingeschlossen, nichts weiter in vierhundert Jahren zu Stande gebracht, als daß die Stadt, der Staat, der eben erst, nach unendlichen Bemühungen, mit den Philistern von Veji fertig geworden, auf die allerkleinstädtischeste Weise am Allia zu Grunde geht, so daß sie ganz wieder von vorne anfangen müssen.

Sieht man nun aber die Sache recht klar und deutlich nach Ihrer Darstellung, so gereicht dieß jenem Volke keineswegs zur Schmach, sondern zur Ehre. - Ich muß zu einem andern Puncte überspringen.

Sie geben den Aristokraten die ganze Schuld des Krebsganges, Sie nehmen Sich der plebs an, und das ist ganz recht und dem unparteiischen Forscher erlaubt zu einer Zeit, wo weder die eine noch die andre mehr existirt.

Noch ein Allgemeines, damit ich nur zu Ende komme! Jeder anfangende Staat ist aristokratisch; er kann sich nur erweitern durch die Menge, die man abhält und niederhält, bis sie sich in gleiche Rechte setzt; und von dem Augenblicke an wird die Monarchie verlangt, die denn auch nicht fehlen kann, und von da aus kann sich's auf mancherley Weise wieder zurück und vorwärts wälzen. Denn alle drey Zustände (Zustand ist ein albernes Wort; weil nichts steht und alles beweglich ist) alle drey Verhältnisse leiden eben an dem Beweglichen, welchem das Rechte und Große, wie das Schlechte und Lose, zum Spiele dient, damit ja alles geschehe.

Auf die Weise wie vorsteht (ich sehe nur einen Augenblick zurück), wenn sie gleich etwas wunderlich ist, hoffe ich doch, Sie zu überzeugen, daß man nicht einen innigern Antheil nehmen kann an Ihren Arbeiten, selbst in's besonderste. Ihren beyde Bände, und so der dritte, so die folgenden, werden mich stehts begleiten, wohin mich auch mein bewegliches Jahr führt, und weder Sie noch ich können voraussehn, was ich Ihnen alles verdanke; das Tüchtig-Regsame ist ganz allein wohlthätig! -

Berg und Thal kommen nicht zusammen aber wohl die wandelnden Menschen! und warum sollte ich nicht hoffen dürfen, Ihnen irgendwo zu begegnen? Lassen Sie mich diesem Blatte, wie ich so gern einem jeden, das von mir ausgeht, thun möchte, die clausulam salutarem hinzufügen: daß es Ihnen wo nicht einsichtig und zulänglich, doch herzlich und wohlgemeynt erscheinen möge.

Mit herzlichen Wünschen!

Goethe.

Jena den 23. November 1812.

* An Barthold Georg Niebuhr, 17.4.1816 (WA IV, Bd. 26, S. 345 ff., Nr. 7381):

Ew. Wohlgeboren

haben durch Ihr gefälliges Schreiben mir ein großes Vergnügen gemach, und mich aus einer peinlichen Ungewißheit gerissen. Es war über Ihre Sendung und besonders auch über Ihre Abreise so mancherley Rede, daß ich beynahe befürchten mußte, Sie seyen schon über die Alpen und ich würde das erwünschte Glück nicht genießen, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und ein lebhafteres Verhältniß für die Zukunft anzuknüpfen. Nun aber vermelde ich mit desto mehr Zufriedenheit, daß Dieselben mich bis zu Johanni entweder hier oder in Jena treffen werden, welches mir die angenehmste Aussicht giebt. Ich bereite mich indessen mit meinem Freunde Meyer, welcher sich zum allerbesten empfiehlt, Sie um manches zu ersuchen, Sie auf manche strittige Puncte aufmerksam zu machen und um gefällige Beachtung derselben zu bitten, damit auch wir unmittelbar theilhaft werden der gewiß herrlichen Wirkung Ihres Aufenthaltes in Italien. Auch kann nichts erwünschter seyn, als wenn Sie in der Folge uns von dorther mit Nachrichten und gefälligen Sendungen erfreuen wollen, dagegen wir ja wohl auch mit nördlichen Erzeugnissen gelegentlich aufwarten.

Den Julius Fronto kenne ich aus dem Eichstädtischen Programme und bin mit Ew. Wohlgeb. völlig der Meinung, daß es ein unschätzbares Document sey, wie ein jedes Bedeutende was irgend eine Stelle in der Kunstgeschichte einnimmt. Wenn ich denke, daß man von den frühesten Zeiten her bis auf die neusten eine Reihe geprägten Metalls zusammenlegen kann, wovon jedes seine Zeit und sein Land ausspricht, so wird man einen jeden Kupferpfennig zu schätzen wissen.

Das wichtige Werk des Quatremère de Quincy, das den Olympischen Jupiter an der Stirne führt, wird Ew. Wohlgeb. auch zu Handen gekommen seyn. Die Weimarischen Kunstfreunde haben sich auch seit vielen Jahren zu solchen Restaurationen bemüht. Der Thron des Amykläischen Apolls, die Ruh des Myrons, der Rogus des Hephästion, der Leichenwagen Alexanders, die Gemälde des Philostrats, und was sonst nicht alles, hat unsere Thätigkeit erregt und viele Vor- und Halbarbeiten liegen da. Desto angenehmer ist es nun, die Bemühungen der Franzosen zu beachten und zu beurtheilen und wieder neue Anregung auf dieser Bahn zu erleben.

Ew. Wohlgeb. Aufenthalt in Italien verspricht uns eine schöne Jahrszeit für alles was für Kunst und Wissenschaft erfreulich ist. Sie werden, mit entschiedener Einsicht, dasjenige in voller Maaße genießen, woran wir andern uns nur, als mehr oder weniger zweifelhaften Mustern, mit peinlichem Vergnügen zu bilden suchten.

Übrigens wünschen wir nichts mehr als Ihnen, in der schönen Jahreszeit, was unsere Gegend an Natur und Kunst Günstiges besitzt, vorzuzeigen, und eine geneigte Rückerinnerung bey Ihnen zu erregen.

Der ich mit empfundenster Hochachtung mich zu unterzeichnen die Ehre habe

ergebenst

Weimar den 27. Apr. 1816. Goethe.

* An Berthold [sic] Georg Niebuhr, 4.-15.4.1827 (WA IV, Bd. 42, S. 138 ff., Nr. 42119):

Römische Geschichte von Niebuhr.

Es möchte anmaßend scheinen, wenn ich auszusprechen wage, daß ich dieses wichtige Werk in wenigen Tagen, Abenden und Nächten von Anfang bis zu Ende durchlas und daraus abermals den größten Vortheil zog; doch wird sich diese meine Behauptung erklären lassen und einiges Zutrauen verdienen, wenn ich zugleich versichere daß ich schon der ersten Ausgabe die größte Aufmerksamkeit gewidmet, und sowohl dem Inhalt als dem Sinne nach an diesem Werke mich zu erbauen getrachtet hatte.

Wenn man Zeuge ist wie in einem so hellen Jahrhunderte doch in manchen Fächern die Kritik ermangelt, so erfreut man sich an einem Musterbilde, das uns vor das Auge gestellt zu begreifen gibt, was Kritik denn eigentlich sey.

Und wenn der Redner dreymal betheuern muß, daß Anfang, Mittel und Ende seiner Kunst durchaus Verstellung sey, so werden wir an diesem Werke gewahr, daß Wahrheitsliebe, lebendig und wirksam, den Verfasser durch dieses Labyrinth begleitet habe. Er setzt seine frühern Behauptungen eigentlich nicht fort, sondern er verfährt nur auf dieselbige Weise wie gegen alte Schriftsteller so auch gegen sich selbst und gewinnt der Wahrheit einen doppelten Triumph. Denn dieß Herrliche hat sie, wo sie auch erscheine, daß sie uns Blick und Brust öffnet und uns ermuthiget, auch in dem Felde wo wir zu wirken haben auf gleiche Weise umher zu schauen und zu erneutem Glauben frischen Athem zu schöpfen.

Daß mir nach einen eiligen Lesen manches im Einzelnen nachzuholen bleibe, sey denn aufrichtig gestanden; aber ich sehe voraus daß der hohe Sinn des Ganzen sich mir immer kräftiger entwickeln wird.

Indessen ist mir zu einiger froher Aufmunterung schon genug geworden, und ich vermag auf's neue mich eines jeden redlichen Strebens aufrichtig zu erfreuen und mich gegentheils über die in den Wissenschaften obwaltenden Irrungen und Irrthümer, besonders über consequente Fortführung des Falschen, so wie des durch schleichende Paralogismen entstellten Wahrhaften, zwar nicht eigentlich zu ärgern, aber doch mit einem gewissen Unwillen gegen jeden Obskurantismus zu verfahren, der leider nach Beschaffenheit der Individuen seine Maske wechselt und durch Schleyer mancherlei Art selbst gesunden Blicken den reinen Tag und die Fruchtbarkeit des Wahren zu verkümmern beschäftigt ist.

Vorstehendes liegt schon seit dem 8. Februar unter manchen andern stockenden Blättern; es war kein Gebrauch davon zu machen, denn es sagt von dem Buche das mich zu dieser Äußerung veranlaßte eigentlich gar nichts; sondern es drückt nur den damaligen Zustand meines Geistes und Gemüthes leidenschaftlich aus. Doch entschließ ich mich gegenwärtig, da ich dem verehrten Verfasser jenes Werkes von meiner Seite eine kleine Zusendung veranstalte, davon eine Abschrift vertraulich mitzutheilen; denn es kann ihm doch von Bedeutung seyn, zu sehen wie seine eigensten Bemühungen in's Allgemeine wirken, und indem sie unterrichten, auch zugleich, als herrlichste Wirkung, den Glauben an Wahrheit und Einfalt beleben und ermuthigen.

Weimar den 4. April 1827.

Dieses Blatt sollte das neuste Heft von Kunst und Alterthum begleiten; da aber desselben Abschluß zögert, so möge es hiedurch angekündigt und ich selbst zu fernerem wohlwollenden Andenken empfohlen seyn.

treu theilnehmend

Weimar den 15. April 1827. J. W. v. Goethe.

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14. Parthey, Gustav Friedrich Constantin:

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Goethe an Parthey:

25.8.1827 (WA IV, Bd. 43, S. 39, Nr. 43032)

* An Gustav Friedrich Constantin Parthey, 25.8.1827 (WA IV, Bd. 43, S. 39, Nr. 43032):

Wollten Sie, mein Theurer, heute und die übrige Zeit Ihres Hierseyns an unserm Familientische Platz nehmen; so sind Sie herzlich eingeladen.

W. d. 25. Aug. 1827. G.

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15. Radowitz, Joseph Maria Ernst Christian Wilhelm von:

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Goethe an Radowitz:

22.[-23.]4.1831 (WA IV, Bd. 48, S. 183 f., Nr. 48173)

* An Joseph Maria Ernst Christian Wilhelm von Radowitz, 22.[-23.]4.1831 (WA IV, Bd. 48, S. 183 f., Nr. 48173; vgl. dazu S. 181 ff., Nr. 48172):

Ew. Hochwohlgeboren

haben die Geneigtheit gehabt mir eine sehr angenehme Sendung von Herrn Baron v. Reutern zu überschicken. Sie enthielt ein höchst bedeutendes Blatt, auf welchem er, zwischen den allerliebenswürdigsten und ausführlichsten bildlichen Darstellungen, einen leeren Raum gelassen, worin er einige Freundesworte von mir zu sehen schon früher verlangt hatte; welchen Wunsch er nunmehr wiederholte.

Wie es damit ergangen, spricht beyfolgender Brief umständlicher aus, welchen ich offen zusende, damit Ew. Hochwohlgeboren näher unterrichtet werden von dem, was eigentlich vorgegangen.

Hiezu füge nun die geziemende Anfrage: ob Dieselben mir erlauben, gedachte Kiste wieder, wohl eingepackt, an Sie zurück zu schicken? da Ihnen wohl eher wie mir der Aufenthalt des Freundes bekannt seyn möchte, so wie Sie auch die schickliche Gelegenheit einer Absendung am besten beurtheilen werden.

Der ich mit Vergnügen den Anlaß ergreife, meine vorzüglichste Hochachtung auszusprechen und mich dankbar für übernommene Bemühungen zu unterzeichnen.

Ew. Hochwohlgeb.

gehorsamster Diener

Weimar den 22. April 1831. J. W. v. Goethe.

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16. Rühle v. Lilienstern, Johann Jacob Otto August:

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Goethe an Rühle v. Lilienstern:

20.9.1808 (WA IV, Bd. 30, S. 115 f., Nr. 5599a)

17.[-14.]8.1827 (WA IV, Bd. 43, S. 11 ff., Nr. 43007)

Rühle v. Lilienstern an Goethe:

12.11.1807 (RA Bd. 5, S. 272, Nr. 766)

29.8.1808 (RA Bd. 5, S. 341, Nr. 957)

* An Johann Jacob Otto August Rühle von Lilienstern, 20.9.1808 (WA IV, Bd. 30, S. 115 f., Nr. 5599a):

Ew. Hochwohlgeboren

danke ich zum allerbesten für das übersendete Werk, von dem ich mir viel Unterhaltung und Belehrung verspreche. Daß Sie das Wort Mathematik im ausgedehntesten Sinne brauchen, giebt mir keinen Anstoß. Um jedoch die Sache einigermaßen in's Gleichgewicht zu bringen, hoffe ich, es werde nächstens Jemand aufstehen und versichern, daß mit der Poesie alles in der Welt zu thun sey, und daß sich besonders die Planeten und Cometenbahnen am allerbequemsten durch die Ode darstellen lassen. Sobald dieses einmal recht ausgeführt ist, so werden wir uns hoffentlich völlig verstehen.

Durchlaucht dem Prinzen Bernhard bitte mich zu Gnade zu empfehlen und von der vorzüglichsten Hochachtung überzeugt zu sein, mit der ich mich zu unterzeichnen die Ehre habe.

Ew. Hochwohlgeboren

ganz gehorsamster Diener

Weimar den 20. September 1808. J. W. v. Goethe.

* An Johann Jacob Otto August Rühle von Lilienstern, 12.[-14.]8.1827 (WA IV, Bd. 43, S. 11 ff., Nr. 43007):

[Concept.]

Wenn in so vielen Fächern, besonders im geschichtlichen, die Materialien sich anhäufen, auch dieselben zu überschauen und zu ordnen sich einzelne glückliche Ansichten hervorthun, so bleibt doch beides dem Freunde des Wissens und der Wissenschaft, besonders in höheren Jahren, nicht immer zugänglich. Großer Dank gebührt daher dem Zusammenfassenden und Zurechtstellenden, und diesen habe ich gegenwärtig Ew. Hochwohlgeboren abzutragen.

Durch das mir geneigt übersendete Werk, so Text als Tafeln, gelange ich erst zur Einsicht in die Schwierigkeiten, welche mich bisher von der Theilnahme am ägyptischen Alterthum abhielten. Ich erfreue mich, nun aufmerksamer geworden zu seyn auf die für die Geschichte so nöthige Landesabtheilung, auf gleichzeitige Ereignisse so wie auf vor- und nachzeitige, auf innere schaffende und zerstörende Begebenheiten, auf Wirkungen nach außen und von außen her. Dieses alles durch einen klaren Vortrag erlangt zu haben, ist mir besonders dankenswerth, da weder Kunst noch Natur mich eine lange Reihe von Jahren her sonderlich veranlaßten, meine Aufmerksamkeit nach Ägypten zu wenden, einem allzuernsten Lande, welches die wunderlichsten Bild- und Schriftzüge für ewig zu versiegeln schienen.

Nach dem Bewußtseyn eines mühseligen Studiums werden Sie selbst am besten zu schätzen wissen, welche Erleichterung wir Ihnen schuldig geworden; sie wird um so bedeutender, als die Fortwirkung von dorther und dahin uns immer einzeln wieder einmal in der Weltgeschichte beunruhigte und die Kenntniß des Zusammenhangs wünschenswerth machte dessen, was wir nur gelegentlich erfuhren.

Ich müßte mich weiter als billig ausbreiten, wenn ich fortfahren wollte, im Besondern anzuerkennen, wie sehr ich Ihrer Arbeit im Allgemeinen Kenntniß und Übersicht schuldig geworden. Sie haben, ich darf es wohl gestehen, meine Abneigung gegen jenes wüste Todtenreich wo nicht besiegt, doch gemildert; ich mag an Ihrer Hand gern durch jene gränzenlose Trümmer gehn, welche wieder herzustellen die mächtigst wirkende Einbildungskraft zu schwach seyn möchte. Ich erfreue mich, daß Sie meiner sich wieder erinnern und sich überzeugen wollen, daß ich auch an diese Fortschritten unsrer Zeit den freudigsten Antheil nehme.

d. 12. Aug. 1827.

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17. Savigny, Friedrich Carl von:

Überblick:

Goethe an Savigny:

21.10.1831 (WA IV, Bd. 49, S. 120 ff., Nr. 49088)

* An Friedrich Carl von Savigny, 21.10.1831 (WA IV, Bd. 49, S. 120 ff., Nr. 49088):

Wenn unsre theure Freundin gute Eindrücke von dem kurzen Aufenthalt bey uns mitgenommen, so können wir versichern, daß sie uns deren vielfach zurückgelassen hat. Mir war es höchst erfreulich und tröstlich, ein mehrjährig-geprüftes Wohlwollen in gleichem Sinn und Ausdruck mir zueignen zu können. Lassen Sie uns immer bey Ihnen und in Ihrem lieben Kreise in freundlichem Andenken fortleben.

Mit meinem Bezug zu Niebuhrs letzter Arbeit verhält es sich folgendermaßen: Den dritten Band seiner Römischen Geschichte erhielt ich glücklicher Weise zu einer Zeit, wo es von mir abhing, mir irgend ein Interesse zu wählen; ich ergab mich daher diesem Werke und zog nach meiner Art viel Vortheil und Auferbauung daraus. Was ich mir zu Nutze gemacht, war mir deutlich, was ich noch ferner zu nutzen wünsche, wohl ebenfalls, und da ich das Ganze als Conversation mit dem Verfasser gelesen und mir ihn möglichst zu vergegenwärtigen gesucht hatte, so wären meine ersten Äußerungen gegen ihn lebhaft und einem Dialog ähnlich geworden. Auch war schon alles mit Heiterkeit im Kopfe zurechte gerichtet, und ich freute mich auf eine unmittelbare Ausführung eines für mich so bedeutenden Geschäftes.

Nun aber versetze man sich in meinem Schmerz, als die unerwartete Nachricht seines Todes mich ereilte. Ich fand mich ganz ohne Hülfe, ohne Rettung; denn nur mit dem Autor selbst konnte ich auf diese Weise sprechen, es konnte kein Dritter seyn. Und wie sollte auch jemand zu eben derselben Zeit sich in das Buch dergestalt versenkt haben? Sogar wenn er auch wäre aufzufinden gewesen, so war es doch auch nur ein Leser wie ich, der, nach dem Maaße seiner Neigung und Erkenntniß, sich dasjenige zugeeignet hatte, was ihn am meisten ansprach. Ich versuchte daher auch nicht einmal eine Zeile auf's Papier zu bringen, verarbeitete das Gelesene eine Zeitlang in mir selbst. Doch fühlte ich bald, daß ich mich ablenken, mein Interesse nach einer andern Seite hinrichten müsse, um die schmerzlichen Gefühle nicht immerfort wieder aufzuregen. So ist denn, außer dem wirklichen Nutzen den ich aus dem Buche gezogen, alles weggeschwunden was durch Mittheilung und gegenseitige Theilnahme eigentlich erst ein anmuthiges Leben im Wissen bewirken sollte.

Diese weitläufige Darstellung nehmen Sie gewiß freundlich auf; sie hatte für mich etwas traulich Tröstliches, indem es mich zugleich schmerzt, nicht ein gründlicheres Zeugniß meiner Theilnahme an einem so nahverwandten Manne ablegen und, indem ich es zu so schönen Zwecken in Ihre Hände gab, auch Ihnen gefällig seyn und ein dauerndes bedeutendes Verhältniß bethätigen zu können.

Und so fortan!

Treulichst

Weimar den 21. October 1831. Goethe.

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18. Schleiermacher, Friedrich:

Überblick:

Goethe an Schleiermacher:

September oder Oktober 1803 (WA IV, Bd. 16, S. 313 f., Nr. 4732)

* An Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, September oder Oktober 1803 (WA IV, Bd. 16, S. 313 f., Nr. 4732):

[Concept.]

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gebracht hätte, gelegentlich, äußere; da ich selbst meine früheren Bemühungen, schon längst, aus mancherley Ursachen, zu unterbrechen genöthigt war. Ich darf einen solchen Wunsch um so mehr äußern, als sich gegenwärtig eine Gelegenheit findet mit Männern denen es Ernst um Wissenschaft ist, in ein näheres Verhältniß zu treten.

Die Versetzung des Herrn Hofrath Schütz nach Halle bringt eine Veränderung in der Redaction der jenaischen Litteraturzeitung hervor.

Eine Gesellschaft jenaischer und weimarischer Gelehrten haben sich vereinigt, um jenes Blatt mit allem Ernst fortzusetzen, oder vielmehr zu erneuern, sie laden daher würdige, deutsche Männer ein, sich mit ihnen zu verbinden, zu allem was die Wissenschaften wahrhaft fördern kann.

Möchten Ew. Hochwürden durch Nachrichten und Urtheile, oder auf irgend sonst eine Weise, Theil an diesem Institut nehmen; so würde die Gesellschaft sichs zur Ehre rechnen.

Ein scharfsinniger Mann, der originelle Blicke in viele Fächer hinwirft, findet, besonders in unserm Vaterlande, gar manches Hinderniß das ihm wenigstens die Freude der Mittheilung verdirbt; ein geistreicheres Ausland ist dagegen oft gerechter. Jede Gelegenheit zu Rectificationen und Recapitulationen kann daher erwünscht seyn.

Vielleicht interessirt Sie gegenwärtig irgend ein Buch, welches Sie anzeigen möchten, es sey einheimisch, oder gehöre unsern lebhaften Nachbarn an. Könnten wir wohl eine solche Recension vor Weihnachten erwarten?

Wüßten Sie übrigens noch einige ernstgesinnte deutsche Männer, deren Mitwirkung das Institut consolidiren dürfte; so bitte solche mir zu nennen und auf eine directe Einladung vorzubereiten.

Verzeihen Sie daß ich mich zu meinen Briefen einer fremden Hand bediene, da mir das eigenhändige Schreiben sehr beschwerlich und in einer gewissen Folge fast unmöglich wird.

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19. Sprengel, Kurt Polycarp Joachim:

Überblick:

Goethe an Sprengel:

September oder Oktober 1802 (WA IV, Bd. 16, S. 123, Nr. 4565)

26.3.1822 (WA IV, Bd. 35, S. 297 f., Nr. 35257)

10.4.1822 (WA IV, Bd. 36, S. 4 f., Nr. 36005)

15.[-18.]9.1824 (WA IV, Bd. 38, S. 246 f., Nr. 38208)

Sprengel an Goethe:

12.6.1804 (RA Bd. 4, S. 484, Nr. 1560)

7.8.1804 (RA Bd. 4, S. 507, Nr. 1634)

* An Kurt Polycarp Joachim Sprengel, September oder Oktober 1802 (WA IV, Bd. 16, S. 123, Nr. 4565):

[Concept.]

Die lehrreichen Stunden, welche Ew. Wohlgeb. mir gefällig gegönnt, sind mir dergestalt unvergeßlich geblieben, daß ich, bey meiner Rückkehr, öfters davon zu sprechen Gelegenheit genommen. Die Überbringer des gegenwärtigen, Schlosser, aus Frankfurt, die ich unter meine Anverwandten zähle, sind auch durch meine Relationen von dem Wunsche belebt wenigstens einiges von den schönen Entdeckungen zu sehen, mit denen Ew. Wohlgeb. das botanische Feld bereichern. Mögen Sie nach Ihrer Bequemlichkeit diesen jungen Leuten einiges vorzeigen; so werden Sie mich aufs Neue verbinden.

Auch wünschen diese Gäste das Meckelische Cabinet zu besuchen, wozu vielleicht Ew. Wohlgeb. die nächste Einleitung zu machen gefällig sind. Der ich mich zu geneigtem Andenken empfehle.

[Jena am 14. Oct. 1802]

* An Kurt Sprengel, 26.3.1822 (WA IV, Bd. 35, S. 297 f., Nr. 35257):

[Concept.]

Wohlgeborener

Insonders hochgeehrtester Herr!

Ihro Königliche Hoheit der Großherzog tragen mir auf, in Erwiderung Ew. Wohlgeboren Schreibens vom 18. März, zu versichern, daß die persönliche Bekanntschaft eines so verdienten Mannes gemacht zu haben Höchst Denenselben sehr angenehm gewesen; zugleich soll ich für das überreichte Werk und für die näheren Bestimmungen der Casuarinen in Belvedere den besten Dank zu sagen.

Was Ew. Wohlgeboren Wünsche [für] die Benutzung der hiesigen Bibliothek betrifft, so haben Höchst Dieselben mir den Auftrag gegeben, das Nähere zu vernehmen und die Mittheilung [betreffend] alle Gefälligkeit zu bezeigen. Wozu ich mich denn gern bekenne und das Weitere erwartend mich hochachtungsvoll unterzeichne.

Weimar den 26. März 1822.

* An Kurt Polycarp Joachim Sprengel, 10.4.1822 (WA IV, Bd. 36, S. 4 f., Nr. 36005):

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey das Verzeichniß der im Jahr 1821 der weimarischen Bibliothek einverleibten botanischen Werke; wollten Dieselben nunmehr bemerken, in welcher Zeitfolge solche gewünscht würden, so könnte man die Einleitung treffen, daß jedesmal eine proportionirte, irgend einen nicht allzu großen Kasten füllende Sendung überschickt würde, nach deren Rückkehr sodann eine fernere folgen könnte.

Wie es mir nun zu besonderem Vergnügen gereicht, Ew. Wohlgeboren in gegenwärtiger Angelegenheit gefällig zu seyn, so werden die Bibliotheks-Subalternen einige ihnen zugedachte Remuneration dankbar anerkennen.

Mit vorzüglicher Hochachtung mich unterzeichnend.

Weimar den 10. April 1822.

An Kurt Sprengel, 15.[-18.]9.1824 (WA IV, Bd. 38, S. 246 f., Nr. 38208):

Wohlgeborner

Insonders hochgeehrtester Herr!

Aus Ew. Wohlgeboren gefälligem Schreiben Dero würdige Absicht erfahrend, glaubte vorauszusehen, daß Ihro Königliche Hoheit die Widmung eines so bedeutenden Werkes nicht anders als angenehm seyn könne. Auch hat mich darauf sogleich ein höchster Wink in meiner Überzeugung bestätigt.

Nun erhält Ew. Wohlgeboren schönes Vorhaben noch dadurch eine größere Bedeutung, daß in diesem Jahreslauf unser Fürst sein funfzigjähriges Jubiläum feyert und Ihre Zuschrift daher zu einer so merkwürdigen Epoche gewiß willkommen sich einfinden wird, wozu ich den glücklichsten Erfolg in jedem Sinne zu wünschen habe.

Auch darf bey dieser Gelegenheit nicht übergangen werden, daß ich so eben eines höchst erwünschten Besuchs des Herrn v. Martius mich zu erfreuen gehabt und mich in der angenehmen Lage gesehen nicht nur von soviel bedeutenden Dingen aus einer fremden Welt unmittelbar die nächste Nachricht zu vernehmen, sondern mich zugleich von den werthesten einheimischen Mitarbeitern an der allgemeinen und besondern Naturkenntniß und ihren großen Verdiensten ausführlich zu unterhalten.

Mögen Ew. Wohlgeboren gleichmäßig ein geneigtes Andenken mir aufbewahren von meiner vorzüglichsten Hochachtung und Dankbarkeit für so mannichfache Belehrung überzeugt bleibend.

Der ich alles Ersprießliche wünschend die Ehre habe mich zu unterzeichnen

Ew. Wohlgeboren

ganz ergebenster Diener

Weimar den 15. September 1824. J. W. v. Goethe.

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20. Stein, Heinrich Friedrich Carl Reichsfrh. vom und zum:

Überblick:

Goethe an v. u. z. Stein:

10.8.1815 (WA IV, Bd. 26, S. 66 f., Nr. 7160)

Ende Sept. 1815 (WA IV, Bd. 26, S. 89, Nr. 7177)

1.6.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 37, Nr. 7409)

6.11.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 214 f., Nr. 7535)

* An Heinrich Friedrich Carl vom und zum Stein, 10.8.1815 (WA IV, Bd. 26, S. 66 f., Nr. 7160):

[Concept.]

[Wiesbaden, 10. August 1815.]

Da mir das Glück nicht geworden Ew. Excellenz am hiesigen Orte meine Verehrung zu bezeigen; so eile schriftlich für die genußvollen und lehrreichen Tage gehorsamst zu danken, deren Sie mich mit soviel Güte theilhaft gemacht. Ich finde mir eine neue Ansicht des Lebens und der Erkenntniß eröffnet, indem ich durch Dero Vertrauen hellere Blicke in die uns zunächst umgebende moralische und politische Welt richten, so wie eine freyere Übersicht über Fluß und Landgegenden gewinnen konnte.

Diese Erinnerung macht mich doppelt glücklich, wenn ich mir die Dauer dieser Gunst und eine Wiederholung so unschätzbarer Tage für die Zukunft versprechen darf. Hierzu kommt noch daß die schönen Stunden, die mir in Ihrer Nähe gegönnt waren, Vorboten eines höchst bedeutenden Ereignisses geworden, da bey meiner Zurückkunft das Commandeur-Kreuz des Kaiserlichen Leopolds-Orden [sic], nebst einem ehrenvollen Handschreiben des Fürsten von Metternich Erlaucht, durch die freundliche Hand des Herrn Baron von Hügel zu erhalten das Glück hatte. Zum erstenmal beklage ich die Gebrechen des Alters und die Abnahme der Kräfte, die mich außer Stand setzen, so viel aufgehäufte Gunst und Glück durch redliche Bemühungen wo nicht zu verdienen doch wenigstens mit geziemender Dankbarkeit zu erwidern.

Indessen verfehle ich nicht, die von Ew. Excellenz angeregte Betrachtung fortzusetzen, und dasjenige was ich bey näherer Prüfung den Umständen gemäß zu finden glaube niederzuschreiben, um es bald möglichst höherer Beurtheilung vorzulegen.

Sulpiz Boifferée, mit Zweck und Mitteln einverstanden, überliefert mir theilnehmend die genaueren Kenntniße zu einem solchen weitgreifenden Unternehmen.

Möge Dero Reise nach Paris nach Wünschen glücklich seyn und mitten unter der bedeutendsten Umgebung auch die Kunst und Alterthumstrümmer des südwestlichen Deutschland sich Ihrer fördernden Theilnahme erfreuen.

Mit angelegentlichster Bitte in dem schönen Kreise der Hochdieselben umgiebt, mein Andenken von Zeit zu Zeit gefällig walten zu lassen.

* An Heinrich Friedrich Carl vom und zum Stein, Ende Sept. 1815 (WA IV, Bd. 26, S. 89, Nr. 7177):

[Concept.]

[Heidelberg, Ende September 1815?]

Ew. Excellenz

mich schriftlich gehorsamst zu empfehlen ziehe einer schuldig persönlichen Aufwartung vor, weil es nicht immer gelingen will in Gegenwart des hochgeachteten Mannes auszudrücken was wir empfinden. Erlauben Sie mir daher unverhohlen zu sagen wie mein Danck für so viele unschätzbare Aufmercksamkeit, die Anerkennung der seltensten Eigenschaften, die Verehrung des geprüftesten Charackters nicht sowohl zugenommen, als vielmehr sich in sich selbst vervollständigt hat. Wenn nun alle meine Landsleute gleiche Gesinnungen hegen so ist in diesen bedencklichen Zeiten für sie eine große Beruhigung. Mögen Ew. Excell. uns sämtlich, wie wir sind und auch mich, wie ich mich aufrichtig dargebe, stets mit vielvermögender Theilnahme wie bisher beglücken!

* An Heinrich Friedrich Carl vom und zum Stein, 1.6.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 37, Nr. 7409):

[Concept.]

Ew. Excellenz

genehmigen die Sendung eines Heftes das Ihnen seine Entstehung verdankt. Der langsame Gang neuer Zeitereignisse entschuldigt die Verspätung dieser Blätter, welche zu früherer und rascherer Wirkung bestimmt waren. Und obgleich manches darin Gewünschte sich schon ereignet so bleibt doch noch gar vieles einer von glücklichen Umständen begünstigten Thätigkeit überlassen.

Vor einem Jahr um diese Zeit hatte ich das Glück mich schon in Ew. Excellenz Nähe zu befinden, wann es mir dieß Jahr werden möchte seh ich noch nicht ab. Erst nach wieder erlangter Friedensruhe fühlt man was während dem Kriegstaumel versäumt worden und findet sich in seinen Kreis gefesselt.

Von Zeit zu Zeit habe ich das Vergnügen zu erfahren daß Ew. Excellenz freundlichst meiner gedenken. Ich erkenn es dankbarlichst und bitte mich fortgesetzt mit Geneigtheit zu erfreuen.

Weimar d. 1. Juny 1816.

* An Heinrich Friedrich Carl vom und zum Stein, 6.11.1816 (WA IV, Bd. 27, S. 214 f., Nr. 7535):

[Concept.]

Hochwohlgeborner Freyherr,

Hochverehrter Herr!

Ew. Excellenz diesen Sommer nicht aufgewartet zu haben, ist mir ein wahres Herzeleid, wie sehr ich dagegen unsern Canzler von Müller beneidet habe, der mehrere Tage in Ihrer Nähe zubrachte, darf ich nicht betheuern. Ein Aufsatz den er mittheilte, Vorschläge zu einer großen deutschen Societät enthaltend, giebt mir Gelegenheit zu dem Gegenwärtigen, welches Ew. Excellenz geneigt aufnehmen mögen.

In dem Felde, welches durch die neue Gesellschaft angebaut werden soll, bin ich niemals einheimisch geworden; da ich jedoch als Wanderer und Gast mich öfters dort aufgehalten, so konnte ich mir allgemeine Übersicht erwerben, besonders auch Verhältnisse zu jüngern Männern anknüpfen, die sich diesem Fach ganz eigens widmen. Ich habe mir deswegen die Freyheit genommen, gedachten Aufsatz dem Bibliothekar Herrn Grimm, in Cassel, mitzutheilen, um ihn zur Theilnahme aufzumuntern. Was er dagegen sowohl offensibel als vertraulich äußert, lege in beykommenden Blättern vor. Möge das darin enthaltene Ew. Exzellenz Absicht einigermassen entsprechen, und mir auch in der Folge das Glück werden auf irgend eine Weise ein Unternehmen zu fördern, das einem Manne am Herzen liegt, an den ich mich nur mit verehrender

Dankbarkeit erinnern kann.

Mich zu fortdauerndem Wohlwollen angelegentlichst empfehlend.

Weimar d. 6. November 1816.

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21. Stein zum Altenstein, Carl Freiherr von:

Überblick:

Goethe an v. Stein zum Altenstein:

24.6.1826 (WA IV, Bd. 41, S. 69 f., Nr. 41056)

3.6.1826 (WA IV, Bd. 42, S. 207 f., Nr. 42180)

20.11.1828 (WA IV, Bd. 45, S. 64 f., Nr. 45052)

30.4.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 50 f., Nr. 47039)

22.1.1832 (WA IV, Bd. 49, S. 211 f., Nr. 49155)

* An den Freiherrn Carl von Stein zum Altenstein, 24.6.1826 (WA IV, Bd. 41, S. 69 f., Nr. 41056):

Hochwohlgeborner Freyherr,

hochzuverehrender Herr.

Ihro Königliche Hoheit, mein gnädigster Fürst, hätten mich mit keinem angenehmern Auftrag beehren können, als dem: Ew. Excellenz durch Gegenwärtiges zu benachrichtigen, daß die gewünschte Mittheilung des jenaischen Codex, ältere deutsche Gedichte enthaltend, keinen Anstand finde. Er ist auf höchsten Befehl sogleich herüber gebracht und sorgfältig eingepackt worden, kann auch, wenn nicht etwa ein anderer Weg beliebig wäre, sogleich der fahrenden Post übergeben werden, weshalb mir weitere geneigte Antwort erbitte.

Darf ich nach gemachtem Gebrauche hoffen, dieses der Akademie Jena so werthe Document auf dortiger Bibliothek in zwey bis drey Monaten wieder aufzustellen, so werde solches mit verpflichtetem Danke erkennen.

Schließlich hoffe ich denn auch Nachsicht zu erhalten, wenn ich mich dieser Gelegenheit bediene, Ew. Excellenz zu erwähnen, nicht allein wie lebhaft ich die Gunst empfinde, welche Hoch Dieselben seit so langen Jahren mir und meinem Bestreben geneigt erzeigen wollen, sondern auch hiernächst dankbar zu bemerken, daß Hoch Dieselben durch Beförderung manches tüchtigen Mannes auch mir manche Förderniß und Nachhülfe erwiesen; wohin ich namentlich die Anstellung des werthen Ernst Meyer in Königsberg zu rechnen habe.

Der ich, auch für die Folge mich zu wohlwollendem Andenken angelegentlichst empfehlend, mich in volkommenster Verehrung unterzeichne.

Ew. Excellenz

ganz gehorsamster Diener

Weimar den 24. Juni 1826. J. W. v. Goethe.

* An den Freiherrn Carl von Stein zum Altenstein, 3.6.1826 (WA IV, Bd. 42, S. 207 f., Nr. 42180):

[Concept.]

Ew. Excellenz

für die sorgfältige Rücksendung des jenaischen Manuscriptes auf's verbindlichste dankend, verfehle nicht die ferneren Wünsche des Herrn von [der] Hagen nach Möglichkeit zu erfüllen. Denn obgleich ein Manuscript, wie derselbe es bezeichnet, in Folio bey der weimarischen Bibliothek sich nicht befindet, so ist man doch im Besitz von einem in Quart und einem andern in Octav, deren nähere Beschreibung ich hier beyfüge.

Nehmen Hochdieselben diese Mittheilung als ein Zeugniß, wie sehr es mir angelegen seyn müsse, zu den großen und herrlichen Wirkungen Ew. Excellenz für die Wissenschaften und das Schöne auch von meiner Seite mit möglichster Bereitwilligkeit das Kleinste beyzutragen.

Der ich mir die gefällige Rücksendung gegen Michael wohl erbitten darf und Gegenwärtiges nicht abschließen kann ohne auszudrücken was sich von selbst versteht, daß alle weimarische Geister und Gemüther in Berlin mit den treusten Segenswünschen gegenwärtig sind.

Weimar den 3. Juni 1827.

[Beilage.] Zwey Manuscripte, ehemals zur Büttnerischen, gegenwärtig großherzoglich weimarischen Bibliothek gehörig.

Nr. 1 in quarto, neuerlich in altes Pergament gebunden, von Anfang herein nur einige Blätter mangelhaft, gegenwärtig aber auf 150 Blatt numerirt. Meistergesänge, wovon das Nähere zu Anfang von früheren Besitzern und Bibliothekaren gemeldet ist.

Nr. 2. ein starker kleiner Octavband, neuer Titel: Poesieen alter Meistersänger und Poeten, 235 Blätter beschrieben und 6 unbeschrieben am Ende.

* An den Freiherrn Carl von Stein zum Altenstein, 20.11.1828 (WA IV, Bd. 45, S. 64 f., Nr. 45052):

[Concept.]

Ew. Excellenz

meinen Dank für die Zurücksendung der mitgetheilten Manuscripte, welche nunmehr glücklich angekommen, gegenwärtig abzustatten, darf ich nicht ermanglen. Denn wenn auch der Verzug einer Zurücksendung dem Alterthums-Liebhaber gar wohl nachzusehen ist, welcher dergleichen Schätze, wofür er sie doch zu halten Ursache hat, nur so spät als möglich aus Handen gibt, so ist es doch zuletzt höchst angenehm, dieselben wieder an Ort und Stelle zu wissen.

Vergönnen Ew. Excellenz indessen, daß ich die Gelegenheit ergreife meine gefühlte Verehrung auszusprechen, indem ich der weitumgreifenden Wirkungen gedenke, womit Hochdieselben einen kaum übersehbaren Kreis erfüllen, Wirkungen, welche, ich darf es wohl gestehen, auch die Nachbarschaft berühren und selbst mich in meinem beschränkten Cirkel auf mannichfaltige Weise begünstigen. Nehmen Hochdieselben auch hierüber eine dankbare Anerkennung geneigt auf und erlauben mir die Ehre, mich mit hochachtenden und verehrenden Gesinnungen unterzeichnen zu dürfen.

Weimar den 20. November 1828.

* An den Freiherrn Carl von Stein zum Altenstein, 30.4.1830 (WA IV, Bd. 47, S. 50 f., Nr. 47039):

Hochwohlgeb. Freyherr,

hochverehrter Herr.

Ew. Exzellenz genehmigen einen alten Angeeigneten im Vertrauen auf eine schon oft erprobte Geneigtheit eine kurze bescheidene Vorstellung.

Friedrich Ernst Schubarth, ein Schlesier, gegenwärtig in Hirschberg, meldet mir daß er Hoffnung habe, von den Vorgesetzten der Bildungs-Anstalten dortigen Ortes, Hochdenenselben als zum Lehrfache tüchtig vorgeschlagen zu werden, und glaubt einige Erwähnung von meiner Seite werde nicht ganz ohne Einfluß zu seyn sich schmeicheln dürfen.

Ich aber wage bey dieser Gelegenheit nur soviel zu äußern: daß ich dem Lebens- und Studiengange dieses Mannes seit vielen Jahren mit Antheil gefolgt bin und ihn allerdings zu schätzen Ursache hatte, so daß ich nunmehr wohl wünschen möchte, die an Ew. Exzellenz abgehenden Berichte von der Tauglichkeit des Subjects zu einer solchen Stelle könnten hinreichen Hochderoselben Überzeugung zu begründen.

Findet er sich nun eines solchen Zutrauens werth, sind seine Wünsche und Hoffnungen deshalb zu erfüllen, so will ich nicht in Abrede seyn daß es mir in hohen Jahren Freude machen würde, den mannichfaltigen Talenten des Eingebornen solche pflichtmäßige Richtung vorgeschrieben zu sehen, wodurch seine Fähigkeiten und erworbene Fertigkeiten unmittelbar seinem Vaterland und der zu bildenden Jugend nützlich und förderlich seyn mögen.

Eifrig aber ergreif ich diesen gegebenen Anlaß Ew. Exzellenz bescheidentlich anzudeuten, daß die großen Wirkungen, die sich in Ihrem Geschäftskreise verbreiten, mir nicht unbekannt bleiben, sondern seit vielen Jahren Stoff zur Bewunderung geben und mich in der Verehrung bethätigen [sic], die ich frey und unbewunden aussprechend, mich zu fortdauernder Huld und Geneigtheit andringlich empfehle, indem es für ein Glück schätze mich unterzeichnen zu können.

Ew. Exzellenz

ganz gehorsamsten Diener

Weimar den 30. April 1830. J. W. v. Goethe.

* An den Freiherrn Carl von Stein zum Altenstein, 22.1.1832 (WA IV, Bd. 49, S. 211 f., Nr. 49155):

Hochwohlgeboren Freyherr,

hochzuverehrender Herr.

Ew. Excellenz erzeigten mir, es wird nicht ganz ein Jahr seyn, die überraschende Geneigtheit, mich in Kenntniß zu setzen: es sey Hochdenenselben gefällig gewesen, gnädige Einleitung zu treffen, auf welche Weise und unter welchen Bedingungen der Privatlehrer Schubarth zu Hirschberg in dem Staatsdienst angestellt werden könne. Ich verehrte darin im Stillen die hohe Vorsorge, daß kein Unwürdiger zu so bedeutenden Zwecken aufgenommen werde, und zugleich die Übersicht, wie allenfalls die Hindernisse in Ermangelung einiger Förmlichkeit zu beseitigen seyn möchten.

Nun erst erfahr ich daß es schon längst sich fügen konnte, genannten Mann zu einer Lehrerstelle an einer öffentlichen Anstalt bemeldeter Stadt zu befördern und ihm einen lebenslänglichen hinreichenden Unterhalt zu ertheilen.

Indem ich nun für meine Schuldigkeit erachte, die Erfüllung dieser Wünsche auf das dankbarste anzuerkennen, so bleibt mir nichts übrig als eine der Überzeugung sich nähernde Hoffnung, es werde der Begünstigte durchaus bemüht seyn, die Anlagen welche ihm die Natur gegönnt, die Talente die er sich durch Fleiß erworben, auch zu den unmittelbaren, ihm vorgezeichneten Zwecken anzuwenden und sich des hohen, in ihn gesetzten Vertrauens würdig zu machen.

Danckbar, verehrend

Ew. Exzell.

ganz gehorsamster Diener

Weimar d. 22. Januar 1832. J. W. v. Goethe.

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22. Süvern, Johann Wilhelm:

Überblick:

Goethe an Süvern:

15.10.1823 (WA IV, Bd. 37, S. 238 f., Nr. 37148)

21.6.1825 (WA IV, Bd. 39, S. 233 f., Nr. 39210)

Süvern an Goethe:

19.5.1800 (RA Bd. 3, S. 206, Nr. 707)

* An Johann Wilhelm Süvern, 15.10.1823 (WA IV, Bd. 37, S. 238 f., Nr. 37148):

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

mit wenigem zu überzeugen, daß Ihre gefällige Sendung zur gelegensten Zeit bey mir angekommen, darf ich nur berichten, über welcher Arbeit sie mich angetroffen.

Eine Chronik meines Lebens zu schreiben bin ich seit einigen Jahren beschäftigt; da dieses aber nur abgebrochen und theilweise geschehen kann, so fühl ich gar oft mit Unwillen eine gewisse Ungleichheit der Behandlung. Ew. Wohlgeboren trefflicher Aufsatz gibt mir nun hierüber auf einmal erfreulichen Aufschluß; ich sehe nämlich, daß, je nach dem die Stimmung ist, meine Chronik entweder ihren Charakter behält, oder sich zu Annalen, wohl gar zur Geschichte steigern möchte. Solchem klaren Bewußtseyn dürft es nun leichter werden, wo nicht mehr Gleichheit in die Ausführung zu bringen, doch vielleicht die Ungleichheiten weniger fühlbar und verzeilicher zu machen.

Möchte dereinst, wenn diese beabsichtigte Darstellung Ihnen zu Handen kommt, sie sich Ihres Beyfalls erfreuen, und der glückliche Einfluß eines würdigen Zeitgenossen daraus hervorgehen.

Weimar den 15. October 1823.

* An Johann Wilhelm Süvern, 21.6.1825 (WA IV, Bd. 39, S. 233 f., Nr. 39210):

Ew. Wohlgeboren

empfangen den gefälligst mitgetheilten Schillerschen Brief, nach genommener vergönnter Abschrift, mit dem größten Danke zurück. Ich mußte mich gar sehr freuen den edlen Freund in seiner vollen Energie auf diesen Blättern wieder zu erblicken. Die Maxime daß nur der Lebende Recht hat ziemt einem solchen Geiste; denn freylich, wer auf's Lebendige wirken will, darf am Vergangenen nicht mit allzugroßer Liebe verweilen.

Aber zugleich erneuert diese seine briefliche Äußerung das traurige Gefühl daß wir ihn nun schon zwanzig Jahre vermissen; man darf sich diesem Gedanken nicht hingeben; und ich eile mit der Bitte zu schließen: daß Sie mir als dem Überbliebenen, ein freundlich, wohl wollendes Andenken immerfort erhalten mögen.

ergebenst

Weimar den 21. Juni 1825. J. W. v. Goethe.

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23. Uhden, Johann Daniel Wilhelm Otto:

Überblick:

Goethe an Uhden:

17.9.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 304 f., Nr. 4722)

* An Johann Daniel Wilhelm Otto Uhden, 17.9.1803 (WA IV, Bd. 16, S. 304 f., Nr. 4722):

[Concept.]

Ew. Wohlgeb. haben bey dem freundlichen Besuche mit dem Sie uns auf Ihrer Durchreise beehrt, einer alten bronzenen Medaille erwähnt, welche auf das Florentiner Concilium verfertigt worden und sich in Florenz verkäuflich befindet.

Sollten dieselben etwa eine nähere Beschreibung in Ihren Papieren finden; so wollte ich darum gebeten haben, so wie um den Nahmen des Besitzers indem ich, durch Herrn Hackert, die Negotiation allenfalls erneuern könnte.

Herr Fernow ist diese Tage angekommen mit einem Fieber, das er glücklicherweise in Weimar verlor. Ich wünsche daß dieser brave Mann sich bald bey uns völlig erholen und sich einer lebhaften Thätigkeit erfreuen möge so wie ich den aufrichtigen Wunsch hege daß Ew. Wohlgeb. sich bey Ihrer Versetzung aus dem lieben und jetzt so traurigen Süden recht wohl befinden und in Ihren neuen Verhältnissen recht zufrieden leben mögen.

Der ich unter vielen Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin, meine werthe Landsmännin, mich mit besonderer Hochachtung unterzeichne.

Weimar am 17. Sept. 1803.

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24. Walter, Friedrich August:

Überblick:

Goethe an Walter:

14.1.1820 (WA IV, Bd. 32, S. 145, Nr. 32112)

* An Friedrich August Walter, 14.1.1820 (WA IV, Bd. 32, S. 145, Nr. 32112):

[Concept.]

Wohlgeborner,

insonders hochgeehrtester Herr!

Ew. Wohlgeboren haben durch die interessante Schrift: Die wiederhergestellte Malerkunst der Alten den weimarischen Natur- und Kunstfreunden ein höchst angenehmes Geschenk gemacht. Nur ein flüchtiger Durchblick läßt schon die Belehrung voraussehen welche sie Ihnen werden zu danken haben. Ich eile diesen Dank vorläufig abzustatten und mich Ihrem geneigten Andenken angelegentlich zu empfehlen.

Mit vorzüglicher Hochachtung mich unterzeichnend.

Weimar den 14. Jänner 1820.

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